Mit seinen zweiten Beyond Budgeting Buch bezweckt Niels Pfläging wohl den Beweis anzutreten, dass Beyond Budgeting ein längst akzeptiertes und weit verbreitetes Management Konzept ist. Ältere Veröffentlichungen von ihm und anderen Beyond Budgeting Round Table (BBRT)Mitgliedern waren ja eher darauf ausgelegt, das Modell als neuartiges Nischenprodukt zu positionieren. Um dies zu untermauern werden 12 Fallstudien präsentiert. Die Liste der Unternehmen ist durchaus beeindruckend:
AES, USA
Ahlsell, Schweden
Aldi, Deutschland
Dell, USA
DM drogerie markt, Deutschland
Egon Zehnder International
Guardian Industries
Semco, Brasilien
Southwest Airlines, USA
Svenska Handelsbanken, Schweden
Toyota, Japan
W.L.Gore, USA
Dies war es aber auch leider schon mit positivem zu diesem Buch. Denn gerade die präsentierten Fallbeispiele sind die Schwäche des Buches. Es wird häufig nicht klar wie denn die einzelnen Unternehmen nun ohne Budgets steuern und die 12 Beyond Budgeting Prinzipien denn nun genau umgesetzt sind.
Aus Planungssicht besonders kontrovers ist die Toyota Fallstudie. Es hätte mich ja mal interessiert, wie denn ein global agierender Automobilkonzern seine Produktion und seine Supply-Chain steuert ohne den Einsatz einer zentralen, formalisierten operativen Planung. Leider wird dies von Herrn Pfläging nicht einmal im Ansatz erklärt! Man liest hingegen nur sehr Allgemeines über das Vorzeigeunternehmen Toyota.
Einer der Clous des Buches soll wohl sein, dass Beyond Budgeting nicht mehr in erster Linie aus Planungs- sondern aus Führungssicht dargestellt wird, was ebenfalls ein enormer Unterschied zu älteren Veröffentlichungen des BBRT und seiner Mitglieder ist. Einerseits ist es für mich eine Binsenweisheit, dass ein Managementmodell welches radikale Dezentralisierung und die Abschaffung fixer Planvorgaben fordert Führungsaspekte hat. Man darf trotzdem nicht vergessen, dass die Abschaffung von Budgets das einzig wirklich neue an Beyond Budgeting ist! Andererseits drückt man sich durch diese Umpositionierung davor, der Kritik an dem Modell die häufig von Planungsseite geäußert wurde Rechnung zu tragen bzw. auf diese einzugehen.
Wenn man auf die Führungsaspekte eingeht ist auffällig, dass Beyond Budgeting wohl geradezu revolutionär und ohne Pendant ist. Um die Menschenführung gehe es und der Mitarbeiter stehe an erster Stelle usw., dies hat man in der Tat noch nicht gelesen! Plötzlich ist dann auch noch Aldi ein Beyond Budgeting Fallbeispiel, obgleich zwei Kapitel zuvor noch vom Menschen an erste Stelle geschwafelt wurde, Kenner des Unternehmens halten sich fest!
Ich halte fest, dass Beyond Budgeting immer noch ein Einzelfall in Form von Svenska Handelsbanken ist. Bei allen anderen Fallbeispielen ist häufig nicht einmal im Ansatz zu erkennen wie denn dort die 12 Beyond Budgeting Prinzipien umgesetzt sein sollen und wie denn nun genau ohne Budgets gesteuert werden soll. Ich empfinde es als besonders negativ, dass Beyond Budgeting in diesem Buch nicht konzeptionell weiterentwickelt wird, sondern einfach mit neuen Verallgemeinerungen umschmückt wird.
Es stellt sich nach der Lektüre dieses Buches für mich die Frage, was nun genau aus Beyond Budgeting geworden ist, sprich wie man laut diesem Buch das Konzept genau definieren soll. Die Umpositionierung vom Controlling- zum Leadership-Thema hat Beyond Budgeting in meinen Augen mehr geschadet als genutzt. Mittlerweile finde ich es einfach zu schwammig was Herr Pfläging, immerhin Direktor beim BBRT, alles als Beyond Budgeting präsentiert. Da scheinen alle möglichen erfolgreichen Unternehmen irgendwie in die Beyond Budgeting Schablone gepresst zu werden. Hiermit soll wohl die Vermarktbarkeit des Ansatzes gefördert werden, wobei ich mich frage wer denn in der Praxis an einem profillosen, kaum mehr klar definierbaren da durch alle möglichen Leadership-Weisheiten verwässerten Managementmodell interessiert ist. Die in dem Buch präsentierten Unternehmen sind sehr verschieden und scheinen für mich daher auch unterschiedliche Führungsgrundsätze zu erfordern. Lässt man sich für einen Moment auf die Behauptung ein, dass die 12 präsentierten Firmen nun tatsächlich alle Beyond Budgeting betreiben, so stellt sich plötzlich die Frage was denn dann eigentlich Beyond Budgeting sein soll? D.h. sind tatsächlich einheitliche Führungsprinzipien zu erkennen, welche bei allen 12 Firmen Anwendung finden (oder gar ein ganzheitliches Steuerungsmodell)?