Hier liegt das bisher bei weitem "massentauglichste" Beyond Budgeting Buch vor, welches es im Moment gibt. Dadurch soll wohl die Verbreitung des Konzepts gefördert werden. Diese 'Massentauglichkeit' entpuppt sich aber als die Schwachstelle des Buchs. Viele Schilderungen sind schlichtweg oberflächlich und geben ein unzureichendes Bild über die kontroverse Beyond Budgeting Diskussion. Tatsächlich hat das Konzept nämlich weit mehr Kritiker als Befürworter, was in diesem Buch nicht einmal erwähnt wird.
Die eigentliche Enttäuschung stellen aber die 12 Fallstudien dar, welche ja die eigentliche Stärke sein sollten (was man bei "Beyond Budgeting in der Praxis" als Untertitel zumindest vermuten darf). Svenska Handelsbanken ist (mal wieder) das einzige Beispiel, bei dem tatsächlich dokumentiert wäre, dass alle 12 Beyond Budgeting Prinzipien umgesetzt sind.
Bei den anderen 11 Fällen nervt die Oberflächlichkeit mit der sie vorgetragen werden. Ein Fall nimmt im Schnitt 5-6 Seiten ein, davon widmen sich aber lediglich 1-3 Seiten tatsächlich dem Einsatz von Beyond Budgeting bzw. vereinzelter Beyond Budgeting Prinzipien im jeweiligen Unternehmen. Die restlichen Seiten werden damit "verschwendet", die Erfolgsgeschichten der jeweiligen Unternehmen zu "beweihräuchern". Daher ist das Buch für Einstieger in die Thematik nicht zu empfehlen, da man genau trennen muss, was in den Fällstudien eigentlich Beyond Budgeting ist und was darüber hinaus geht oder damit praktisch nichts zu tun hat. An entscheidenden Stellen verlieren sich die Fälle in Oberflächlichkeit. Womöglich betreiben einige der genannten Firmen gar kein echtes Beyond Budgeting, deren Steuerungsmodelle sehen nur oberflächlich, abstrahiert dargestellt so ähnlich aus?!
Mich persönlich hätten detaillierte Infos über die Beyond Budgeting Bestandteile '"Interne Märkte"' und '"Benchmarking"' interessiert, insbesondere wie diese implementiert wurden und auf welche Schwierigkeiten und Vorteile die Firmen dabei stießen. Außerdem hätte mich interessiert, was aus dem einstigen Beyond Budgeting Musterbeispiel Borealis
geworden ist. Dort hat man das '"revolutionäre"' Beyond Budgeting ja längst wieder abgeschafft.
Außerdem wird umfassend auf die Einschränkungen von Shareholder Value und Balanced Scorecard eingegangen. Hier ist nicht immer klar in welchem Kontext dies eigentlich zum Beyond Budgeting steht. In den Originalveröffentlichungen von Hope und Fraser kommt dies übrigens anders raus. Es wird leider gänzlich darauf verzichtet, die Kritikpunkte am Beyond Budgeting bzw. die Einschränkungen unter denen es denn einsetzbar ist zu diskutieren. Es soll hier wohl der Eindruck erweckt werden, dass mit Beyond Budgeting ein "Allheilmittel" entwickelt wurde. Hier stellt sich genau wie bei Total Quality Mgmt., Balanced Scorecard & Co. die Frage ob es ein solches Allheilmittel in der Praxis überhaupt geben kann. Schließlich sind verschiedene Unternehmen unterschiedlichen internen und exernen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Außerdem soll das Buch das Thema wohl auch ein wenig als "Beratungsprodukt" pushen.
Weiterhin beeindruckt mich mal wieder die Leichtigkeit, mit welcher populäre Paradigmen in der BWL doch austauschbar sind. Ist in den ersten Originalveröffentlichungen von Hope und Fraser Ende der 90. Jahre noch von Beyond Budgeting als einem Managementmodell für das Informationszeitalter die Rede, so wird es hier als '"posttaylorristisches Managementmodell für das 21. Jahrhundert'" präsentiert. Insofern sind Leser, die sich anhand der vertretenen Thesen an die Zeit der New Economy erinnert fühlen genau auf der richtigen Fährte.
Fazit: Es sind erstens umfassende Quellenkenntnisse nötig um das Buch kritisch einordnen zu können. Zweitens werden die entscheidenden Fragen über Beyond Budgeting nicht umfassend beleuchtet und somit die sicherlich wertvolle Beyond Budgeting Diskussion nicht entscheidend vorangetrieben. Alles in allem ein eher schwaches Buch, insbesondere wenn man bedenkt, dass es durchaus im hochpreisigen Sachbuch-Segment angesiedelt ist.