Matthieu Carrieres Essay zu Heinrich von Kleist ist schon angestaubt! Sie zeigt zum wievielten Mal eigentlich schon nur wieder, dass Kleist ein Sozialdramatiker ist und war! Wirklich? Darf man sich da sicher sein? Ist Kleist solch ein literarisches Leichtgewicht? Ganz im Mainstream des 19. Jahrhunderts? Also Nebenprotagonist eines Georg Büchners? Mitnichten! Matthieu Carrieres wissens- und erkenntnisreiche Analyse von Kleists Person und Produkten in launisch literarischem Ton ist eine angriffslustige und kämpferische Laudatio für den Essayismus, gegen die ach zu ernsthaft beklommen daherkommende Fachpublizistik mit wissenschaftlichem Anspruch. Dieses Werk zeigt Kleists erkenntnistheoretisches Problem im Zeichen seiner Kant-Lektüre auf und weist schon mal auf den psychoanalytischen Habitus eines Edmund Freuds voraus, indem er aufweist, dass Erkenntnis und menschliches Handeln auf dem Hintergrund eines psychisch-epistemologischen Defekts des Homo sapiens zur Achterbahnfahrt zwischen Weltverbesserungswahn und subjektiv-intersubjektivem Destruktionismus unterm ideologischen Deckmantel des Gutmenschentums wird. Carriere skizziert in der Person und im Werk Heinrich von Kleists nichts weniger als das 20. Jahrhundert, mit den Ansätzen zu all seinen Verwirrungen, Irrungen und falschen Propheten. Dieses Werk ist ein höchst modernes, ganz aktuelles Werk wie das von Kleist selbst! Und nichts weniger als das und verweist damit so ganz nebenbei all die vielen schönen und gängigen Schul- und Fachinterpretationen von Kleists reiner Sozialdramatik ins Abseits.