>Der Zug rollt über eine hohe Brücke, ein Körper fällt in die Tiefe< mit diesen Worten beschreibt der Filmkritiker Peter W. Jansen die Schluss-Szene der 5teiligen Fernsehserie >Der Fall Maurizius nach dem Roman von Jakob Wassermann. <. Die TV-Serie entstand 1980/81, wird seitdem immer mal wieder im Fernsehen wiederholt und ist als DVD seit 2008 verfügbar. Die Serie ist keine der vielen peinlichen Verfilmungen, sondern eine echte Ergänzung zum Roman, der wiederum mehr ist als ein spannender Kriminalfall oder ein justizkritischer Beitrag.
Wie auch die anderen Filme des Regisseurs Theodor Kotulla wird auch Der Fall Maurizius im ersten Band der Reihe >Film und Schrift< (2005) durch P.W. Jansen und H. Ungureit ausführlich vorgestellt und analysiert. Hier soll die zeitlose Botschaft der TV-Serie herausgearbeitet werden, die zur Frage nach dem vollkommenen Menschen vordringt. Bezüglich dieser Frage bietet die vom Regisseur als Schluss des Filmes gewählte Szene die Auflösung des sich während 420 min Filmminuten entfaltenden und bis zum Ende spannenden Kriminalfalls. Zwei Dimensionen wirken dabei zusammen: der horizontale Ablauf, d.h. die sich langsam entfaltende zeitliche Entwicklung (der Zug) und die schnelle vertikale Bewegung (der fallende Körper), als Illustration der Transformationsdynamik im Übergangsbereich, wo das zeitliche Geschehen transzendiert wird.
Im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Jakob Wassermann seinen Roman schrieb, gehörte zur horizontalen Entwicklung z.B. die Formulierung der vereinheitlichenden Erkenntnisse der Relativitätstheorie und Quantenmechanik also überwiegend mentale Prozesse, während parallel dazu auf der physischen Ebene umwälzende Transformationen stattfanden, wie z.B. die zwei Weltkriege. Horizontale Veränderung kann aber auch materielle Entfaltung bedeuten z.B. in der Filmindustrie, der Rundfunk- und Fernsehproduktionen etc. wie das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Fall war. In dieser Zeit erfolgte die zugehörige vertikale Transformation im geistigen Bereich durch die zunehmende Verbreitung von Meditation in der Gesellschaft.
Aus dieser Sicht ist der 1928 erschienene Romans von Jakob Wassermann eine Vorahnung der radikalen physischen Umgestaltungen des gesellschaftlichen Gefüges in Deutschlands durch die zerstörerischen Transformationen der Nazi-Zeit, die zum Zweiten Weltkrieg führten. Demgegenüber erfasst die Romanverfilmung von 1980/81 mehr den undramatischen Verstehensprozess, der zur gewaltlosen Wiedervereinigung Deutschlands führte: Eine ausgleichende Entwicklung auf der physischen Ebene, durch zunehmende Verinnerlichung der vereinheitlichten Weltsicht, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt hatte. Insgesamt unterscheiden sich Roman und Film also durch den zeitbedingten Sichtwechsel vom Horizontal/Geistigen zum Horizontal/Physischen bzw. vom Vertikal/Physischen zum Vertikal/Geistigen.
Der Vergleich von Buch und Film lässt sich noch etwas weiterführen, wenn zur eigentlichen Ebene des Geschehens vorgedrungen wird, die von der ersten Szene des Films in konzentrierter Form illustriert wird. Im Buch findet sich diese Szene im 3. Abschnitt des 2. Kapitels ( des 1. Teils) und basiert auf einer persönlichen Erfahrung von Jakob Wassermann in seiner Jugendzeit, die er in >Mein Weg als Deutscher und Jude< (1921, 7. Abschnitt) so zusammenfasst:
>Der Prokurist fand eines Tages während meiner Abwesenheit in meinem Pult einige pornographische Photographien, ich wurde vor ein Tribunal zitiert, ich wusste von nichts, ich hatte dergleichen Bilder nie gesehen, ich verschmähte es mich zu verteidigen, verliess den Posten. Eine Praktikantin, die mir ihre Zuneigung geschenkt hatte, ruhte nicht, bis sie die Verschwörung aufgedeckt und den Schuldigen zum Geständnis gezwungen hatte.<
In dem der Film mit einer solchen Situation beginnt, charakterisiert er die gesellschaftliche Bedingung, die zwangsläufig zum Fall Mauritius führen muss; d.h. in den Worten von Jakob Wassermann: >die schwülen Lüfte des ahnungsvollen Tages, alles was (einem Gewitter) vorhergeht, was schuldvoll ist, was Verantwortung trägt.<
Alle Disharmonie in der Gesellschaft ist immer mit fehlgeleiteter sexueller Energie verbunden, was wiederum ihre Ursache in verletzter Männlichkeit und Weiblichkeit hat. Männlichkeit bedeutet im allgemeinsten Sinne: der neutrale Beobachter, das unbewegte Sein, die ruhevolle Wachheit, während Weiblichkeit das Potential zur Veränderung, die Natur, die kreative Intelligenz ist. Sind diese beiden Pole verletzt, dann ist das gesamte Leben gestört, denn sie wirken in jedem Atom in jedem Individuum.
Oberstaatsanwalt Andergast, gespielt von Heinz Bennent (geb. 1921 ), und das junge Mädchen Anna Jahn, gespielt von Charlott Grunert-Schüler (1958 -2010), repräsentieren die beiden gestörten Pole des Lebens und jeder der daran Anteil hat muss scheitern so wie alle mit dem Fall Maurizius verbundenen Personen und das ist letztlich die ganze Gesellschaft, die gesamte Zeitepoche.
Die Fernsehserie erntete viel Lob wegen der durchweg gelungenen schauspielerischen Besetzung, die den Irrtum des Intellekt deutlich sichtbar macht, den Jakob Wassermann als eigentliche Ursache für die Probleme im Lebens diagnostizierte. 50 Jahre nach Erscheinen des Buches als der Film entstand ist die Zeit lichter geworden und erleichterte das Aufspüren der Bewusstseinsstrukturen, durch die geistige Erneuerung des einzelnen und der Gesellschaft möglich wird. Das zur Erneuerung des Menschen erforderliche Wissens konnte am Ende des 20. Jahrhunderts deutlicher erkannt werden, so dass Befreiung unter allen Bedingungen möglich erscheint.
Nach dem Willen des Regisseurs darf sich die Geschichte nicht wiederholen und deshalb will er in dem Film die Wurzel allen Scheiterns offen legen: die schwärmerische Verzerrungen der letztlich nur lebensförderlichen Intelligenz-Qualitäten. Der Schleier, der über den handelnden Personen liegt, insbesondere über den beiden Repräsentanten der polaren Gegensätze des Lebens - Sein und Werden-, ist im Film so offensichtig dargestellt, dass es dem Zuschauer leicht gemacht wird ernsthaft nach dem vollständigen Menschen zu streben, als dem eigenen inneren Wesenskern, dem einheitliche Feld aller Gegensätze im eigenen Bewusstsein. Nur so kann sich jeder von allen Verletzungen der Vergangenheit befreien. Von aussen kann dazu nur der Anstoss kommen, sich auf die Suche zu begeben. Das Finden der Lösung geschieht immer nur innen im eigenen Bewusstsein.
Mehr noch als das Buch demonstriert der Film die Abkehr von der Suche im Äusseren und die >Unwiderruflichkeit< des Findens im Inneren.