Mein Eindruck auf halber Strecke: Klug, überkandidelt, liebevoll, sarkastisch, mal locker, mal verkrampft. Meistens überladen. Auch als Fan von Eintopfgerichten mundet mir nicht alles, was einen unter einem bzw. zwischen zwei Deckeln erwartet. Drei kleine Gänge hätten mich jubeln lassen (vier waren tatsächlich mal geplant, lese ich später) Doch welcher Magen hält das hier durch? Da haben wir Agentinnen, Werwölfe, Zombies, Knabenschlitzer, Lolita, 68er Strukturalismusdebatte, streng dialektische Analysen und Porno, alles durchaus glaubhaft ausgeführt auf einem Teller und suchen jemanden, der das runterkriegt. Ich kann es nur bedingt.
Was sind das für Figuren? Valerie und ihre Bande z.B. sind anfangs lebensnah gezeichnete Teenager, wenig später altmarxistische Esohexen.
Was soll die Kategorientheorie (Metamathematik) auf 333 ff.? Da spielt er Gott, schön. Alle wissenschaftlichen Anmerkungen haben eine reale Basis. Das verblüfft des öfteren, befriedigt aber nur zum Teil. Da, wo ich durchblicke, finde ich Halbwissen, elegant hinter Generalisierungen versteckt. Auch die regelmäßigen Namedropping-Amokläufe lassen einen Blender vermuten, der Dath natürlich nicht ist. Okay, dann sind die Akteure gewollte Blender, allen voran Andreas Willer und Robert Rolf, aber das sind doch auch wieder mehr oder weniger ehrliche Inkarnationen des Autors. Oder?
Was sind das für Nebenrollen? Der Knabenschlächter ist überflüssig und abstoßend. American Psycho Abklatsch. Die Mathematikerin ist eigentlich gut. Mit ihr lenkt er auf interessante Themen, die aber trotzdem im Kontext irrelevant bleiben. Sieht für mich jedenfalls so aus. Ich bin vermutlich zu blöd für dieses Buch. Dabei liebe ich Assoziationssprünge. In Sekundenbruchteilen quer durch den Kosmos? Aber gern!
Überraschungen sind gut. Davon bekommt man genug geboten. Aber manchmal wäre etwas Spannungaufbau, ein roter Faden, ganz nett gewesen. Für mich zu oft war da die Willkür am Werk. Wenn nach quälenden Seiten voller Klischees über die selbstverständlich schlimme US-Hegemonialpolitik ein Selbstmordattentäter ex machina vor Hillary Clinton purzelt, der von einem Deutschen (mit köstlich wiedergegebenem Akzent) zufällig niedergestreckt wird, kündigt sich das mit keinem Wort an. Wie ist das gemeint? Schockierend? Lustig? Historisch zwangsläufig? Bitterernst? Gott, bloß nicht. Womöglich alles?
Was ist Füllmasse, was ist besoffenes Gelaber, was ist genial auf den Punkt gebracht, was ist absurd, was ist real? Dieses ständige Kategorisieren, ohne das man als Leser völlig untergeht, über mehr als tausend Seiten, schlaucht mörderisch. Nach den ersten fünfhundert war klar, dass mich dieses dicke Buch nicht um Einsichten, sondern Zweifel reicher zurücklassen wird.
Besonders stach heraus:
Kapitel 29: Sinnloser Porno-Trash
Kapitel 30: Didi erklärt die Welt und wirft die letzten Fragen auf. Putzig und gut.
Schön zynisch: Kinderarbeit in Haiti für die europäsche Künstlerelite.
Klasse: Der selbstgefällige Intellektuellenjargon des Festredners.
Zum Brüllen: Die 70er Erinnerungen, vor allem die Mitschüler.
Sinnlos und kein bisschen komisch: Kapitel 39. Revolutionstherie als überlanges, absurdes Feuilleton-Gespreize, dessen einziger Zweck darin zu bestehen scheint, die Belesenheit des Autor unter Bewis zu stellen. Ob Andys oder Robert Rolfs oder Philips oder Cordulas oder DDs selbst macht keinen Unterschied, da alle Figuren eh gleich verschwurbelt herumtheoretisieren.
"Révolu, révolu, révolu." 15 Jahre Weltgeschichte werden hier in drei Worten übersprungen. Das hätte mehr hergegeben. Die Minidisc-Botschaften werden nicht entschlüsselt. Hätt ich eigentlich erwartet. Steganographie hat er nur halb verstanden. Ist bei Audioaufzeichnungen semiotisch nicht umsetzbar, sieht man von Pig Latin und Argot ab, höchstens hinterher rein tontechnisch, wenn man ein anderes Signal untermischt. Die Matheformeln im Anhang sind lückenhaft erklärt und deshalb für Laien nicht nachzuvollziehen. Wie so vieles.
Aber der trockene Humor und oft die schiere Sprachgewalt reissen's wieder raus.
Mein Resumee nach 1028 Seiten:
Es bleibt seltsam. So viel Sinn, so viel vom Gegenteil. Der Untergang der Welt durch Zombies und Kapitalismus, die rettende Revolution und ganz viel drumrum. Marx & Splatter als Mix. Warum nicht? Das Thema ist hiermit allerdings durch. Auch das Geschimpfe auf Siebziger, Moderne, Postmoderne, und all das, was er selbst verkörpert. Alles passiert, alles ist wichtig, alles unwichtig. Alles egal.
Ein Vergleich zum Schluss: Mein Küchenregal knallt runter. Ich kehre alles zusammen, Kreuzkümmel, Schokolade, Knoblauch, Spülmaschinenreiniger, Scherben, fülle es in eine silberne Schatulle und überlasse diese einem Ameisenstamm zur Erforschung. Ameisen bitte melden! Eine spannende Aufgabe liegt vor Euch...