Fast 3 Jahre musste der geneigte Horst Evers-Leser auf ein neues Buch von ihm warten. Jetzt endlich ist es da und hat mit insgesamt 222 Seiten satte 78 Seiten mehr als das letzte Buch zu bieten!
Mir persönlich war es ein Fest, jede einzelne Kurzgeschichte häppchenweise zu genießen! Schnell liest man sich in das kindlich naiv, aber dennoch spitzfindig gehaltene Universum ein. Amüsiert erlebt man mit, wie Horsts Lieblingsthema "Die Bahn" durch den Kakao gezogen wird: Horst schafft es, 3 Folgen von "24" während einer eigentlich 50minütigen Fahrt zu schauen. Bewundernd schaut er Jack Bauer beim Welt-retten zu, während er noch nicht mal eine kurze Strecke überwinden kann. Okay, die Deutsche Bahn bremst ihn doch sehr aus... Wenn doch jetzt nur Mac Gyver hier wäre...
Ansonsten bekommt er die Macht der Schlummertaste zu spüren, die er wieder und immer wieder drückt, sucht verzweifelt für sein Kind ein Säugetier mit U und schlägt sich mit verschiedenen Ärzten herum. Auch werden die Politik, Sarrazin, Weihnachtsmärkte, das Internet und die BVG nicht ausgelassen. Wer jetzt denkt, daß das alles gar nicht zusammenpasst, der hat recht! ;-) Aber genau darum geht es: Ein Potpourri des Alltags, der uns alle umgibt! Jeder von uns stößt jeden Tag an Grenzen: Seien es unsere eigenen oder die unserer Umwelt. Horst Evers schafft es, diesen Alltag, umrahmt von köstlich formulierten Schachtelsätzen, greifbarer zu machen. Da schafft es ein entnervtes "Du hast genug Scheiß zu Haus!" einer Mutter zum bettelnden Kind zu folgender Umschreibung: "Die Mutter macht ihn darauf aufmerksam, dass er eigentlich schon ausreichend Spielsachen zu Hause hat und sie persönlich jetzt keine zwingende Notwendigkeit sieht, seinen wohldurchdacht zusammengestellten Fundus an Spiel- und Lehrmaterialien durch weitere partielle Ergänzungen aufzustocken." Herrlich.
Dieses Buch ist gespickt mit scharfsinnigen Beobachtungen der Mitmenschen und sympathisch beschriebenen Eigenarten von Horst selbst. Evers' Programme "Schwitzen ist, wenn Muskeln weinen" bzw. "Herzlichen Glückwunsch" haben einzelne Geschichten beigesteuert, zu einem großen Teil besteht das Buch aber aus dem neuen Programm "Großer Bahnhof". Desweiteren gibt es einige Geschichten, die ich noch in keinem der vorherigen Programme hören durfte, so gefühlte gute 30%. Es lohnt sich aber auf jeden Fall, da ich auch bereits bekannten Texten beim Selbstlesen immer wieder neue Nuancen abgewinnen konnte.
Sicherlich ist es kein Alltagsratgeber, aber seit ich seine Geschichten kenne, ist mein eigener Alltag sehr viel weniger grau, denke ich als jemand, der mit offenem Blick durch die Welt geht und geplagter Berliner S-Bahn Kunde doch oft: "What would Horst do...?" ;-)