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Produktinformation
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Der Geschäftsreisende Hans Arbogast gabelt an einem Septemberabend des Jahres 1953 eine Anhalterin auf. Noch am gleichen Abend schlafen die beiden heftig miteinander und plötzlich ist die junge Frau tot. Arbogast legt die Leiche am Straßenrand ab und kehrt nach Hause zurück. Kurze Zeit später meldet er sich bei der Polizei, die um Mithilfe der Bevölkerung gebeten hatte. Arbogast verwickelt sich zunehmend in Widersprüche, wird einem harten Verhör unterzogen und gesteht die Tat. Das Gerichtsverfahren nimmt durch das Gutachten des renommierten Gerichtsmediziners Maul einen überraschenden Verlauf -- aus Totschlag wird die Anklage Sexualmord. Arbogast wird zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Vierzehn Jahre später rollen der Journalist Sarrazin und der Anwalt Ansgar Klein den Fall erneut auf. Eine zentrale Rolle bei der Wiederaufnahme spielt das neue Gutachten der Ostberliner Gerichtsmedizinerin Katja Lavans, die im Prozessverlauf ein besonderes Verhältnis zu Arbogast entwickelt.
Hettche gestattet sich keine Verurteilung oder Heroisierung seiner Protagonisten, sondern zeigt den Fall in bedrohlich gleichförmigem und zurückgenommenem sprachlichen Duktus aus unterschiedlichen Perspektiven. Hier liegt der Kern der atemlosen Spannung, die sich für den Leser bis zum Finale stetig steigert. Beeindruckend ist vor allem die Schilderung der psychischen Veränderungen Hans Arbogasts durch jahrelange Haft. Nichts wird am Ende aufgelöst, einzig die Grenzen der Justiz und deren gefährliche Macht führt Thomas Hettche in seinem großartigen Roman eindeutig vor Augen. --Ulrich Deurer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Die Beschreibung, wie Arbogast langsam in der Zelle zu Grunde geht sowie das Verhältnis seines Anwalts mit einer Gutachterin aus der DDR sind für mich die Highlights in dieser 'Kriminalgeschichte'. Sehr gefallen hat mir auch der etwas lakonische (Schreib-)Stil von Hettche.
Der sehr negativen Kritik des 'Spiegel' kann ich mich jedenfalls überhaupt nicht anschliessen. Mir scheint, dort gab eher eine Antipathie des Verfassers gegen Hettche als eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Buch den Ausschlag für die Bewertung!
Ich kann den 'Fall Arbogast' nur jedem empfehlen, für mich war diese Werk ein Genuss.
Von einer Erdrosselung finden sie nichts.
Der Vertreter Hans Arbogast stellt sich kurz darauf der Polizei
und gesteht, er habe Marie im Auto mitgenommen und mit ihr
geschlafen. Dass er sie umgebracht habe, leugnet er, sie sei
wärend des Sexaktes tot zusammengebrochen.
Zunächst sieht es aus, als würde Arbogast, wenn überhaupt, dann
zu einer Gefängnisstrafe wegen Körperverletzung verurteilt.
Aber der ehrgeizige Staatsanwalt Oesterle zieht den renommierten
und angesehenen Gutachter Maul hinzu, der in seinem mündlichen
Gutachten im Gerichtssaal erklärt, Marie sei mit einem
Kälberstrick erdrosselt worden. Maul hat die Leiche nie gesehen,
er urteilt aufgrund eines schlechten Fotos.
Das Gericht verurteilt Arbogast zu lebenslanger Zuchthausstrafe.
Maul ist eine Koryphäe in der jungen Bundesrepublik. Niemand
wagt es, ihm zu widersprechen, niemand glaubt an Arbogasts
Unschuld. Die Anträge zur Wiederaufnahme des Verfahrens werden
abgelehnt.
So fängt Hettche seinen Kriminalroman an, der kein Kriminalroman
ist, sondern eher ein Justizthriller aus den Jugendjahren der
Bundesrepublik. Er zeigt, wie das Zuchthaus Arbogasts Charakter
zerstört, wie Seilschaften in Wissenschaft und Justiz arbeiten,
wie ein angesehener Wissenschaftler aus Starrsinn einen
eklatanten Fachfehler nicht zugeben mag, nicht vor sich, erst
recht nicht vor anderen.
Er zeigt, wie die "pikanten Details" des Falles Arbogast von
vorneherein zum Schuldigen gestempelt, Analverkehr, es muß ein
Perverser sein, es muss ein Lustmord sein.
Die Geschichte rollt langsam an, wird aber im Verlauf dann so
spannend, dass ich den Roman durchaus als Page-Turner bezeichnen
möchte, trotz eklatanter handwerklicher Mängel.
Hettche schildert manche Szenen, als wäre er ein blutiger
Schreibanfänger, da erinnern sich Personen an ihre eigenen
Gutachten und memorieren sie, damit der Autor dem Leser den Text
des Gutachtens zeigen kann.
Da lassen sich gleich mehrere Frauen schaudernd vor Lust (ist es
ein Lustmörder? ist er keiner?) mit Arbogast ein, darunter die
weltweit anerkannte Gutachterin aus der DDR, die in seinem
Revisionsprozess aussagt. Offenbar liebt Hettche solche Frauen. Dabei war der Originalgutachter ein Mann, der vom Westen in den Osten ging.
Da werden ab und zu dem Leser Schilderungen zugemutet, die aus
dem ersten Schreibkurs einer VHS zu stammen scheinen.
Da ist ein Stil, der anfänglich sicher und einfühlsam ist,
später aber Schnitzer enthält, die selbst mir sauer aufstoßen.
Egal. Hettche fesselt seinen Leser und beweist einmal mehr, dass
Leser auch handwerkliche Fehler verzeihen, wenn der Autor eine
Geschichte vorzuweisen hat und sie erzählen kann.
Und wenn er nicht nur eine Geschichte hat, sondern auch
Hintergrund, der mit der Geschichte verwoben, eine eigene
Spannung aufbaut. Der Starrsinn des westdeutschen Justizsystems,
das an einer einmal getroffenen Entscheidung siebzehn Jahre
festhält.
Der Starrsinn eines Wissenschaftlers, der Fehler begangen hat,
die selbst einem Anfänger der Gerichtsmedizin nicht hätten
unterlaufen dürfen. Der Starrsinn der Kollegen und die Furcht,
einer Koryphäe zu widersprechen, weil dies die Karriere kosten
würde.
Die genaue Schilderung gerichtsmedizinischer Sachverhalte,
manchmal auch interessante Abschweifungen. Was war das erste
Buch über Gerichtsmedizin? Ein chinesisches aus dem dreizehnten
Jahrhundert. In Europa kam dieses Fach erst sehr viel später zu
Ehren.
Der Fall Arbogast war in Wirklichkeit der Fall Hetzel, spielte
in Offenburg und der Gutachter war Professor Ponsold. Hetzel war
einer der wenigen Fälle der Fünfziger und Sechziger Jahre, in
denen eine Revision gelang. Aber auch das nur in der Aufbruchstimmung der ausgehenden Sechziger Jahre und nur mit
Hilfe eines Gutachters aus der DDR.
(C) Hans Peter Roentgen
Ich kann dieses Buch absolut empfehlen, es war das Beste welches ich seit langem gelesen habe.
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