Chvatíks Buch über das Werk Milan Kunderas stellt einen interessanten Versuch dar, Kundera in die europäische Erzähltradition einzuordnen und dessen Werk im Ganzen zu interpretieren.
Diese angenehme Aufgabe ist dem Autor, meiner Meinung nach, nicht vollkommen gelungen. Formal betrachtet ist das Buch '"Die Fallen der Welt" leider veraltet, es fehlen in den Betrachtungen Chvatíks fünf Bücher Kunderas (Die Langsamkeit, Die Identität, Die Unwissenheit, Verratene Vermächtnisse, Der Vorhang), was den Anspruch auf eine Gesamtinterpretation doch sehr einschränkt.
Nach einer aufschlussreichen Einleitung widmet sich der 'Interpret' Kunderas Büchern in Reihenfolge ihres Erscheinungsjahres (von "'Der Scherz"' bis zur '"Unsterblichkeit'", '"Jacques und sein Herr"' wird nur am Rande erwähnt). Diese Analysen beinhalten interessante Ansätze zur Betrachtung, die aber leider viel zu kurz kommen. So verweist der Autor u.a. zwar auf die Beziehung zwischen der '"unerträglichen Leichtigkeit des Seins'" und '"Anna Karenina'" aber tiefgründig geht er nicht darauf ein. Dass es eine Verbindung gibt, fällt dem (aufmerksamen) Leser ohnehin auf. Gerade die Ausführungen Chvatíks zur '"Unerträglichen Leichtigkeit des Seins'" sind auf nicht einmal zwölf Seiten begrenzt.
Die Zitate, die der Autor nennt, stammen größtenteils aus Kunderas Werken und werden hier aneinander gereiht, wobei die Erklärungen oder die vermeintlichen Interpretationen zu kurz kommen, was sehr schade ist, denn gerade hier lag ja Anspruch und Chance des Buches. Statt Interpretationen gibt Chvatík teilweise seine eigenen Erfindungen wieder (Tomas aus der '"unerträglichen Leichtigkeit"' war Chirurg, nirgends in der deutschen Ausgabe steht etwas davon, dass er Neurochirurg war, wie Chvatík behauptet). Aber vielleicht sind das nur unterschiedliche Auslegungen vom Begriff 'Interpretation'. Daneben überträgt Chvatík Betrachtungen des Romanerzählers auf Milan Kundera und legt sie als dessen Ansichten aus. Paradoxerweise stellt Chvatík selbst heraus, dass dieser Erzähler letztlich auch nur eine Figur ist. Diese Erzähler-Figur mag vielleicht Kunderas eigene Ansichten kundtun, sicher ist es aber nicht.
Zwei Schwachstellen machen sich besonders am Anfang und im abschließenden Kapitel bemerkbar: Der Autor schreibt, für den Laien unverständlich, über die slawistische Romantheorie, wobei es hier dem Leser schwer fällt, den Zusammenhang zu Milan Kundera zu finden.
'"Die Fallen der Welt'" ist ein interessantes Buch, das einerseits unter Aktualität und anderseits unter der Oberflächlichkeit bei der Romanbesprechung leidet. Für Kunderafans ist das Buch sicher eine unterhaltsame Rekapitulation (ohne jedoch wesentlich Neues zu berichten). Für alle, die Kunderas Bücher (vom "'Scherz"' bis zur '"Unsterblichkeit"') nicht gelesen haben, ist die Lektüre dieses Buches nutzlos.