"Anmutiger Zerrspiegel als Sinnbild einer tastenden Epoche", wie "Die Welt" auf dem Buchrücken zitiert wird? "Uh, uh, uh, nicht tho verschraubt", würde Marcel Reich-Ranicki vielleicht sagen. Natürlich stimmt es, dass Loriots 1960 erstmals veröffentlichte Beobachtungen gewisse Trends aufgreifen (z.B. in den ersten Kapiteln über Sünden im Design der Wohnungseinrichtung). Vieles ist aber schlicht zeitlos und brandaktuell. Wenn sich z.B. auf S. 87 eine Frau nackt auf einer Party findet, hat mich das an eine derzeitige Kampagne gegen übermäßigen Alkoholkonsum erinnert ("SIE lässt später noch alle Hemmungen fallen / ER wird ihre Bilder ins Netz stellen", so sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert). Vor allem aber erfasst das Zitat der "Welt" überhaupt nicht den grandiosen Humor Loriots, der bei allem Hintersinn jede Menge Schenkelklopfer parat hat - und der viel absurder ist, als man gewöhnlich annimmt. Es soll sogar Menschen geben, die Doktorarbeiten über Nonsense-Humor schreiben. Loriot wäre ein gar nicht schlechter Gegenstand! Seine Wirkung entsteht häufig durch eine Diskrepanz zwischen dem Gezeichneten und der Bildunterschrift. Letztere ist isoliert gesehen völlig humorlos, nüchtern wie eine Bedienungsanleitung oder ein Ratgeberbuch geschrieben, z.B.: "Kenner erzielen oft erstaunliche Wirkungen durch die geschmackvolle Kombination von antikem und neuzeitlichem Mobiliar." Und auf dem Bild ist der Tisch für die Sofas und Sitzkissen viel zu hoch... Was noch nicht ganz absurd, sondern schlicht feine Ironie ist. Aber spätestens bei Sprüchen wie dem, dass das fehlerhafte Überwintern sensibler Gartenzwerge nicht wenige Ehen vorzeitig (wieso eigentlich vorzeitig???) zum Scheitern brächte, ist der Nonsense perfekt - und der Spaß, weil Loriot das so herrlich ernst sagen kann.
Man merkt darüber hinaus, dass das Büchlein bis ins Letzte durchdacht ist. Loriot war und ist Perfektionist, dem kaum einmal ein Detail entgeht (für Kenner: Ist Ihnen bei den Fahndungsplakaten in der Polizeirevierszene aus "Pappa ante Portas" eigentlich etwas aufgefallen? Die Kamera hebt die Plakate niemals hervor, und doch findet sich dort ein herrlicher Gag für den aufmerksamen Zuschauer). So nehme ich an, dass die Rede von "kleinen Ungelegenheiten" (S. 12) bewusst gewählt wurde, anstatt es beispielsweise "Unannehmlichkeiten" zu nennen: Es geht um das Liegen in einem antiken Bett, das natürlich durchbricht - aber man hat immerhin ein antikes Bett, function follows form, oder eben nicht... (wäre der gezeichnete Eigentümer halt zuvor bei Herrn Halmackenreuther zum Probeliegen erschienen). Ein weiteres Beispiel ist, dass selbst noch das Stichwortverzeichnis gelesen werden sollte, anstatt Recherchefunktion zu haben. Es ist herrlich absurd, wie Loriot darauf hinweist, welche Begriffe und Personen in seinen Karikaturen vorkommen, weil die Stichworte oftmals völlig ohne Erkenntniswert ins Beliebige abrutschen. "Fingerspitzengefühl, S. 70", "Kleinod, S. 80", was soll uns das sagen? Gar nichts! Um diese Dinge geht es in gefühlten 50 % aller Karikaturen. Der Witz ist, dass das Verzeichnis dennoch abstrakt gesehen "stimmt", d.h. man wird diese Begriffe an angegebener Stelle finden. Aber es bedeutet nicht das Geringste. Wiederum entsteht der Witz daraus, dass Loriot Blödsinn dem Leser als etwas ganz Ernstzunehmendes andreht. Leider übrigens hier mit zwei Druckfehlern (wir wollen mal zugunsten des Künstlers vermuten, dass es sich um Fehler des Setzers bzw. des X-ten Nachdrucks handelt): Dass im Stichwortverzeichnis aus dem "Wattlaufen" ein "Wettlaufen" wird, ist verschmerzlich. Aber was aus "Nager, unappetitliche" wird... nun ja, ich möchte es hier nicht schreiben, aber schon wieder wird ein a zum e gemacht. Man reibt sich die Augen und denkt sich, darüber kann Loriot doch unmöglich etwas geschrieben und gezeichnet haben?!? Was er dann ja auch nicht hat! Immerhin lädt das zu bööösen Gedankenspielchen über freudsche Fehlleistungen eines Setzers ein...
Wie dem auch sei, das Buch lohnt sich wiederzuentdecken, mag auch etwas mehr als Spaß sein - ist aber vor allem erstmal Spaß, und was für einer! Ein Buch wie ein Geschenk, ein vermeintlich kleines, ein ganz feines! Danke!