Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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23 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Nach starkem Anfang hat die vielversprechende Story leider schnell an Klasse verloren..., 2. Dezember 2007
und schnell wurde klar, dass auch ein so talentierter und bekannter Autor wie Don DeLillo diesem Thema nicht wirklich gerecht werden kann. Die Protagonisten und deren Leben und Gedankenwelten bleiben irgendwie blass und für meinen Geschmack nicht ausreichend beschrieben, keiner der von ihm beschriebenen Lebensläufe bringt einem die jeweilige Person näher, oder macht deren Handlungen nachvollziehbar.
Viele einzelne Fäden, die jedoch zu keinem roten Faden in der Geschichte führen, und den habe ich irgendwie vermisst. Sehr schade, weil jeder wie hingestreut wirkende Gedankengang absolut spannend und vielversprechend klingt, dann aber nicht wieder aufgegriffen wird.
Trotzdem habe ich das Buch ganz gerne gelesen (es ist ja auch nicht so dick, und irgendwie wartet man doch immer auf den besonderen Moment), kann es aber nicht unbedingt weiterempfehlen. Wer aber an wirklich guten Romanen zu dem Thema 9/11 interessiert ist, dem sei hier unbedingt das Buch "Das gute Leben" von Jay McInerney empfohlen, das ist wirklich klasse!
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19 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Leider auch Delillo schafft's nicht, 16. November 2007
Ein wenig erinnert es an die jahrelang unbefriedigt gebliebene Sehnsucht der deutschen Literaturkritiker nach dem "großen Wenderoman", wenn man jetzt die Lobeshymnen oder Verrisse von Don Delillos Buch liest. Texte und Filme zum 11. September werden daran gemessen, ob sie den Schrecken, die Verstörung und auch das weltumspannende Entsetzen erfassen, künstlerisch verarbeiten und transzendieren können. Bei den Romanen ist es bisher schief gegangen: ob Beiderbecks "Windows of the World" oder "Jedermann" von Philip Roth oder Updikes "Terrorist". Das waren entweder peinliche, unglaubwürdige Einblicke in Terroristenhirne oder mit Bedeutung aufgeladene Beschreibungen von Opfergeschichten, die wenig mehr zu sagen hatten, als: Terror ist schlimm, Verlust ist tragisch. Und so waren diese Texte vor allem eins: Beleg dafür, dass das Thema die Autoren überforderte.
Leider scheitert auch Don Delillos Roman Falling Man. Überraschend ist das vor allem deshalb, weil man von ihm noch am ehesten erwartet hätte, einen Ton, eine Perspektive und vor allem eine Haltung gegenüber den Ereignissen und den Folgen des 11. September für das amerikanische Lebensgefühl zu finden. Kurz nach dem 11.9.2001 erschien sein grandioser Essay "In den Ruinen der Zukunft", in dem er in wenigen Absätzen das amerikanische Lebensgefühls Post 9/11 skizzieren konnte. Er hat seit dem zur Bedächtigkeit aufgerufen und die letzten Jahre damit verbracht über den 11.9. zu lesen und zu nachzudenken.
Und nun, sieben Jahre "nach den Flugzeugen" wie die Zeitrechnung pathetisch im Roman bestimmt wird, erscheint sein Buch.
Der Beginn von Falling Man ist noch vielversprechend: Der Leser wird zusammen mit Keith von einem Moment auf den nächsten in das Geschehen gerissen: beginnend mit der ersten Seite folgen wir Keith aus dem gerade einstürzenden WTC auf die Straße und hinein in seine eigentlich gescheiterte Ehe, die durch seine Rückkehr wiederbelebt wird. Die Geschichte der Ehe zwischen Keith und Lianne ist also nicht die nach 9/11 tausendfach geschilderte vom geliebten Ehemann oder der geliebten Ehefrau, die noch eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterließ und dann zu Staub wurde, sondern dies ist die Geschichte eines Überlebenden, dessen Distanz und Kälte seine Ehe zerrüttet hatte und der auch nach den Flugzeugenweiter kühl und distanziert ist - nur öfter zu Haus.
Es gehört zu den stärksten Passagen im Buch, wenn in den Tagen nach dem 11.9. das Alltägliche für Keith fast religiöse Bedeutung bekommt: die Spielkarte auf einem Tisch, eine Blüte oder ein einzelner Schuh auf der Straße werden zu einem Symbol für etwas, das der Leser genau wie die Hauptfigur Keith zwar spüren, aber nicht greifen können. Großartig ist auch die Beschreibung wie Keith, der in einem langen Marsch über die Treppen hinunter und hinaus aus dem zuerst getroffenen Turm, sich in den folgenden Wochen obsessiv mit seinem Körper beschäftigt, wie er sich hingezogen fühlt zu den Fitnessfanatikern in einem Studio, die ihren Körper stärker, schneller und widerstandfähiger machen wollen. Keith betreibt die Krankengymnastik für seine verletzte Hand wie eine Meditationsaufgabe, diszipliniert, konzentriert und auf eine mögliche Offenbarung hin gerichtet.
Besonders misslungen und deplaziert dagegen sind die Einschübe in dier Erzählung aus der Hamburger Islamisten-WG (Bart wachsen lassen, Koran lesen, onanieren) die Zeit der Terrorisen in den USA (Flugschule, Sexfantasien, Isolation) und dann im Anflug auf das WTC (Zweifel, Schmerz, Euphorie). Sie wirken in einer Weise zusammengeschustert und oberflächlich, dass man ob der belegbaren Fähigkeiten Delillos ein wenig erschüttert ist. Wie konnte es diesem Autor passieren, in solch billiger Art und Weise die Beweggründe der Terroristen als eine Mischung aus Gehirnwäsche, schwachem Ego und mangelnder Sex darzustellen? Wie konnte es einem Autor passieren, dessen Stärke in der Zusammenstellung fragmentarischer und vielstimmiger Erzählungen bestand, derart ungeschickt Szenen zu editieren? In "Falling Man" ergeben die Einzelteile zusammen kein Gesamtbild, sondern nur eine platte, zerfaserte Kakophonie von Erklärungsversuchen. Selbst wenn genau das beabsichtigt war, dass also die Einzelteile, sich einfach nicht zum Gesamtbild formen sollen, weil das Land und die Menschen nach 9/11 kein Zentrum mehr haben, dann muss der Autor wenigstens in Ansätzen bewegende Figuren schaffen, die den Roman tragen. Doch Delillo lässt sie lediglich Sätze aufsagen. Emotionen gibt es keine, selbst die Lust und die Liebe ist in dem Buch mechanisch und nicht in der Lage, den papierenen Hauptfiguren irgendwie Tiefe zu geben.
Gesprächen ähneln Monologen, sie handlen von Gott und Religion, der Theodizee, Islam und Gewalt und klingen wie in Dialogform transformierte Essay Skizzen, von denen man leider nichts über das Leben nach dem 11. September erfährt, sondern nur über Delillos Mühen, eine kohärente Haltung zu dem Geschehen zu entwickeln.
Das Buch ist ein echtes "Konzeptkonstrukt" und die Charaktere bleiben abstrakt, blass, wie von den unfertigen Ideen des Autors geführte Marionetten.
Am Ende schläft Keith mit einer Frau, die er nicht attraktiv findet, aber die eben auch WTC Überlebende ist (Motto: Schmerz verbindet), er wird zum professionellen Pokerspieler (Motto: das ganze Leben ist ein Quiz), seine Frau denkt an Kiergegaard, hat Angst vor Alzheimer (Motto: Gott ist ekrlärbar und Vergessen kann auch heilsam sein), die arabische Musik einer Nachbarin führt zu Handgreiflichkeiten (Motto: die Nerven liegen blank, die Gewalt muss sich irgendwo entladen, der Araber ist schuld). Das alles reicht weder als Roman, noch als Erklärung. Das Buch ist ein weiterer, leider gescheiterter Versuch den 11.September sowohl als Symbol, künstlerisch und in der Bedeutung für Betroffene zu beschreiben.
Zu groß, zu gut dokumentiert erscheint die Wirklichkeit dieses Terrorakts, als dass es (bis jetzt!) einem Roman gelingen konnte, dem noch etwas hinzu zu fügen. Das alles spricht nicht gegen diesen ansonsten grandiosen Autor, sondern beweist nur einmal mehr, wie dieses Ereignis das Land bis zur Hilflosigkeit umwälzte.
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16 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Unterschätze niemals die Macht der kollektiven Verdrängung!, 26. Oktober 2007
Es gibt Bilder, die sind für das kollektive Gedächtnis einer Nation zu traumatisierend, um gespeichert und weitervermittelt zu werden. Die Bilder der in die Türme des World Trade Centers stürzenden Flugzeuge gehören nicht in diese Kategorie. Ebensowenig wie das Insichzusammenfallen dieser beiden Symbole des Western Way of Life. Die amerikanische Öffenlichkeit hat sich an diese Eindrücke gewöhnt und sie in die Geschichte ihrer Nation zu Beginn des 21. Jahrhunderts integriert. Doch es gibt ein Bild, welches nur am 11.9.2001 und den kommenden zwei oder drei Tagen über die Bildschirme flimmerte. Ein Bild, welches danach nie mehr gesendet wurde, da die hier zum Ausdruck kommende Hilflosigkeit das Selbstbild der einzig verbliebenden Supermacht in seinen Grundfesten erschütterte. Es ist das Bild des bis heute namentlich unbekannten falling man, der vor der silbernen Silhouette eines der beiden Türme scheinbar friedlich dem sicheren Tod entgegenrast. In seinem lang erwarteten 9/11-Roman "Falling Man" prügelt Don DeLillo dieses amerikanische Trauma zurück in das Gedächtnis seiner Landsleute.
Der Roman behandelt das Nach-9/11-Leben von Keith, seiner Frau Lianne und dem gemeinsamen Sohn Justin. Keith hat den Anschlag in einem der Türme leicht verletzt überlebt, ist aber seit diesem Tag ein völlig anderer Mensch. Lianne, die sich schon vor den Attentatten von ihrem Mann entfremdet gefühlt hat, verdrängt ihre eigenen Probleme, indem sie eine Selbsthilfegruppe leitet nd voll und ganz in den Problemen deren Mitglieder aufgeht. Justin behauptet steif und fest, dass die Türme noch stehen würden und sucht den Himmel mit einem Fernglas nach Flugzeugen ab. Und dann ist da noch dieser Performance-Künstler, der sich, nur geringfügig gesichert, von Brücken und anderen Gebäuden herabstürzt und somit das Trauma wach hält, "the single falling figure that trails a collective dread, body come down among us all" (33).
Keith schottet sich immer mehr ab und ist zu einem normalen Familienleben kaum mehr fähig: "He would need an offsetting discipline, a form of controlled behaviour, voluntary, that kept him from shambling into the house hating everybody" (143). Er widmet sich ganz dem Pokerspielen und verbringt immer mehr Zeit im Zockerparadies Las Vegas. Dieses Spiel mit den einfachen Regeln und doch unendlichen Möglichkeiten gibt seinem Leben halt und verhindert sein Abdrifften in den Wahnsinn: "The cards fell randomly [...] but he remained the agent of free choice [...] then, always, in the crucial instant ever repeated hand after hand, the choice of yes or no. Call or raise, call or fold [...] the choice that reminds you of who you are" (211f.).
Die Charakterisierung von Keith gehört zu den Stärken des Romans. Überzeugend und fesselnd konsruiert Don DeLillo das Bild eines seelisch von 9/11 zerstörten Menschen, der verzweifelt nach Sinn, Halt und Stabilität sucht. Dafür bleiben andere Charaktere oberflächlich und weniger überzeugend. Unpassend wirken auch die Passagen aus Sicht eines der 19 Attentäter, von der Vorbereitung in der Hamburger Marienstraße bis zum bekannten Ende.
Fazit: Trotz der erwähnten Schwächen bleibt "Falling Man" auf jeden Fall lesenswert, auch wenn man von DeLillo irgendwie mehr erwartet hätte. Die abschließenden zehn Seiten entschädigen jedoch für Einiges und gehören zum Besten, was jemals über dieses Thema geschrieben worden ist. Für mich der bessere 9/11-Roman bleibt aber unangefochten "Extremly Loud and Incredibly Close" von Jonathan Safran Foer.
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