Man könnte es das Hoeness-Syndrom nennen: Wie der heutige Wurstfabrikant und Fußballvermarkter Ulrich H. in der berühmtesten Szene seiner sportlichen Laufbahn einen kraftvollen Elfmeter deutlich oberhalb der Latte platzierte, so nimmt auch Michael Jürgs, der Ex-Chefredakteur der Boulevardlegenden TEMPO bzw. STERN, in seiner Biographie über Axel Springer sehr viel Anlauf, um mit sehr viel Kraft und beachtlichem Talent das Ziel weit zu verfehlen. Mit anderen Worten: Michael Jürgs hat, wie Andy Brehme sagen würde, eine große Schangse verspielt.
Denn Axel CAESAR Springer bietet genau den Stoff, aus dem glänzende Biographien sind. Schließlich war Springer der most hated man jener Generation, die heute die Regierungsbank drückt. Anno 68 war Springer nichts geringeres als der Inbegriff des bösen Kapitalisten und Volksverhetzers, den die Auflage von "BILD", "HÖRZU" und all den anderen Druckerzeugnissen seines Presse-Imperiums mehr beschäftigte als der moralische oder informative Wert von Sensationsgeschichten, mit denen er sein Vermögen verdiente. Springers Leben lieferte alle Zutaten für eine monströse Seifenoper: Extremer Reichtum, extreme Eitelkeit, extremes Sendungsbewusstsein, extremer Frauenverschleiß, extremer Größenwahn.
Eigentlich könnte man da als Biograph gar nichts falsch machen.
Michael Jürgs schafft es trotzdem, diese Steilvorlage zu vermasseln. Und der Grund ist ganz einfach: Jürgs fehlt der Überblick. Seine Pässe kommen nicht genau auf den Mann. Er spielt zu schlampig. Zu hektisch. Mit anderen Worten: Ihm fehlt die Souveränität. Jürgs ist kein lässiger, eleganter Spielmacher, der für Ordnung sorgt und exakt in den entscheidenden Momenten das Tempo beschleunigt oder eben drosselt. Nein, Jürgs ist eher ein Wadenbeißer. Er ist wahnsinnig fleißig und geht voll in die Zweikämpfe rein. Aber leider hat er halt nicht die nötige Technik, um den Ball wirklich zu beherrschen. Jürgs rennt blindwütig gegen den verhassten Gegner an, er begeht permanent unsinnige Fouls und verstolpert seine Chancen selbst dann, wenn er alleine vor dem leeren Tor steht. Was eigentlich schade ist.