Sommerferien
»Georg, setz dich endlich ruhig hin und tu etwas! Dauernd rennst du mit Tim rein und raus. Wie soll ich denn da schlafen?«
»Das tut mir Leid, Mutter«, entschuldigte sich Georgina und fasste Tim am Halsband. »Aber mir ist so langweilig ohne die anderen. Wenn's doch schon morgen wäre! Drei Wochen lang bin ich jetzt allein!«
Georgina ging zusammen mit ihrer Kusine Anne in eine Internatsschule; die Ferien verbrachten beide gewöhnlich mit Annes Brüdern, Julius und Richard. Das gab immer viel Spaß. Nun waren bereits drei Wochen der Sommerferien verstrichen. Anne, Richard und Julius waren mit ihren Eltern verreist, Georgina aber musste bei Vater und Mutter bleiben und war deshalb nicht mitgefahren. Die drei sollten am nächsten Tag eintreffen, um zusammen mit ihr den Rest der Sommerferien im alten Felsenhaus zu verbringen.
»Lustig wird das, wenn sie alle wieder hier sind«, sagte Georg - so wurde sie nämlich immer genannt - zu ihrem Hund Tim. »Einfach großartig, Tim, nicht wahr?«
»Wau«, meinte der und leckte Georgs nackte Knie.
Georg war wie immer angezogen wie ein Junge, mit kurzen Hosen und Pullover. Sie wäre viel lieber ein Junge gewesen und antwortete nie, wenn man sie Georgina rief. Alle mussten sie Georg nennen. Ihre drei Freunde hatte sie in den ersten Ferienwochen sehr vermisst.
»Ich hab immer gedacht, es ist am schönsten, allein zu sein«, sagte Georg zu Tim, der stets jedes ihrer Worte zu verstehen schien. »Jetzt weiß ich, wie dumm das war. Es ist viel schöner, mit Freunden zusammen zu sein und alles mit ihnen zu teilen!«
Tim schlug mit dem Schwanz auf den Boden. Auch er war gern mit den anderen zusammen. Er hatte schon richtige Sehnsucht nach Julius, Anne und Richard.
Georg nahm Tim mit hinunter an den Strand. Sie legte die Hand über die Augen und schaute hinüber zur Buchteinfahrt. Genau in der Mitte lag wie ein Wachtposten eine kleine, felsige Insel mit den Ruinen einer alten Burg.
»Diesen Sommer besuchen wir dich wieder, Felseninsel«, sagte Georg leise. »Bis jetzt hat's noch nicht geklappt, aber bald bin ich so weit und dann komme ich. Ich muss doch nachsehen, ob alles rings um die alte Burg noch in Ordnung ist! Tim, denkst du noch an unsere Abenteuer auf der Felseninsel im vorigen Sommer?«
Tim erinnerte sich noch sehr gut, schließlich war er doch bei all den aufregenden Ereignissen dabei gewesen. Zusammen mit den anderen war er in das tiefe Burgverlies eingedrungen, er hatte dort bei der Schatzsuche mitgeholfen und eine ebenso herrliche Zeit verbracht wie die vier Kinder. Leise bellte er auf.
»Du erinnerst dich, Tim, nicht wahr?« Georg lächelte und tätschelte ihn. »Es wäre doch schön, wieder dort zu sein und noch einmal in den Kerker hinabzusteigen. Und weißt du noch, wie Richard den tiefen Brunnenschacht hinuntergeklettert ist, um uns zu befreien?«
Schon allein der Gedanke an ihre gemeinsamen Erlebnisse im vorigen Jahr war aufregend. Georg sehnte sich immer mehr nach ihren drei Freunden. Wenn Mutter uns nur eine Woche lang auf der Insel wohnen lassen würde!, dachte Georg. Es wäre das Schönste, das wir uns denken können. Auf meiner geliebten Insel wohnen!
Es war in der Tat Georgs Insel. Genau genommen gehörte sie ihrer Mutter, doch die hatte vor zwei, drei Jahren gesagt, Georg könne sie haben. Seitdem betrachtete Georg die Insel als ihr Eigentum. Die Kaninchen, die Vögel, ja alle Tiere darauf gehörten ihr. Ich werde vorschlagen, dass wir für eine Woche auf die Insel ziehen, wenn die anderen kommen. Wir nehmen Essensvorräte und alles Notwendige mit und leben dann dort ganz für uns - genau wie Robinson Crusoe!
Am nächsten Tag holte sie ihre Freunde mit dem Ponywagen ab. Ihre Mutter hatte mitkommen wollen, aber sie fühlte sich nicht recht wohl. Georg war darüber ein wenig besorgt. Ihre Mutter hatte in letzter Zeit oft über Schmerzen geklagt. Vielleicht war die Sommerhitze daran schuld. In den letzten Wochen war es wirklich heiß gewesen. Georg war tiefbraun, ihre Augen strahlten blau aus dem sonnenverbrannten Gesicht. Sie trug ihr Haar noch kürzer als sonst; deshalb war wirklich schwer zu erkennen, ob sie ein Junge oder ein Mädchen war.
Der Zug fuhr ein. Wie verrückt winkten drei Arme aus einem Fenster und Georg rief begeistert: »Julius! Richard! Anne! Endlich!« Die drei purzelten Hals über Kopf aus dem Abteil.
»Hallo, Georg! Wie geht's? Bist du aber in die Höhe geschossen! Wir müssen noch die Koffer aus dem Gepäckwagen holen, Moment!«, rief Julius und rannte seinen Geschwistern voran zu einem der hinteren Waggons.
Alle waren sie gewachsen, denn schließlich waren sie seit den Abenteuern auf der Felseninsel ja auch ein Jahr älter geworden. Sogar Anne, die Jüngste, war kein so kleines Mädchen mehr. Sie fiel Georg um den Hals und riss sie fast um, dann kniete sie neben Tim nieder, der ganz aufgeregt war vor lauter Freude, seine drei Freunde wieder zu sehen.
Es war ein fürchterlicher Lärm. Alle redeten sie gleichzeitig, um den anderen die letzten Neuigkeiten mitzuteilen, und dazu bellte noch Tim ohne Unterlass.
»O Tim, mein Lieber, du bist doch derselbe geblieben!«
»Wau, wau, wau!«
»Meine Mutter konnte leider nicht mitkommen und euch abholen.«
»Georg, wie braun du bist! Wir werden noch viel Spaß haben.«
»Wau, wau!«
»Ruhe, Tim, weg da, du hast ganz schmutzige Pfoten. Du guter Hund, es ist prima, dich wieder zu sehen!«
»Wau!«
Gemeinsam schleppten sie die Koffer und Reisetaschen zum Ponywagen. Georg schnalzte, und das Pony, das so lange brav gewartet hatte, trottete los. Die fünf in dem kleinen Wagen redeten und schrien durcheinander, einer versuchte den anderen zu übertönen. Aber Tim übertraf alle, denn seine Hundestimme war laut und kräftig.
»Hoffentlich ist deine Mutter nicht ernstlich krank«, sagte Julius, der seine Tante Fanny sehr gern hatte. Sie war recht lustig und immer so freundlich zu den Kindern.
»Sicherlich ist es die Hitze«, meinte Georg.
»Und wie geht's Onkel Quentin?«, fragte Anne. »Ist er gesund?«
Die drei Kinder liebten Georgs Vater nicht sehr, weil er leicht in Zorn geriet. Obgleich er die drei gern in sein Haus einlud, hatte er doch kein rechtes Verständnis für Kinder. Sie kamen sich bei ihm immer so überflüssig vor und waren froh, wenn er nicht da war.
»Mein Vater ist gesund«, erzählte Georg. »Er ist nur etwas besorgt um Mutter. Wenn sie gesund ist, bemerkt er sie so gut wie gar nicht, aber er wird ganz aufgebracht, wenn irgendetwas bei ihr nicht in Ordnung ist. Behandelt ihn deshalb ein bisschen vorsichtig! Ihr wisst ja, wie er sein kann, wenn er ärgerlich ist.«
Und ob das die Kinder wussten! Am besten, man schlug einen großen Bogen um Onkel Quentin, wenn etwas nicht nach seinem Willen ging. Aber nicht einmal der Gedanke an den ärgerlichen Onkel konnte ihren Übermut dämpfen. Es waren Ferien, sie fuhren zum Felsenhaus, sie waren an der See, an ihrer Seite saß der gute Tim, und tausend Freuden erwarteten sie.
»Fahren wir diesmal auch zur Felseninsel, Georg?«, fragte Anne.
»Bitte, bitte! Seit vorigem Sommer waren wir nicht mehr dort. Das Wetter in den Weihnachts- und Osterferien war eben zu schlecht. Aber jetzt ist's schön, da könnten wir doch rüberfahren, oder?«
»Klar!«, versprach Georg mit strahlenden Augen. »Hört, was ich mir ausgedacht habe! Wir könnten hinüberfahren und einmal ganz allein eine Woche dort bleiben. Schließlich sind wir ja jetzt älter. Ich glaube schon, dass meine Mutter es erlaubt.«
»Eine ganze Woche auf deiner Insel bleiben!«, jauchzte Anne. »Das klingt zu schön, um wahr zu sein.«
»Es ist unsere Insel«, sagte Georg. »Erinnert ihr euch denn nicht mehr, dass ich sie mit euch geteilt habe? Ihr wisst ganz genau, es ist unsere Insel, nicht meine.«
»Wie ist das mit Tim?«, erkundigte sich Anne. »Müsste er nicht auch einen Teil haben? Können wir ihm nicht ein Fünftel geben?«
»Ihm gehört mein Stück mit«,...