Um es gleich vorwegzunehmen: Wer die beiden Bücher von Edmonde Charles-Roux und Justine Picardie kennt, braucht sich das Werk von Catherine de Montalembert nicht anzuschaffen. Es sei denn, man werde vom Wunsch nach mehr Bildmaterial zu dieser Investition getrieben. Denn tatsächlich haben sich Autorin und Verlag offenbar mächtig angestrengt, Dokumente ausfindig zu machen und veröffentlichen zu dürfen, die vielen Bewunderern von Coco Chanel unbekannt sein dürften. Hätte mich der Text ebenso überzeugt wie Bildmaterial und Layout, wäre eine Fünfsternebewertung gesetzt. Aber Inhalt und Sprache sind leider so unterdurchschnittlich, dass ich das Buch nur bedingt empfehlen kann.
Welche Funktion Catherine de Montalembert in den PR-Abteilungen von Dior und Lavin innehatte, geht aus den kurzen Angaben zur Autorin nicht hervor. Meine Annahme, dass sie die Kunst des Schreibens einigermaßen beherrscht, gründet auf dem Hinweis, ihre Artikel über Mode- und Lifestyle-Themen würden in Magazinen wie World of Interiors, Atmosphères und Femmes erscheinen. Nach der Lektüre dieses Buches kann ich mir allerdings nicht vorstellen, dass Catherine de Montalembert jemals den Pulitzer-Preis für ihr Schaffen bekommen wird. Selbst weniger bedeutende Auszeichnungen werden ihr verwehrt sein, wenn sie dem Stil treu bleibt, der ihren Bericht über Coco Chanels Leben prägt. Und das liegt nicht nur an der eigentümlich distanzierten Haltung und den langweiligen Formulierungen, sondern auch an der Qualität ihrer Recherchen.
Zugegeben, es ist nicht einfach, Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden. Aber Justine Picardie hat es vorgemacht, wie den oft selbstgestrickten Legenden von Coco Chanel beizukommen ist ohne ins persönliche Fabulieren zu geraten. Entweder stellt man eine stimmige Version in den Raum oder nähert sich ihr, indem die Inszenierung von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Jean Cocteau wird mit dem Satz zitiert: "Ihre Wutanfälle, ihre Boshaftigkeiten, ihre Schmuckstücke, ihre Entwürfe, ihre Schrullen, ihre Liebenswürdigkeiten wie ihr Humor und ihre Großzügigkeit versammeln sich in ihr zu einer fesselnden, anziehenden, abstoßenden, exzessiven Persönlichkeit... Sie ist einfach menschlich." Aber gerade dieses Menschliche geht verloren, wenn man eine Biographie allzu sehr glättet und einen Mythos aufrechterhalten will.
Wie weit sprachliche Unzulänglichkeiten der Übersetzung anzulasten sind, kann ich mangels Kenntnis des französischen Originals nicht beurteilen. Aber Sätze wie "Die Verheerungen des Krieges gehen unterdessen ihren Gang" oder "Trotz einiger militärischer Rückschläge steht die französische Moder international unverändert in hohem Ansehen" sind einfach nur grässlich. Und so kommt es, dass die sprachlichen Highlights von Coco Chanel selber oder aus ihrem Bekannten- und Kollegenkreis stammen.
Mein Fazit: Layout und Bildmaterial können die sprachlichen Unzulänglichkeiten der Autorin nicht wettmachen. Kommt hinzu, dass sich die Leser aus den vielen Facetten kein Bild zusammensetzen können, das dem Faszinosum Coco Chanel gerecht würde. Wer auf Großformatiges verzichtet kann und sich auch mit weniger Bilder zufrieden gibt, macht mit dem Buch von Justine Picardie sicher keinen Fehlgriff. Wer zur großen Fangemeinde von Coco Chanel gehört und kein Französisch kann, wird es trotzdem begrüßen, dass der 2009 erschienene Titel "Coco Chanel - une icône" nun übersetzt worden ist.