Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Rassismus und der Verlust von Redlichkeit, 29. Mai 2009
U. Gellermann
Die Regeln für redliche Intellektuelle waren einst einfach: Wer unten war, dem wurde geholfen, wer oben war, der wurde geprüft. Dieses bewährte Prinzip hat sich, spätestens mit dem Auftreten von Muslimen auf dem Plan gesellschaftlicher Schöpfung, geändert. Denn Muslime sind gläubig. Anders als die Algerier der 50er Jahre, die Vietnamesen der 60er oder die Chilenen der 70er, denen der deutsche Intellektuelle gerne zur Seite trat. Auch tragen Muslime Bart, nicht die spitzen Lenin- oder Trotzki-Bärtchen, mit denen sich mancher im Westen in den 60ern schmückte, sondern solche Kaffeewärmer aus Haar, wie sie gern von DDR-Oppositionellen getragen wurden. Vor allem aber sind Muslime radikale Verlierer: Keine Industrialisierung wie die Chinesen, kein handgearbeitetes Karma wie die Tibeter und nicht einmal eine angebliche Bedrohung wie etwa Auschwitz für die Kosovaren. Schon der ehemals linke Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger lehnte die Muslime vor drei Jahren mit seinem Buch "Schreckens Männer" grundsätzlich ab: Er hatte seine Illusionen verloren, das sollten diese Verlierer zu spüren bekommen. Louis Begley, der amerikanische Intellektuelle jüdischer Herkunft, sieht das ein wenig anders.
Der Schriftsteller Louis Begley glaubt aus einem Alptraum aufzuwachen: Endlich ist die Bush-Zeit vorbei, die Zeit der Folter, der illegalen Masseninhaftierung, der ständigen Verletzung amerikanischer und internationaler Gesetze. Und weil der Alp gewichen und der böse Traum verarbeitet werden soll, hofft er im Vorwort seines neuen Buches auf die Wende durch Obama und schreibt als Titel: "Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte". Auch wenn seine Arbeit sich wesentlich der Dreyfus-Affäre widmet, jener antisemitischen Kampagne gegen einen französischen Offizier, begonnen im Jahr 1894, präsentiert er eine Fülle von Fakten und Informationen über Guantánamo, die nur einen Schluss zulassen: Guantánamo ist - im Vergleich der Rechtsbeugung und der rassistischen Motivation - der potenzierte Fall Dreyfus.
Der brave assimilierte Jude Dreyfus, der erfolgreiche Absolvent französischer Eliteschulen, der Sohn einer reichen Familie aus dem Elsaß sollte in den französische Generalstab aufsteigen. Das war für die verknöchert-katholische Offiziers-Kamarilla undenkbar. Als zufällig eine undichte Stelle im Generalstab aufgedeckt wurde, konstruierte sie aus dem Geheimnisverrat den Fall Dreyfus, einen Fall, den es nie gab und der den unschuldigen Hauptmann Alfred Dreyfus für Jahre auf die Teufelsinsel bringen sollte, ein frühes Vernichtungsgefängnis des französischen Staates. Die Affäre Dreyfus spaltete nicht nur ein Land, sondern auch eine ganze Welt in die Lager dummdreister Rassisten und solche, die im Rassismus eine gefährliche Krankheit sahen. Zu den letzteren gehörten auch die englische Königin Victoria, der amerikanische Schriftsteller Mark Twain und der Forschungsreisende Henry Morton Stanley.
Manchmal, so kann man glauben, landet das Fortschreiten der Zeit im Rückschritt: Kein europäisches Staatsoberhaupt dieser Tage hat sich für die Häftlinge von Guantánamo eingesetzt. Es gab keine große, europäische Medienkampagne zur Rettung der Häftlinge, wie es eine für Dreyfus gab, die im "Jaccuse", in der kühnen Anklage Emile Zolas, mündete. Riskiert man einen Blick auf das Deutschländchen, in dem wir leben, fällt einem das Schicksal des Murat Kurnaz ins Auge: Der gebürtige Bremer wurde für Kopfgeld von pakistanischen Behörden an die USA verscherbelt, um dann vier Jahre in Guantánamo misshandelt zu werden. Die USA wollte den Unschuldigen loswerden, die deutschen Instanzen wussten von Kurnaz und wollten ihn unbedingt dort lassen wo er war. Der damalige Kanzleramtsminister und heutige Außenminister Frank-Walter Steinmeier war über den Fall informiert und griff nicht ein. Kein Zola, nirgends.
Für die USA führt Begley den tiefen Schock nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als Erklärung für Perversion des amerikanischen Rechtssystems an. Eine eher hilflose Bemerkung über das "unbedachte Irak-Abenteuer der US-Regierung" macht deutlich, wie sehr der Autor, trotz aller Kritik, in falscher Loyalität zu seinen USA befangen ist. Der französischen Armee attestiert er das Trauma der Niederlage gegen die Deutschen im Krieg von 1870/71 als eine Ursache für die antisemitische Hysterie, die in der Verfolgung und Verurteilung des Alfred Dreyfus gipfelte. Im Fremden einen Feind sehen, das ist fraglos eine sehr beliebte Reaktion auf nationale Verunsicherungen. Mal ist es "der Jude". Dann sind es "die Muslime". Mal ist es die Schmach von Sedan, die gerächt werden muss, dann ist es Kampf gegen den Terror, der die einstürzenden Twin Towers vergessen machen soll.
Begley macht die Augen auf und sieht die Parallelen: Gesetzesänderungen waren nötig, um Dreyfus auf der Teufelsinsel zu inhaftieren, er unterliegt einer komplette Kontaktsperre, die Presse erhält keine oder falsche Informationen, der Häftling wird acht Wochen lang angekettet. Die Ketten der Häftlinge in Guantánamo waren ständig im Einsatz und die Methoden der Folter wurden fraglos weiter entwickelt: Schläge, sexueller Missbrauch, Demütigungen aller Art, Elektroschocks und Schlafentzug konkurrierten mit dem beliebten "Waterboarding". Und während Dreyfus nach vier Jahren die Teufelsinsel verlassen durfte, sind manche Guantánamo-Häftlinge seit 2002 im Lager inhaftiert, mehr als 200 warten immer noch auf rechtsstaatliche Verfahren.
Die Hoffnungen Begleys auf Obama haben erste Antworten erfahren: Der neue Präsident wendet sich gegen die Veröffentlichung von weiteren Folter-Fotos aus den Terror-Gefängnissen und gegen die Schliessung der "Militärtribunale", Einrichtungen, die dem Recht Hohn sprechen. Sie werden weiter über Häftlinge richten von denen manche schuldig sein mögen, kaum schuldiger als eine kriminelle Vereinigung rund um den ehemaligen Präsidenten der USA, die wohl kaum vor ein Tribunal treten werden muss. Das alles ändert nichts am Mut Begleys, den muslimischen Verlierern mit Leid zu begegnen, jenem Leid, dass redliche Menschen, sie müssen nicht Intellektuelle sein, empfinden, wenn anderen Unrecht geschieht. Weil sie wissen: Nach den jeweils anderen sind wir dran: Mit den Einschränkungen der Demokratie, mit der Verwicklung in Kriege, mit der Entscheidung für den Erfolg der Banken, des Weltwährungsfonds und dem Verlust von Redlichkeit.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Empfehlung, 5. Juni 2009
Das ist tatsächlich ein höchst interessantes und spannendes Buch. Es verknüpft die historischen Ereignisse der Affäre Dreyfus um 1900 mit den jüngsten weltgeschichtlichen Entwicklungen um 9/11 und dem Skandal um Guantanamo. Die Affäre Dreyfus ist mir aus der Lektüre von Marcel Proust und entsprechender Sekundärliteratur durchaus bekannt, aber ihre historische Verwurzelung in der Niederlage Frankreichs im Jahr 1871 wurde mir erst durch dieses Buch von Louis Begley klar. Begley legt sehr überzeugend dar, dass die Struktur der das Recht beugenden und brechenden Affäre Dreyfus sehr ähnlich ist den Geschehnissen um das Lager Guantanamo. Die psychologischen Mechanismen scheinen in der Tat sehr ähnlich zu sein. Es macht eine Freude dieses Buch zu lesen und dabei den Eindruck zu gewinnen, die jüngste Geschichte in ihrem Wahnwitz und ihrer Dynamik besser begreifen zu können. Daher: höchstmögliche Empfehlung!
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Der kurze Weg vom Vorurteil zum Urteil, 2. Juli 2009
Eine Parallele aus der Geschichte zeigt der bekannte Autor und Jurist Louis Begley an den Beispielen des Falles Dreyfus in Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts einerseits und 9-11 bzw. Guantánamo in den USA zu Beginn des 21. anderseits.
Beide Fälle sind gespickt mit Vorurteilen, fragwürdigen Ermittlungen und Prozessen, welche schliesslich zu Fehlurteilen führen, wobei der jeweils herrschende Zeitgeist wacker mitmischt.
Am Anfang stehen nationale Traumata, wie der verlorene Krieg von 1870/71 mit dem Verlust Elsass-Lothringens bzw. die Attacke auf die WTC-Türme inmitten New Yorks am 11.9.2001.
Alfred Dreyfus, ein Elsässer Artilleriehauptmann, war der einzige Jude im französischen Generalstab, als 1894 eine Spionageaffäre zu Gunsten des Deutschen Reiches in Paris aufflog. Das Hauptbeweisstück war eine weggeworfene Notiz, das sogenannte Borderau, welches eine Putzfrau im Dienst des französischen Geheimdienstes aus dem Papierkorb des deutschen Militärattachés in Paris fischte. Der Verdacht, dieses Schriftstück, mit Angaben zur französischen Artillerieausrüstung, verfasst zu haben, wurde sofort auf den Juden Dreyfus gelenkt, einem willkommenen Sündenbock, der seinerseits alles abstritt. Zu Recht, wie sich letztendlich herausstellte. Da aber unter allen Umständen Dreyfus als Schuldiger zu verurteilen war, wurde die Untersuchung unsorgfältig ausgeführt und man schreckte auch vor Manipulationen nicht zurück.
Der Fall führte zu Verwerfungen in der französischen Gesellschaft, die sich in "Dreyfusards" und "Anti-Dreyfusards" spaltete. Als wohl berühmtester "Dreyfusard" galt der Dichter Emile Zola mit seinem berühmten "J'accuse"- Artikel in der Presse. Begley zeigt, dass sich auch in Marcel Prousts Werk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" Spuren jener gesellschaftlichen Erregung finden lassen. Der damals grassierende Antisemitismus prägte auch in Frankreich den öffentlichen Diskurs.
Man deportierte schliesslich Dreyfus auf die Teufelsinsel vor Guyana, wo er vier Jahre unter unmenschlichen Umständen in Einzelhaft verbrachte. Ein Revisionsverfahren in Rennes endete 1899 wiederum mit einem Schuldspruch, aber im selben Jahr begnadigte ihn der Staatspräsident. Endlich 1906 wurde das Urteil von Rennes kassiert und Dreyfus rehabilitiert.
Unweit der Teufelsinsel liegt Guantánamo auf Kuba, Haftstätte jener, die im Nachgang zu 9-11 auf oftmals losen Verdacht hin (Islamist, zur falschen Zeit am falschen Ort) unter obskuren Umständen als "feindliche Kämpfer" von der Bush-Administration dorthin verfrachtet und "aggressiven" Verhören unterzogen wurden. Bislang fehlen jedwede rechtstaatlichen Verfahren und man kann nur hoffen, dass Präsident Obama diesen Schandfleck baldmöglichst tilgen wird. Beinah überflüssig zu sagen, dass gegenwärtig der Islam in der Regel vom hier herrschenden Zeitgeist etwas unter Generalverdacht gestellt wird.
Es ist das Verdienst Begleys auf die Parallelitäten und Zusammenhänge dieser Ereignisse hinzuweisen. Er tut dies unübersehbar sowohl als Literat als auch als Jurist. Einerseits macht dies das Buch lesbar, zum Anderen geht die Detailversessenheit des Juristen zu Lasten des Ersten zuweilen mit ihm durch, was mich zum Abstrich eines Sterns veranlasst.
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