In FABLES erweckt Bill Willingham alte Märchenfiguren wie den Großen Bösen Wolf, Dornröschen und Hans (der mit der Bohnenranke) zu neuem Leben. Seine Auswahl scheint dabei etwas willkürlich und enthält neben Figuren aus überlieferten und von Männern wie den Gebrüdern Grimm und Joseph Jacobs niedergeschriebenen Märchen auch Charaktere aus Sagen (Wieland der Schmied) sowie Kunstmärchen (Andersens Däumeline, Collodis Pinocchio, der Blechmann aus Baums WIZARD OF OZ) und -fabeln (Kiplings Shir-Khan).
All diese Wesen existieren also im FABLES-Universum. Ihre Lebensläufe decken sich auch grob mit den Geschichten, aus denen sie stammen. Anstatt aber glücklich bis ans Ende ihrer Tage zu leben, müssen sie aus ihren jeweiligen Welten fliehen, als diese von einem ominösen Feind überrannt werden. Sie fliehen durch magische Portale in die einzige Welt, an der der Feind nicht interessiert zu sein scheint, die Welt der "Banalen" oder "Weltlichen" oder "Magielosen" (drei Versuche meinerseits, das englische "mundane" zu übersetzen; das dt. "mondän" ist leider was anderes). Diese Weltlichen sind Menschen, die nur einen Bruchteil der Lebenserwartung des durchschnittlichen Fabelwesens haben und keine Magie kennen. Die Weltlichen, das sind wir.
Weil die Magielosen eindeutig in der Überzahl sind und vermutlich nicht freundlich auf die Anwesenheit von ein paar hundert Zauberwesen (sich selbst nennen sie "Fabeln") reagieren würden, und weil außerdem ein gewisser Zusammenhang zu bestehen scheint zwischen der Existenz der Fabeln und dem Glauben der Magielosen an sie als Märchen, leben die Fabeln im Verborgenen. Genauer gesagt, in einem abgeschotteten Appartementkomplex in New York sowie, für die weniger menschenähnlichen Fabeln, einer magisch vor Neugierigen geschützten Dorfgemeinde auf dem Land.
Interessant ist an FABLES nicht nur, wie diese beiden Welten gegenübergestellt werden. An diesem automatisch entstehenden Kontrast scheint Willingham auch gar nicht so sehr interessiert zu sein. Es sind die Charaktere, die den Leser begierig den nächsten Comic erwarten lassen. Wie gesagt, ihre Biographie vor der Flucht vor dem Feind scheint zunächst vertraut, aber Willingham nimmt sich einige Freiheiten heraus, um den Figuren neues Leben einzuhauchen.
So verschmilzt er beispielsweise die beiden an sich verschiedenen Charaktere Schneewittchen und Schneeweißchen (die auf Englisch sowieso beide Snow White heißen) zu einer Person, die zwar einmal etwas mit Zwergen zu tun gehabt hat, aber nicht darüber sprechen will, und im Dauerclinch mit ihrer rebellischen Schwester Rosenrot liegt, seit letztere sie mit ihrem Ehemann (Prince Charming, der keinen deutschen Namen hat) betrogen hat. Inzwischen ist sie stellvertretende Bürgermeisterin der Fabel-Gemeinde in New York und diejenige, die die eigentlichen Entscheidungen trifft. Prince Charming ist ein Frauenheld, der nicht nur mit Schneewittchen, sondern auch mit Dornröschen und Aschenputtel verheiratet war und sich in New York zunächst von Bett zu Bett schläft (an der Seite magieloser Frauen, versteht sich, und nur so lange, wie diese interessant sind für ihn). Der Große Böse (-> Grobi, bzw. im Original, wo das nicht ganz so bescheuert klingt, Bigby) Wolf ist gar nicht so böse, kann zwischen Wolfs- und Menschengestalt hin- und herwechseln und übernimmt in New York die Rolle des Polizeichefs/Sicherheitsbeauftragten der Fabel-Gemeinde.
Der vorliegende Band ist Nr. 3. Sowohl der erste als auch der zweite waren in sich abgeschlossene, wenn auch aufeinander folgende, Geschichten (#1: Bigby klärt den Mord an Rosenrot auf, #2: die "tierischen" Fabeln der Exklave proben den Aufstand). Diesmal werden statt wie bisher fünf acht Comichefte zu einem Band zusammengefasst.
- Bag o' Bones: Ein Füllcomic, der mit den fortlaufenden Handlungssträngen der Serie nicht viel zu tun hat. Willingham verknüpft die Figur Hans (mit der Bohnenstange; Jack im Original) mit einer Reihe amerikanischer Volkslegenden, deren Protagonist ebenfalls Jack heißt. Zunächst beschummelt Hans/Jack den Teufel beim Kartenspielen und gewinnt so einen nimmervollen Sack, dann versucht er, eine schöne Maid zu retten, indem er den Tod einfängt (was Konsequenzen hat). Ganz spaßig; vielleicht noch mehr, wenn man die beiden Geschichten, die hier adaptiert werden, vorher kennt (anders als ich) und weiß, was anders ist.
- A Sharp Operation / Dirty Business: Ein angesehener Journalist hat jahrelang die Fabeln beobachtet, ihre Langlebigkeit und magischen Fähigkeiten entdeckt und will seine Recherchen jetzt veröffentlichen. Wolf, Hans, Blaubart und ein paar andere müssen das verhindern. Es zeigt sich hier zum ersten Mal eine gewisse Dunkelheit und Ernsthaftigkeit, während die früheren Geschichten eher auf Humor abgestellt waren.
- Storybook Love: Als die Mäusepolizei entdeckt, dass Goldlöckchen (aus dem Märchen mit der Bärenfamilie), die Anführerin der gescheiterten Revolution auf der Fabel-Exklave, in New York Unterschlupf gefunden hat, muss ihr Liebhaber schnell handeln: über Umwege schleust er den Wolf und Schneewittchen aus der Stadt aufs Land, wo Goldlöckchen die beiden umbringen soll. Auch diese vierteilige Geschichte ist eher der ernsthaften Ecke zuzurechnen, mit (teils sogar tödlichen) Konsequenzen für einige der Charaktere.
- Barleycorn Brides: Wieder ein Füllheft, um Mark Buckingham, der die regulären Hefte illustriert, eine einmonatige Ruhepause zu verschaffen. Die Zeichnungen von Linda Medley sind "cartooniger" und farbenfroher als sonst, was gut zur erzählten Geschichte passt. Willingham erfindet hier einen Ursprung für die Figur John Barleycorn (keine deutsche Entsprechung, und eigentlich eine Personifikation des Alkohols).