„Dass Totgesagte länger leben, gilt auch für das Sonett. Es hat allerlei Misshandlungen über sich ergehen lassen müssen, seit es vor nicht ganz acht Jahrhunderten auf Sizilien am Hofe des kunstfreundlichen Staufers Friedrich II.... in Mode kam. Parodiert, diffamiert, skelettiert und destruiert hat man diese Gattung – aber sie ist lebendig wie eh und je...“
So beginnt das sechsseitige Nachwort des kleinen Heftchens und umreißt damit in wenigen Worten die Entwicklungsgeschichte dieser interessanten, rhythmischen Gedichtgattung. Und im Gedichtteil läßt sich die Entwicklungsgeschichte nachvollziehen, weil die fünfzig Werke chronologisch geordnet sind. Die durchgehend deutschsprachige Sammlung beginnt mit „An eine, sich alt zu werden beklagende, Schönheit“ von Georg Rudolf Weckherlin (1584-1653) und endet mit „Das Unsre“ von Günter Grass.
Dazwischen Perlen wie „Das Sonett“ von August Wilhelm Schlegel („Zwei Reime heiß ich viermal kehren wieder...“), „Römische Fontäne“ von Rainer Maria Rilke („Zwei Becken, eins das andre übersteigend...“) und – „natürlich!“ möchte man sagen - „Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs“ von Robert Gernhardt („Sonette find ich sowas von beschissen,...“). Neben dem Bekannten steht weniger Bekanntes; neben eher Historischem (Gryphius, Novalis, Rückert) steht Modernes (Günter Kunert, Ulla Hahn, Karl Riha). Alles in allem eine gelungene Mischung, die Spaß macht.
Zu dem gelben Reclamheftchen an sich muß ich ja wohl nichts sagen. Dünn und unscheinbar wie es ist, eignet es sich kaum zur Repräsentation im Bücherschrank. Wobei... wenn ich solche Heftchen in fremden Bücherschränken entdecke, bin ich mir ziemlich sicher, derjenige hat sich das Ding 1. selbst gekauft und 2. weil der Inhalt ihn interessierte. Solche Menschen interessieren dann wiederum mich...