'Bauer Giles von Ham' ist eine kleine, sehr lesens- und liebenswerte Geschichte von J.R.R. Tolkien, die äußerst treffend vom Hin- und Hergerissensein eines angehenden Helden erzählt, der schlußendlich den sich bietenden Glücksfall, dank der Hilfe eines kampfeslustigen Schwertes ein Drachenbezwinger geworden zu sein, zu nutzen weiß und, nun unterstützt durch den Drachen, den taktierenden und nicht minder habgierigen König gleich mit in die Schranken verweist und selbst obendrein noch als gemacher Mann obsiegt, sehr zur Freude seines vorlauten und hasenfüßigen Hundes Garm. Geschrieben im Stil eines Märchens aus guter alter Zeit mit leicht ironisch pointierter, sehr treffender Beschreibung der Motive aller seiner Personen (egal ob Hund, Ritter oder Drache ...)
Wer sich für die Geschichte des Bauern Giles von Ham interessiert, hat derzeit (4/03) die Wahl zwischen einem von Hans Paetsch vorgelesenen Hörbuch (erschienen beim Hörverlag), einer bei dtv erschienenen deutsch/englischen Ausgabe oder einer Einbettung in die Fabelhaften Geschichten (Klett Cotta; inkl.'Der Schmied von Großholzingen' (Übs.:Karl A. Klewer) und 'Blatt von Tüftler' (Übs.: Margaret Corroux)).
Die Rezension des Hörbuchs kann an dortiger Stelle nachgelesen werden; ich kann's trotz deutlicher Kürzungen empfehlen.
Interessanter Weise sind die Übersetzungen beider Bücher merklich verschieden, obwohl beide von Angela Uthe-Spencker stammen. Die ältere Übersetzung (Klett Cotta) ist nach meinem Geschmack eher in Wortwahl und Sprachfluss mit der älteren Übersetzungen vom kleinen Hobbit bzw. vom Herrn der Ringe vergleichbar; die neuere (dtv) wirkt gelegentlich etwas steifer. (Dem Hörbuch liegt die ältere Übersetzung zugrunde).
Ein weiterer Unterschied ist in den Illustrationen zu finden. Bei Klett Cotta ist es eine Art 'Tuschkleckstechnik', wie sie auch auf dem Umschlag zu sehen ist, mit der vor jeder der drei Geschichten auf einigen Seiten inhaltliche Passagen in treffender Weise vorweggenommen werden; die Geschichten selbst enthalten keine weiteren Bilder. Ganz anders der Stil bei dtv, der eher an mittelalterliche Kirchenkunst erinnert. Diese Bilder finden sich zahlreich im ganzen Text wieder und beleuchten dort ebenfalls Abschnitte der Handlung. Mir gefällt allerdings die leider einzige Illustration auf dem Cover des Hörbuchs am besten; welch Frische und Witz wiese eine auf diese Art illustrierte Ausgabe auf!
Schlußendlich habe ich beide Bücher gern gelesen; die dtv-Ausgabe, weil in ihr Seite für Seite der englische Text der deutschen Übersetzung gegenübersteht und es mir Spaß macht, dabei selbst über passendere Wendungen zu sinnieren; die Klett-Cotta-Ausgabe, weil sie sich runder und etwas schnurriger liest.
Hier noch ein Kurzeinblick in die weiteren, leider sehr kurzen Geschichten:
Der Schmied von Großholzingen liest sich wie ein Märchen von Hans Christian Andersen und hat mich thematisch sehr an 'Die Königstochter aus Elfenland' von Lord Dunsany erinnert. Mit Hilfe eines silbernen Sternes, den ein Knabe einst mit einem Festkuchen verspeiste, gelangt er in die Gefilde der Elben, wo alles befremdlich anders ist und ihn doch wieder und wieder hierherzieht. Nach Jahren vieler Ausflüge wird ihm durch den 'Lehrling' des Bäckers klar, dass der Stern nur eine Gabe auf Zeit war und an jemanden anderes weitergegeben werden sollte. Ein Märchen, dass sich einem Traume gleich über Personen und Orte hinweg weiterentwickelt.
Noch traumartiger ist die Geschichte von Tüftlers Blatt, einem Maler, der eigentlich nur das Blatt eines Baumes malen kann, doch das Ringen um das Blatt führt zur Fortentwicklung, zum Baum, zum Wald, zur Landschaft mit Gebirgen ... All das nimmt ihn sehr in Beschlag und er hat eigentlich kaum noch Zeit oder Sinn für Freunde und Bekannte. Dann sind da noch Nachbarn, die in diesem kleinen Schaffen keinen Sinn erkennen und den Künstler wieder und wieder für eigene Zwecke einspannen; kleine Gefälligkeiten etwa bis hin zur Umwidmung seiner Werke zu bloßem Baumaterial. Im Motiv einem Kafka nicht unähnlich erwartet der Maler die ganze Zeit über die Teilnahme an einer ominösen Reise, die trotzdem unerwartet für ihn beginnt und ihn durch eine Art Leidens- und Reifezeit führt, an deren Ende er erkennt, dass er mit seinen Mitmenschen zusammengehört, dass beide einander bedürfen, wenn sein bzw. ihr Leben und Schaffen sinnvoll sein soll.