Man kann alt werden wie ein Stein, sich für Bücher, Kunst und Kultur interessieren, in den 60er Jahren schon gelebt haben und trotzdem entgehen einem Namen wie der von Edie Sedgwick. George Hickenloopers Film Factory Girl, bereits im Jahr 2006 abgedreht, hat jetzt ein paar diesbezügliche Wissenslücken bei mir gefüllt. Und das auf sehr interessante Art und Weise.
Edie Sedgewick(Sienna Miller) wird 1943 in Santa Barbara als Tochter eines patriarchischen Ranchbesitzers und Bildhauers geboren. Ihre Kindheit verläuft, trotz allem Reichtum, psychotisch und wirr. Sie lernt sehr früh die Psychiatrie kennen. 1964 geht sie nach New York und begegnet dort 1965 dem jungen Andy Warhol(Guy Pearce). In Warhols Dunstkreis der Upper Class wird Edie zum ersten It-Girl der Popkultur. Warhol betrachtet sie als seine Muse, nimmt sie mit in seine Factory, einen alten Fabrikgebäudekomplex, dreht mit ihr Filme und will sie zu seinem Alter Ego formen. Edie wird über Nacht bekannt und zu einer Ikone der Popart Kultur. Aber während Warhol Kunstwerke aus Suppendosen herstellt gerät Edie sehr schnell in den gefährlichen Kreislauf von Parties, Drogen und Publicity. Sie hat ein kurzes, aber heftiges Verhältnis mit einem Rockstar(Hayden Christensen), wird dann von Warhol links liegen gelassen und zerbricht daran. Schwer drogensüchtig findet Edie nicht mehr aus dem Strudel des Untergangs heraus und bricht zusammen. Aus der ehemaligen Szeneschönheit ist eine bedauernswerte, todkranke Frau geworden.
Einen Neuanfang gibt es, jedenfalls scheinbar, als sie New York wieder verlässt, therapiert wird, und einen Mitpatienten heiratet. Aber bei einem Drogenrückfall stirbt Edie 1971. Das nur zur Kenntnis, der Film geht darauf nur mit einer kurzen Einblendung ein.
Hickenlooper reißt mit Factory Girl den 60er Jahren den Schleier aus Verklärung und Vergessen vom Gesicht. Es geht in seinem Film nicht um die Huldigung einer wunderbaren Zeit, sondern Hickenlooper zeigt uns das Karusell aus Karriere, Macht, Geld und Erfolg, wie es heute noch ganz genau so funktioniert. Missgunst, Drogen, Eifersucht und Selbstherrlichkeit bestimmen Warhols Umgebung. Nichts davon hat mit Flower Power oder Menschlichkeit zu tun. Andy Warhol kommt im Film nicht besonders gut weg. Sollte die Filmhandlung gut recherchiert sein, müssen wir Warhol posthum nicht nur als genialen Künstler, sondern auch als Menschen mit großen sozialen und moralischen Schwächen betrachten. Einen anderen Rückschluss lässt Hickenloopers Darstellung von Warhol nicht zu.
Sienna Miller spielt Edie Sedgwick fast deckungsgleich eins zu eins. Wer sich Bilder der "echten" Edie anschaut, wird verblüfft sein. Diese Ähnlichkeit ist der Wahnsinn. Hayden Christensen als Bob Dylan ist gewöhnungsbedürftig, aber durchaus interessant. Guy Pearce gibt Andy Warhol so verstörend wie gut.
Die Jahreszahlen mögen sich geändert haben, aber der Hype um den Ruhm bleibt auf ewig gleich. Wenige sonnen sich im Licht der Scheinwerfer, ein Teil der Menschen aus dem Umfeld der Stars geht jämmerlich vor die Hunde. Edie Sedgewick war eine von ihnen. Ihre Geschichte ist noch immer aktuell, wird von Hickenlooper spannend erzählt und man kann eine Menge dabei lernen. Sehenswert!