... und Ernst Horn hat Spaß.
Um es gleich vorweg zu nehmen: Es ist Fantastisch!
Der Mastermind hinter Helium Vola, versteht es vortrefflich Elektronik mit mittelalterlichen Harmonien zu verknüpfen, ohne dabei in Fettnäpfchen zu stapfen.
Es finden sich Gesangsakrobatik ('L'alba'), verspielte Melodien ('Saber d'amor'), ebenso wie liedhafte Songs mit einfachen Melodien ('Moorsoldaten'), energische, elektronische ('Manifesto') und poppige Stücke ('Nuestras vidas').
Beide CDs des Doppelalbums beginnen mit einem ähnlichen, tragenden, mehrstimmigen, einleitenden Stück, das in der Hauptsache aus der Stimme Sabine Lutzenbergers besteht.
Es ist eine Widmung, die dem Album seinen Namen gab: 'A voi che amate' bedeutet 'Für Euch, die Ihr liebt'.
Überhaupt beziehen sich die beiden Lieder mit der jeweils gleichen Nummer der zwei CDs stets inhaltlich und stilistisch aufeinander, was mal mehr und mal weniger nachzuvollziehen ist. Trotzdem sind zwei eigenständige Werke entstanden.
Die erste CD ist gefüllt mit 12 Liebesliedern. Die zweite beschäftigt sich mit dunkleren Themen, wie Krieg und Gier.
Das Doppelalbum gestaltet sich sehr inhomogen, was dem einen vielleicht Probleme bereiten könnte, der andere wird es dadurch als extrem abwechslungsreich empfinden. Verschiedene Musikstile fügen sich erstaunlich geschmeidig zu einem Ganzen zusammen: Französischer Rap, Minnegesänge, Vokalmusik, tanztaugliche Elektronik.
Seine fabelhaften SängerInnen hat Herr Horn offenbar mit Bedacht ausgewählt, denn jeder scheint wie geschaffen, eben 'sein' Lied zu singen.
Sei es Sabine Lutzenberger, die Hauptstimme des Werkes, mit dem herzergreifenden 'Maienzeit', Boris Benko mit dem melancholischen 'Darkness Darkness', Gerlinde Sämann mit dem betörenden 'Mayab', Andreas Hirtreiter mit dem berührenden, romantischen 'In so hoher swebender Wunne' oder Joel Frederiksen mit dem verträumt sehnsüchtigen 'Blow, northerne wynd'.
Verschiedene Stimmungen durchziehen das Doppelalbum. Fröhliche Lieder ('Ecce gratum'), ruhige melidiöse Stücke ('Mes longs cheveux'), romantische Herzensbrecher ('Blow, northerne wynd'), lebendige Stücke ('Oh pescador') und zarte Minnegesänge ('In so hoher swebender Wunne') werden abgelöst von wilden Ausreißern ('Friendly Fire'), tanzbaren Disco-Anwärtern ('Nummus'), düsteren Songs ('Mord') und aggressiven Querschlägern ('Ray Gun').
Wobei die erste CD im Allgemeinen die ruhigere und etwas homogenere ist, bei der nur 'Friendly Fire' völlig aus dem Rahmen fällt. Wohingegen die zweite peppiger und einen Deut abwechslungsreicher wirkt.
Hervor stechen die beiden neunten Vokalstücke, die wohl am weitesten entfernt vom 08/15-Pop-Gedudel sind und selbst vom geneigten Hörer Eingewöhnungszeit erfordern. Beide vertonen sehr eindrucksvoll und ausdrucksstark Sonette von Francesco Petrarca, einem italienischen Dichter des 14. Jahrhunderts.
Auch die fetzigen, elektronisch-trashig daher galoppierenden Stücke, wie 'Friendly Fire', 'Ray Gun' und 'Manifesto' ziehen Aufmerksamkeit auf sich, obwohl sie sich in meinen Ohren doch sehr gut ins Ganze einfügen. Sicherlich Geschmackssache; dem einen das Salz in der Suppe, der andere wird verschreckt oder hasserfüllt das Weite suchen.
Die verschiedensprachigen Texte stammen aus unterschiedlichen Epochen, behandeln jedoch erstaunlich aktuelle Themen, die die Welt von jeher bewegt haben: Freud und Leid der Liebe, Gier, Not, Sehnsucht, Krieg, Tod, Enttäuschung.
Leider wurden weder Entstehungszeit der Texte, noch die jeweilige Sprache angegeben, wie das bei den vorherigen Helium Vola-Alben 'Helium Vola' und 'Liod' immer der Fall war.
Mit ziemlicher Sicherheit sind Latein, (Alt)französisch, (Alt)englisch, (Alt)italienisch, (Alt)spanisch und Mittelhochdeutsch vertreten.
Die Texte wurden verschiedenen Quellen entnommen, unter anderem der Carmina Burana und dem Kommunistischen Manifest.
Die Vielfalt unter den Dichtern fällt in besonderem Maße auf: Mit dabei sind Francesco Petrarca, Marcabru, Hermann Löns, Walters von Chatillon, Jesse Colin Young, Wolfgang Langhoff/Johann Esser oder Jorge Manrique um nur einige zu nennen.
Ein liebevoll gestaltetes Cover und ein ausführliches Booklet mit allen Texten, die dreisprachig abgedruckt wurden, rundet das Album ab.
Sicherlich mag das Album keine 'leichte Kost' sein, doch wer sich darauf einlässt, wird es nicht bereuen, denn es wartet mit einigen Überraschungen auf und übertrifft alle Erwartungen um Längen.
Fazit: Ein Meisterwerk!