"Des Weibes Leib ist ein Gedicht, / Das Gott der Herr geschrieben" - mit diesen Worten beginnt Heinrich Heines DAS HOHELIED, ein romantisches Gedicht, zu finden unter vielen anderen im kleinen Reclam-Bändchen "Fünfzig erotische Gedichte". Wenn Frauenkörper Gedichte sind, lässt sich im Umkehrschluss wohl annehmen, dass viele Gedichte Frauenkörper sind. Und eine stattliche Anzahl solcher Frauenkörper - vielleicht sind auch einige Mannsbilder darunter - finden sich in Harry Fröhlichs (Hrsg.) Auswahl.
Da mir die Gedichte fast alle gefallen, zum Beispiel ÜBERREDUNGSKUNST von Günter Kunert, "Morgen soll uns nichts betrüben / wenn wir heute Beischlaf üben ..." (Köstlich!), bin ich wohl auch ein Relikt der "Scheu-Scham-Zeit", wie Bernd Heimberger, Literaturwissenschaftler aus dem Brandenburgischen, in einer Kritik zum vorliegenden Bändchen die Zeiten unserer Großen "von gestern, vorgestern und vorvorgestern" (Heimberger) an anderer Stelle meinte abfällig bezeichnen zu müssen.
Von gestern, vorgestern und vorvorgestern. - Genau! Und wie toll sie sind, die Anspielungen, Formulierungen und Beschreibungen von vorvorgestern: "frouwe, daz will ich iu gippen gappen / herre, daz sult ir iu hippen happen" von Neidhart (13. Jh.) [also ich hab's verstanden], oder "er gap ir schiere in ir wizen hentel / einez, heizet man den gimpel gempel". Oder von einem meiner Lieblinge, Oswald von Wolkenstein (um 1376-1445), dem spätmittelalterlichen Südtiroler, der schreibt "Frölich, zärtlich, lieplich und klärlich, lustlich, stille, leise / in senfter, süsser, keuscher, sainer weise / wach, du minnikliches, schönes weib / reck, streck, preis dein zarten, stolzen leib!" Oder, gegen Ende desselben Gedichts, "mit so wunniklichem, lieben, rainen lust? / mund mündlin gekusst, / zung an zünglin, brüstlin an brust, / bauch an beuchlin, rauch an reuchlin / snel zu fleiss / allzeit frisch getusst."
Wunderschön ist auch "Die äpffel / so auff deinen brüsten prangen", das Gedicht an und über Albanie, von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau (1616-1679), ALBANIE GEBRAUCHE DEINER ZEIT, wo wir unter anderen die Strophe finden, "Albanie / soll denn dein warmer schooß / So öd und wüst / und unbebauet liegen? / Im paradieß da gieng man nackt und bloß / Und durffte frey die liebes-äcker pflügen / Welch menschen-satz macht uns diß neue weh? / Albanie."
Wir finden in dem Büchlein "Das Rosenband" von Klopstock, den "Ganymed" von v. Goethe, die "Liebesnacht im Haine" von Brentano, "Der Kuss im Träume" von v. Günderrode, die "Maschinka" von Mörike, oder auch Storms "Rote Rosen". Was ist an denen alles verkehrt? Ein jedes ist ein Kleinod an die Liebe und an die Liebe, die Liebe in Worte zu fassen. - Wenn sogar Bertold Brecht "Über die Verführung von Engeln" schreibt!?