Neue Zürcher Zeitung
Kein Anständiger
Eine Untersuchung des Falls Theodor Oberländer
Er war ein «politischer Mensch» vom Schlage des von Stefan Zweig porträtierten Polizeiministers Napoleons, Joseph Fouché. Ungeachtet aller Wechselfälle der Geschichte gelang Theodor Oberländer eine glänzende Karriere in der späten Weimarer Republik, in der NS-Zeit und schliesslich in der frühen Bundesrepublik. Diesem Höhepunkt folgte der jähe Absturz in die politische Bedeutungslosigkeit. Den Aufstieg und Fall Oberländers hat Philipp-Christian Wachs, zwei Jahre nach dem Tod des Protagonisten, in einer materialreichen politischen Biographie aufgearbeitet.
Der 1905 im thüringischen Meiningen geborene Oberländer gehört zu jener in letzter Zeit häufig beschriebenen Generation deutscher Intellektueller, die von der Ideenwelt der bündischen Jugend, dem Ersten Weltkrieg und der von ihm ausgehenden Erschütterung bürgerlicher und nationaler Gewissheiten geprägt war. 1923 nahm Oberländer an Hitlers Marsch auf die Feldherrenhalle teil, 1929 wurde er in Agrarwissenschaft und 1930 in Nationalökonomie promoviert. Die Revision des Versailler Vertrages und eine aggressive «Volkstumspolitik» gegenüber Polen waren selbstverständliche Zielvorstellungen, zu denen ein militanter Antibolschewismus hinzukam. Binnen kurzer Zeit hatte Oberländer neben einer Professur in Danzig bzw. Königsberg Führungspositionen im «Verein für das Deutschtum im Ausland», im «Bund deutscher Osten» sowie in der «Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft» inne. Intrigen bereiteten seiner Karriere als Ostforscher jedoch ein baldiges Ende.
Im Krieg führte er den «Kampf gegen den Bolschewismus» daher nicht vom Katheder aus, sondern als Kommandeur eines Bataillons ukrainischer Freiwilliger. Dessen vermeintliche Beteiligung an einem Pogrom in Lemberg 1941 kostete Oberländer beinahe zwanzig Jahre später sein Amt als Vertriebenenminister im Kabinett Konrad Adenauers. Denn ebenso wie den Systemwechsel von 1933 hatte Oberländer auch den von 1945/1949 genutzt, um seine Karriere fortzusetzen. Zugute kam ihm dabei, dass er wegen seiner Kritik an der deutschen Besatzungsherrschaft im Osten in massiven Gegensatz zu Heinrich Himmler geraten war, so dass er sich nach 1945 als heimlicher Widerstandskämpfer anpreisen konnte. Adenauer brachte 1959 Oberländers ambivalente Rolle in der NS-Zeit auf die Formel: «Er war einer von den Anständigeren nicht von den Anständigen.»
Dieser mangelnde Anstand Oberländers zeigte sich nicht zuletzt an den obrigkeitsstaatlichen Methoden, mit denen er zunächst versuchte, jegliche kritische Äusserung über seine Vergangenheit zu unterdrücken. Auch nach seinem durch den Druck der öffentlichen Meinung erzwungenen Rücktritt wollte er in Dutzenden von Prozessen seine Rehabilitierung von dem Vorwurf erlangen, der «Mörder von Lemberg» zu sein, was gänzlich jedoch erst in seinem Todesjahr 1998 gelang.
Im «Fall Oberländer» spiegeln sich die Ab- und Umwege deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert wider. Doch so faszinierend dieser Lebenslauf auch ist: Die vorliegende Biographie ist in vieler Hinsicht unbefriedigend. Selbst namhafte Verlage produzieren heutzutage Bücher mit grosser Nachlässigkeit, denn offensichtlich hat kein Lektor den Autor davor bewahrt, einen Text zu veröffentlichen, der voller Schreibfehler, eingestürzter Satzbauten und falscher Metaphern ist. Ausserdem werden mehrere Textbausteine gleich zweifach verwendet, so dass dem Leser ein häufiges Déjà-lu-Erlebnis vergönnt ist. Für ein Personenregister scheint die Zeit ebenfalls nicht ausgereicht zu haben.
Doch schwerer als diese formalen und stilistischen Mängel wiegt die Tatsache, dass der Autor keine klaren Schlussfolgerungen aus seinen Forschungsergebnissen zieht und sich so dem Verdacht aussetzt, den eingetrockneten braunen Schlamm von Oberländer abkratzen zu wollen. Dessen Vorstellungen von deutscher «Führung statt Herrschaft» werden mit der Monroe-Doktrin gleichgestellt und ausschliesslich den monströsen Plänen aus dem Umkreis von Heinrich Himmler gegenübergestellt. Dass Oberländers Vision einer «Neuordnung» Osteuropas, die diesen Raum in einen Flickenteppich pseudoautonomer Satellitenstaaten ähnlich den «Bantustans» im Südafrika des Apartheid-Regimes verwandelt hätte, tatsächlich als vergleichsweise moderat erscheinen kann, liegt allein an dem Vergleichsmassstab. Doch auch Oberländers noch aus der Weimarer Republik stammende Vorstellungen hätten eine brutale «ethnische Flurbereinigung» zur Folge gehabt, wenngleich wohl eher mit dem Umzugswagen als mit dem Exekutionskommando.
Der Autor gesteht zwar durchaus ein, dass Oberländer den ersten Schritt auf dem Weg zum Genozid mitgegangen sei, suggeriert aber, dass er die weiteren Schritte nicht habe mitgehen wollen. Bedenkt man Oberländers von keiner Spur der Reue oder auch nur der Nachdenklichkeit über das eigene Tun getrübte Äusserungen nach 1945, erscheint jedoch die Annahme plausibler, dass er nur deshalb nicht mehr Schuld auf sich lud, weil ihm schlichtweg die Gelegenheit dazu fehlte. Bereits 1960 hat das CDU-Mitglied Franz Böhm eine ebenso zutreffende wie prägnante Bewertung Oberländers vorgenommen: «Oberländer ist niemals ein Gegner des Nationalsozialismus und niemals ein Freund der Demokratie gewesen und hat sich der Methoden, die während des Dritten Reiches im Kampf zwischen den kleinen und den grossen Matadoren üblich waren, ohne jede Skrupel bedient . . . Sein Verständnis für Fairness, Rechtlichkeit, Wahrhaftigkeit, Offenheit und menschliche Rücksichtnahme ist nur unvollkommen entwickelt.»
Hinter dieser Einsicht bleibt Wachs zurück, indem er Oberländer in die Nähe des Widerstands rückt. Vielleicht gibt es sie doch, die List der Vernunft und so möchte man hinzufügen die der Gerechtigkeit, die Oberländer von der politischen Bühne gefegt hat. Die Tatsache, dass er auf Grund einer von der DDR gesteuerten Kampagne wegen eines Verbrechens zurücktreten musste, das er nicht begangen hatte, macht aus dem rücksichtslosen Opportunisten Oberländer noch kein Opfer. Seine tatsächliche Schuld als Volkstumspolitiker wiegt womöglich noch schwerer als seine vermeintliche als Wehrmachtsoffizier. Das mag man als Ironie der Geschichte bezeichnen, aber der von Wachs bemühte Begriff der «Tragik» ist unangemessen, denn er verleiht Oberländer den Anschein historischer Grösse, die er nicht besass.
Christoph Jahr
Pressestimmen
18.06.2000 / BIZ Lektüre: Einfache Antworten gibt es nicht "Aus der ersten wissenschaftlichen Darstellung des 'Falls Oberländer' ist ein lesenswertes Buch geworden."
03.07.2000 / Der Spiegel: Der seltsame Professor "Eine Biografie, die Theodor Oberländer gerecht wird, ohne ihn harmloser erscheinen zu lassen, als er war."
19.08.2000 / General-Anzeiger: Theodor Oberländer "Ein umfassendes Sittengemälde der Nachkriegsära."
31.08.2000 / Hannoversche Allgemeine Zeitung: "Einer von den Anständigeren" "Ein Buch, das exemplarisch aufzeigt, wie ein deutsches Leben in diesem Jahrhundert verlief und wie sich der neue Staat nur langsam von den Schatten der Vergangenheit zu lösen vermochte."
11.12.2000 / Frankfurter Allgemeine: Umwälzende Neuordnungen "Die Justizgeschichte des Falles Oberländer ist Wachs hervorragend gelungen."
27.12.2000 / Süddeutsche Zeitung: Einmal nach oben und zurück "Wachs ist es gelungen, die Fülle von Materialien nicht nur logisch zu strukturieren, sondern sie auch mit leichter Feder darzustellen."
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
An Theodor Oberländer scheiden sich bis heute die Geister. War er ein Vordenker der Vernichtung oder ein verdienstvoller Patriot? Oberländer, Jahrgang 1905, gehörte zur akademischen Elite des Nationalsozialismus. Er leitete seit 1933 das Institut für Osteuropäische Wirtschaft in Königsberg und wechselte 1937 in das Amt "Ausland/Abwehr" der Wehrmacht. Bei der Besetzung Osteuropas war er federführend. 1953 wurde er unter Adenauer zum Bundesminister für Vertriebene ernannt. Er war Anfang 50, als Ost-Berlin ihn in einem Schauprozess wegen Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilte. 1960 konnte ihn Adenauer deshalb nicht mehr als Minister halten.
Wie kaum ein anderer verkörpert Theodor Oberländer die Widersprüche der jungen Bundesrepublik. Er durchlebte bewusst und als politisch denkender und handelnder Mensch mit der Weimarer Republik, dem Dritten Reich und der Nachkriegszeit drei Zeitepochen dieses Jahrhunderts, die Deutschland prägten. Er hat die junge Bundesrepublik mitgestaltet, doch ebenso die Schattenseiten des neuen deutschen Staates mitverantwortet. Sein Leben war Teil der Geschichte beider deutscher Staaten und ihres Umgangs mit der Vergangenheit. Philipp-Christian Wachs zeichnet ein politisches Lebensbild Oberländers, erhellt Konturen und Kontinuitäten seines Lebens, und dokumentiert die innenpolitischen Auswirkungen seines Falles innerhalb der Bonner Republik. Der Autor begleitet ihn von seinem 26. bis zu seinem 88. Lebensjahr und beleuchtet dabei die für den Fall Oberländer entscheidenden Lebensphasen. Das Buch stellt die erste Charakterstudie Oberländers dar - sie nähert sich ihm mit der Erkenntnis, dass Geschichte stets mit Geschichten zu tun hat. Insofern erzählt diese Studie mit dem Fall Oberländer ein Stück deutscher wie deutsch-deutscher Nachkriegsgeschichte.
Philipp-Christian Wachs hat für sein Buch erstmals sämtliche Briefe, Notizen und Tagebücher von Theodor Oberländer eingesehen. Er sprach mit einer Fülle von Zeitzeugen und erhielt außerdem Zugang zu Geheimdienstpapieren in Ost-Berlin, Moskau und den USA.
Der Autor
Philipp-Christian Wachs, geboren 1967 in Hamburg, ist Historiker und lebt in Berlin. Er studierte in Bamberg, Paris und Berlin Zeitgeschichte und internationale Beziehungen. Seit Jahren beschäftigt er sich mit der Geschichte der beiden deutschen Staaten.