Endlich! Mag man ausrufen, wo es doch so wenige Literatur und Praxismaterialien zur Sexualpädagogik für Menschen mit besonderem kognitiven Förderbedarf gibt. Nun haben das Autorenpaar (!) Reinhilde Stöppler und Ditmar Schmetz eine breite Palette an Materialien zusammengestellt, welche in der Arbeit mit Menschen unterchiedlichen Alters, die bislang als geistig behindert tituliert werden, zum Einsatz gebracht werden können. Auffällig ist bei dieser Sammlung, dass nicht nur auf die körperliche bzw. Genitalsexualität abgehoben wird, sondern das Spektrum abgedeckt wird, welches sich ausdrückt in den Themenbereichen: Freundschaften schließen, Verhütung, Geschlechtsrolle, sexuelle Gewalt, Schönheitsideale, Partnerschaft, Ehe, Schwangerschaft, AIDS, Prostitution, Werbung in unterschiedlichen Medien sowie Pubertät und Körperpflege.
Bevor aber ansprechend aufbereitete "Themen- oder Lerneinheiten" dargestellt werden, setzen sich die Autorin und der Autor mit der Sexualerzeihung bei Menschen mit einer geistigen Behinderung intensiv auseinander. Sie machen anhand der UNO-Menschenrechtsdeklaration, dem Normalisierungsprinzip, OECD-Richtlinien und der Leitidee vom Selbstbestimmten Leben klar, wie unerlässlich Bildungsangebote für den spezifischen Personenkreis sind. So heben sie vor allem hervor, dass Sexualerziehung über den Genitalbereich hinausgeht und "körperliche Emotionalität, Kontakt- und Liebesfähigkeit (sowie das) Feld kulturspezifischer Wertvorstellungen und Muster" (S. 15) meint.
Die vierzehn Themenbausteine werden dementsprechend immer mit einem Originalzitat von einer Person aus der Adressatengruppe eingeleitet.
Didaktische und medienspezifische Hinweise ergänzen die gut aufbereiteten Themeneinheiten. Hierbei hätte man sich aber teilweise mehr Kopiervorlagen gewünscht, die direkt zum Einsatz im Unterricht oder in einer Wohngruppe geeignet sind. Die vielen Karikaturen und Zeichnungen in dem Buch sind sehr ansprechend und von einigem Humor geprägt.
Ob es aber wirklich noch zeitgemäß ist, den Einsatz eines Kondoms an einer Banane oder einem Besenstiel zu demonstrieren, wie auf Seite 67 zusätzlich zum Holzpenis vorgeschlagen, ist eher fraglich.
Das fünfseitige Literaturverzeichnis ist sehr umfangreich und beinhaltet ettliche Titel, die sich in der sonstigen Sexualerziehung unlängst bewährt haben. Ein guter Service wäre noch gewesen, einige Bezugsquellen für diverse Materialien aufzuführen. Ein paar mehr praxisnahe Kopiervorlagen hätten dem Buch aber auf jeden Fall noch gut getan.
Die Rahmung der Materialien durch zwei schöne Liebesgedichte sowie die nette Untermalung der Seitenzahlen mit einem Herzen verdeutlichen insgesamt noch einmal, wie sehr es bei der Thematik auf einen umfassenden Sexualitätsbegriff ankommt, der auch spirituelle und religiöse Gesichtspunkte nicht aussen vor lassen sollte.
Im Gesamten eine gute Hilfe, bei der Sexualpädagogik mit angemessener Realitätsnähe und ausreichender Wertschätzung dafür zu sorgen, dass die Liebe bleibt.
Ditmar Schmetz und Reinhilde Stöppler ist dies sensibel und personengerecht gelungen. Mögen viele Erziehende, Begleitende, Therapierende und Fördernde das Buch zu Hilfe nehmen, damit der Förderschwerpunkt Liebe an Leichtigkeit gewinnt.