Über Literatur lässt sich wie über alle Bereiche der Kultur und Kunst trefflich streiten, und zu den interessantesten Streitern gehört, ob man ihn mag oder nicht, Marcel Reich-Ranicki.
Je nachdem, wie er eine Frage aufnimmt, antwortet er mit wahrer Verve oder spitzer Feder, ausführlich und engagiert oder knapp und bemüht beziehungsweise gereizt - oder auf jede erdenkliche Weise zwischen den Extremen. Den Literaturfreund kann das nur freuen, denn auf diese Weise erfährt er in komprimierter Weise enorm viel über die wichtigsten Autoren der Weltliteratur, wobei das Augenmerk bevorzugt auf den deutschsprachigen Autoren liegt.
Wer noch jung und gewissermaßen auf der Suche ist oder sich erst seit kurzer Zeit für anspruchsvolle Literatur interessiert, findet in diesem Buch eine Fülle wertvoller Anregungen; er kann sich geradezu einen Kanon zu lesender Autoren und Werke zusammenstellen. Doch sind die Beiträge differenziert und vielseitig genug, um auch Kenner der internationalen Literatur zu fesseln. Nicht zuletzt geht es ja keineswegs bloß um Goethe, Shakespeare und Balzac, sondern auch um die Frage, welcher "Wert" etwa Karl May oder Jules Verne zuzumessen sei.
Reich-Ranickis Antworten haben Biss, sie sind punktgenau und nicht immer das, was der Fragesteller erwartet haben dürfte, zumal dieser selbst gelegentlich aufs Korn genommen wird. Doch der Literaturkritiker lässt nie den Respekt für einen Autor beziehungsweise dessen künstlerische Leistung missen, eben nicht einmal in Bezug auf Karl May oder Hedwig Courths-Mahler, deren Werke er indes nicht unbedingt als gehobene Literatur bezeichnen würde.
Es bereitet Vergnügen, und es bildet wahrlich, dieses kompakte, adrette kleine Werk zu lesen. Die reizvoll aufgemachte, optisch ansprechende und inhaltlich, wie erwähnt, hochwertige und fesselnde Ausgabe eignet sich zudem vorzüglich als Geschenk. Ob man Reich-Ranicki mag oder nicht: ein höchst empfehlenswertes Buch!