Wer den wissenschaftlich begründeten Verdacht äußert, bei einer Studie könne es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, der darf erwarten, dass die Studie gründlich geprüft und bei gerechtfertigten Vorwürfen im Interesse einer wirksamen Schadensbegrenzung schnellstens zurückgezogen wird. Dies sollte unstrittig sein. Alexander Lerchl erlebte ein solches Szenario dennoch völlig anders. Seine Einwände gegen zwei alarmierende Mobilfunkstudien, angefertigt in Wien, bewirkten bei den Verantwortlichen eher eine Kette von Abwehrreaktionen und Vertuschungsmanövern, denn den unbeirrten Willen zur schonungslosen Aufklärung der Sachverhalte. Eine meiner Meinung nach für die "weiße" Weste der Forschung gefährliche Reaktion, denn nicht nur in der Mobilfunkdebatte hat die Forschung die entscheidende Aufgabe, über das Risikopotenzial neuer möglicherweise gefährlicher Technologien verbindlich Auskunft zu geben: Politik und Gesellschaft müssen sich darauf blind verlassen können, Betrug und Korruption in dieser Forschungsrichtung wären ein Verbrechen an der Menschheit.
Das Taschenbuch, es ist an einem Wochenende auch von Laien gelesen, beschäftigt sich zunächst allgemein mit Forschungsbetrug und zeigt an einem fiktiven Beispiel, wie schnell auch ein Forscher ohne große kriminelle Energie der Versuchung zum Betrug erliegen kann. Dann schildert der Autor detailliert, warum er an der bekannten Reflex-Studie aus dem Jahr 2005 Anstoß nimmt (GSM, 1800 MHz), was er unternommen hat, damit diese Studie zurückgezogen wird und wie die Reaktionen darauf ausfielen. Dabei kommen auch Details zur Sprache, die bislang öffentlich nicht zugänglich waren. Alexander Lerchl tritt dabei aus meiner Sicht nicht als Angreifer auf, der aus sicherer Deckung heraus feuert, sondern als Wissenschaftler, dem es in erster Linie um Klärung geht, und der schier daran verzweifelt, dass anderen die Wahrung des Scheins allem Anschein nach wichtiger ist. Immer wieder versucht der "Bremer Sherlock Holmes", seine Einwände gegen statistische Auffälligkeiten mit einfachen Beispielen plausibel zu machen. Weite Kapitel gelten den Auffälligkeiten an der zweiten Wiener Studie (UMTS, 1950 MHz) und der unerwartet einfachen Entblindung der Expositionsapparatur. Die in Medienberichten hoch gespielte Laborassistentin Elisabeth K. spielt in dem Buch, das den Zeitraum von Sommer 2007 bis Oktober 2008 abdeckt, so gut wie keine Rolle.
Wer einen Blick in die schattigen Ecken des Wissenschaftsbetriebs riskieren und sich in der Debatte um die Wiener Studien aus erster Hand informieren möchte, ist mit dem preiswerten Büchlein gut beraten - auch wenn noch ein paar fanatische Mobilfunkgegner aus Prinzip das Gegenteil behaupten werden.