Aus der Amazon.de-Redaktion
Fabian ist ein arbeitsloser Germanist, der durch die Großstadt Berlin zieht auf der Suche nach Arbeit, auf der Suche nach Kontakten. Wir erleben mit, wie er Menschen trifft, die ihn kaufen wollen, wie sich seine Freundin prostituiert, um Schauspielerin zu werden. Sein bester Freund begeht Selbstmord wegen einer lächerlichen Bemerkung. Ein Erfinder tritt auf, der seine Erfindungen, die Arbeitsplätze vernichtet haben, zurücknehmen will, was nicht geht. Die Stadt ist in Auflösung begriffen, die Menschen leben wie in einem Irrenhaus, einem hoffnungslosen, unbarmherzigen Labyrinth.
Fabian ist ein Außenseiter, ein Moralist, seine Waffe ist die Beobachtung, die Distanz, die durch sarkastische Bemerkungen hergestellt wird. Sein Anspruch besteht darin, zuzusehen, "ob die Welt Talent zur Anständigkeit hat". Kästner stellt dem Moralisten Fabian, ein Mensch übrigens, der moralisch integer ist, ohne dass ihm dies als Lebensentwurf bewusst ist oder er den Zeigefinger erhebt, menschliche Korrumpierbarkeit, Gewissenlosigkeit und Anpassung entgegen. So finden sich im Buch eine ganze Reihe von wirklich gelungenen satirischen Spitzen, wie z.B. eine Tombola, bei der Nahrungsmittel verlost werden oder eine Pöbelei von Menschen als Abendunterhaltung. Kästners Beschreibungen der Menschen sind bissig und schonungslos. Charakteristisch für die Moral der Menschen ist das Verhalten des Redakteurs Müntzer, der etwas unterstützt, an das er nicht glaubt und dessen Falschheit er durchschaut. Von Müntzer heißt es, dass er sein Gewissen chloroformiert hat.
Fabian ist ein Roman mit vielen wirklich gelungenen zeitkritischen Beobachtungen, die auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Schließlich steht im Zentrum von Kästners Gesellschaftskritik die menschliche Schwäche, die Lethargie, genau um die Falschheit der Verhältnisse zu wissen, aber nichts dagegen zu tun -- und diese Kritik hat auch heute nichts von seiner Berechtigung verloren. --Christoph Steven
Buch der 1000 Bücher
Fabian
OA 1931 Form Roman Epoche Neue Sachlichkeit
Mit seinem Roman Fabian mit dem Untertitel Die Geschichte eines Moralisten schrieb Erich Kästner eine der gelungensten Satiren auf die Zustände in Berlin zur Zeit der Weltwirtschaftskrise.
Inhalt: Der 32-jährige Jakob Fabian arbeitet als Werbetexter bei einer Zigarettenfirma. Sein Leben verläuft plan- und ziellos. Er knüpft immer wieder sporadische Beziehungen zu Frauen an, ohne sich auf eine festzulegen. Ihm mangelt es an konkreten Zielen, an denen er sein Leben ausrichten und diesem so einen Sinn verleihen könnte. Fabians Gegenbild ist sein Freund Stefan Labude. Der vernünftig handelnde Akademiker ist aufgrund seiner Herkunft finanziell abgesichert und setzt sich aktiv für gesellschaftspolitische Veränderungen ein.
Fabians Leben scheint erstmals eine Richtung zu bekommen, als sich eine ernsthafte Liebesbeziehung zu der Juristin Cornelia Battenberger anbahnt. Doch als Fabian arbeitslos wird, verlässt ihn Cornelia nach einiger Zeit. Auch für Labude wendet sich das Leben zum Schlechten: Er verliert ebenfalls seine Freundin und muss erfahren, dass seine Habilitationsschrift auf Ablehnung gestoßen sei. Auf diese Nachricht hin erschießt er sich wie sich herausstellt, handelte es sich jedoch nur um den üblen Scherz eines Assistenten. Der Selbstmord seines Freundes führt bei Fabian zu dem Entschluss, Berlin zu verlassen. In Dresden sucht er die Stätten seiner Kindheit auf. Das Angebot, bei einer rechtsgerichteten Zeitung zu arbeiten, schlägt er aus. Fabian plant, für einige Wochen ins Gebirge zu fahren, doch beim Versuch, einen in den Fluss gestürzten Jungen zu retten, ertrinkt er.
Aufbau: Fabian ist ein Großstadtroman nach dem Vorbild des 1929 erschienenen Werks Berlin Alexanderplatz von Alfred R Döblin. Der ziellose Protagonist Fabian wird in seiner Passivität zum Beobachter. Er streift durch die Stadt, begibt sich in Kaufhäuser, Bordelle, Cafés, Zeitungsredaktionen und das Arbeitsamt; er trifft Bettler, Prostituierte, Bürger und Arbeitslose. Zwar bleibt er als reiner Beobachter unbeteiligt, doch als »Moralist« urteilt er über seine Umwelt und kommentiert in ironischem Ton das Treiben der Großstadt. Der Leser erhält so einen umfassenden Einblick in das facettenreiche Leben der Stadt und die Zustände im krisengeschüttelten Berlin Ende der 1920er Jahre.
Kästner hatte für den Roman ursprünglich den Titel Der Gang vor die Hunde vorgesehen und hiermit nicht nur den Lebensweg Fabians, sondern auch die politische Entwicklung in Deutschland bezeichnen wollen. Dem Wahrnehmungsmuster des modernen Großstadtlebens entspricht die Form des Erzählens: Der Roman ist in 24 kurze Kapitel gegliedert, die Handlung wird bestimmt von einer schnellen Szenenfolge und abrupten Szenewechseln.
Wirkung: Der Roman war gleich nach seinem Erscheinen außerordentlich erfolgreich. Bereits nach einer Woche war die erste Auflage vergriffen. Schriftstellerkollegen wie Hermann Kesten (190096) äußerten sich anerkennend. Dem Erfolg beim Publikum stand von Beginn an allerdings eine große Zahl kritischer Stimmen entgegen. Fabian wurde als Zeugnis der neuen Sachlichkeit gewertet, das für diese Strömung typische Fehlen einer politischen Aussage von linksgerichteten Kritikern wie Walter R Benjamin scharf angegriffen. Der Roman gilt in dieser Hinsicht bis heute vielen als Vorbote der inneren Emigration des Autors während der nationalsozialistischen Diktatur. Dieser negativen Wertung stehen jene Interpretationen entgegen, die den satirischen und damit zeitkritischen Charakter des Werks betonen. S. D.
Pressestimmen
Standpunkte März 2008
Kurzbeschreibung
Klappentext
Ich möchte helfen, die Menschen anständig und vernünftig zu machen
Berlin zu Beginn der 30er Jahre: Jakob Fabian, arbeitsloser Germanist, durchstreift seine Stadt und studiert das Leben: möblierte Zimmer, Bars, gewisse Damen und dazugehörige Etablissements, die Liebe und die Verlogenheit der Menschen ... Eine brillante und provokante Großstadtsatire.
Über den Autor
»Erich Kästner war ein wehmütiger Satiriker und ein augenzwinkernder Skeptiker. Er war Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist und der deutschen Literatur positivster Negationsrat. War er ein Schulmeister? Aber ja doch, nur eben Deutschlands amüsantester und geistreichster. Er war ein Prediger, der stolz die Narrenkappe trug.« Marcel Reich-Ranick Walter Trier, der Prager Zeichner, Karikaturist und Kinderbuchillustrator lebte von 1890 bis 1951. Insgesamt dreizehn Bücher von Erich Kästner hat er mit seinen unvergesslichen Bildern ausgestattet.
Auszug
Fabian saß in einem Café namens Spalteholz und las die Schlagzeilen der Abendblätter: Englisches Luftschiff explodiert über Beauvais, Strychnin lagert neben Linsen, Neunjähriges Mädchen aus dem Fenster gesprungen, Abermals erfolglose Ministerpräsidentenwahl, Der Mord im Lainzer Tiergarten, Skandal im Städtischen Beschaffungsamt, Die künstliche Stimme in der Westentasche, Ruhrkohlenabsatz läßt -nach, Die Geschenke für Reichsbahndirektor Neumann, Elefanten auf dem Bürgersteig, Nervosität an den Kaffeemärkten, Skandal um Clara Bow, Bevorstehender Streik von I40000 Metallarbeitern, Verbrecherdrama in Chicago, Verhandlungen in Moskau über das Holzdumping, Starhembergjäger rebellieren. Das tägliche Pensum. Nichts Besonderes.
Er nahm einen Schluck Kaffee und fuhr zusammen. Das Zeug schmeckte nach Zucker. Seitdem er, zehn Jahre war das her, in der Mensa am Oranienburger Tor dreimal wöchentlich Nudeln mit Sacharin hinuntergewürgt hatte, verabscheute er Süßes. Er zündete sich eilig eine Zigarette an und rief den Kellner.
»Womit kann ich dienen?« fragte der. »Antworten Sie mir auf eine Frage.« »Bitteschön.«
»Soll ich hingehen oder nicht?« »Wohin meinen der Herr?« »Sie sollen nicht fragen. Sie sollen antworten. Soll ich hingehen oder nicht?«
Der Kellner kratzte sich unsichtbar hinter den Ohren. Dann trat er von einem Plattfuß auf den andern.