Seine Autobiographie kann man als in sich verwobene ganzheitliche Lebensgeschichte präsentieren, mit einem romanhaften Handlungs- und Spannungsbogen und so dem Leser den Eindruck vermitteln, als hätte jeder Schritt auf dem Lebensweg auch schon Schritte die erst Jahre später erfolgten ganz wesentlich gelenkt und vorbestimmt, als bündige und schlüssige Geschichte.
Auf diese Art sind viele (Auto)Biographien verfasst und möglicherweise ist dies literarisch auch der bessere, zumindest besser zusammenhängend lesbare, Stil.
Nur ist so das Leben nicht.
Bis auf wenige Ausnahmen, die es geben mag und die die Regel bestätigen, ist gelebtes Leben, ist eine Biographie immer eine Vielzahl von Einzelereignissen, die hier und da zusammenlaufen, oft aber wenig bis absolut gar nichts miteinander zu tun haben.
In der Rückschau, verstärkt durch das Ausblenden von Banalitäten und durch selbst konstruierte oder bestenfalls erst rückblickend erkannte Zusammenhänge, (in unredlichen Fällen dann auch noch durch Überhöhen von Erfolgen und Verschweigen von Niederlagen) ein Leben maßzuschneidern, was sich in Form eines Buches gut nachlesen lässt, mag zwar üblich sein, aber ist es wirklich die beste Form sich zu erinnern, wenn das Ziel ist, sein Leben möglichst authentisch abzubilden?
Wolfgang Niedecken hat sich für seine Autobiographie zum 60. Geburtstag einen anderen, wie ich finde besseren, Weg gesucht. Die 520 Seiten praller Lebenserinnerungen sind lediglich in sieben Kapitel gegliedert und selbst diese Gliederung hätte er weglassen können. Denn anstatt einer durchlaufenden Geschichte, die zwanghaft versucht alles mit allem zu verbinden und was sich nicht einbinden lässt, bleibt unerzählt, ist "Für ne Moment" eine Aneinanderreihung von Anekdoten. Mal über zehn-zwölf Seiten, mal auch nicht mal eine Seite lang, wird in halbwegs chronologischer Abfolge Erwähnenswertes erzählt.
Erzählt ist der richtige Ausdruck, der Schreibstil gleicht einem intelligenten Plauderton. Das Buch vermittelt den Eindruck, als säße man mit Niedecken in kleiner Runde und er erzählt sich erinnernd und unverstellt drauflos. Es mischt sich herzlich Komisches, mit Bitterem, erzählenswerte, weil originelle Nebensächlichkeiten, mit ganz besonderen Ereignissen, Enttäuschungen, Überwältigungen und Überraschungen. Das ganze Leben halt. Und in 60 Lebensjahren eines Musikers, Malers und Autoren, kurz Universal-Künstlers, zumal enorm erfolgreich, mit reichlich Kindern und Weggefährten aller Couleur, passiert so einiges.
Ganz und gar wohltuend, wenn auch eigentlich nicht anders zu erwarten, fällt auf, dass Niedecken über kleine witzige, mitunter auch peinlich-witzige Anekdoten im selben Stil redet, wie über grandiose Triumphe, über verschwurbelte Spinnereien genauso, wie über besondere Begegnungen, über das freundschaftliche Verhältnis zu Trude Herr mit demselben Respekt wie über das freundschaftliche Verhältnis zu Bruce Springsteen. Und selbst da wo von Scheitern im Zusammenhang mit Weggefährten die Rede ist, wird nicht gekeilt oder einseitig Schuld zugewiesen, sondern einfach erzählt, mal bedauernd, mal versöhnlich, mal ernüchtert feststellend.
Die hier wiederholt auftauchende Kritik, es sei nicht genug BAP im Buch, irritiert mich doch sehr. Es ist die Autobiographie von Wolfgang Niedecken, der auch der Frontmann von BAP ist, aber eben bei weitem nicht nur. BAP ist immer wieder Thema im Buch, wie sollte es auch anders sein, aber man kann doch nicht ernstlich 527 Seiten BAP-Stories erwartet haben???
Interesse für Wolfgang Niedecken vorausgesetzt, eine lesenswerte, authentische Autobiographie, mit einer Vielzahl an Anekdoten, die so unterschiedlich und abwechslungsreich sind wie das Leben.