Und dann beginnt das Entsetzen Trotzdem kann Daniil Charms süchtig machen Seit zwanzig Jahren arbeiten der Herausgeber und Übersetzer Peter Urban und Katharina Wagenbach mit ihrer Friedenauer Presse daran, den bis in die achtziger Jahre vergessenen russischen Autor Daniil Charms im deutschen Sprachraum in seine Rechte einzusetzen. Mit Erfolg. Wie die Russen Isaak Babel und Vladimir Nabokov gehört Charms inzwischen unbestritten zur Weltliteratur und wird in einem Atemzug mit Samuel Beckett genannt. Dass Verlag und Übersetzer weitermachen, ist umso wichtiger, seitdem der Zürcher Haffmans-Verlag, in dem Teile des Charms'schen uvres erschienen waren, in Konkurs gegangen ist. Und dass die Friedenauer Presse sich nicht einer lästigen Pflicht entledigt, sondern trotz der Schwärze der Texte zu einer über grosse Strecken höchst vergnüglichen Lektüre einlädt, davon wissen viele Charms-Süchtige längst ein Lied zu singen. «Wenn ich tot bin, dann kann ich mich nicht mehr bewegen. Also beweg doch mal den Arm. Bewegt den Arm. Er bewegt sich! Beweg doch mal das Bein! Bewegt das Bein. Es bewegt sich! Beweg mal den Kopf. Bewegt den Kopf. Bewegt sich auch. Also lebe ich noch. Hurra!»
Das lässt Daniil Charms den Zirkusdirektor 1935 in «Zirkus ardam», einem nun erstmals ins Deutsche übersetzten Stück für Kinder, sagen. Was als unbekümmertes Geplapper daherkommt, wird sich in der Zeit, in der Charms schrieb, weit weniger harmlos angehört haben. Dass jeden Tag jemand abgeholt wurde und nicht wiederkam, war in Russland damals der Normalzustand. Dass jemand überlebte, eher die Ausnahme. Den Autor selber beförderte ein solches Durchschnittsschicksal mit nur 36 Jahren ins Jenseits. Nachdem er im August 1941 das zweite Mal verhaftet worden war, verhungerte Charms Anfang Februar 1942 in einem sowjetischen Gefängnis. Zum Terror Stalins war zu diesem Zeitpunkt jener von Hitlers Feldzug gegen Russland hinzugekommen. 1905 in St. Petersburg geboren, ist Charms fünfzehn Jahre jünger als das grosse Viergestirn der modernen russischen Lyrik, bestehend aus Ossip Mandelstam, Marina Zwetajewa, Anna Achmatowa und Boris Pasternak, die bereits vor der Zeitenwende aus Revolution und Bürgerkrieg mit ihren Gedichten an die Öffentlichkeit getreten waren.
Für Charms war die Sowjetmacht kein umstrittenes Novum mehr, sondern ein unumstössliches Faktum, das der Literatur mehr und mehr die Luft zum Atmen nahm. Charms' aufsehenerregender Auftritt im Januar 1928 bei dem Happening «Drei linke Stunden» im Haus der Presse in Leningrad war der Anfang vom Ende, seine zweite Publikation aus dem Jahre 1927 sollte schon die letzte gewesen sein. Hinfort konnte er nur noch Kinderliteratur veröffentlichen, bis 1937 auch diese einzige Einnahmequelle zu versiegen drohte. Lange bevor er starb, lernte Charms den Hunger kennen: «So beginnt der Hunger: / morgens erwachst du frisch und munter, / dann beginnt die Schwäche, / dann beginnt die Langeweile; / dann kommt der Verlust / der raschen Verstandeskraft, / dann kommt die Ruhe. / Und dann beginnt das Entsetzen.» Das Entsetzen wird Charms' Schicksal, sein persönliches Lebensthema und der Tenor einer ganzen Epoche. Dabei waren die jungen Leute, die sich 1927 in der Leningrader Gruppe «Oberiu» (Vereinigung der realen Kunst) zusammengetan hatten und zu denen neben Charms Alexander Vvedenski und Nikolai Sabolozki gehörten, doch genauso selbstbewusst, übermütig und lachlustig wie ihre dadaistischen Zeitgenossen im Westen und veranstalteten nicht minder wilde Happenings als ihre Zunftkollegen. Doch schon am 9. April 1930 beendete der Zeitungsartikel «Reaktionäre Jongleurskünste.
Ein Anschlag literarischer Rowdies» die Träume von einem ästhetischen Freiraum im Sowjetstaat, und weitere anderthalb Jahre später, im Dezember 1931, werden die jungen Wilden verhaftet und verurteilt. Im April 1932 verfügt der Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei «Über den Umbau der Künstler- und Schriftstellerorganisationen» dann endgültig die Unterwerfung der Kunst unter die Parteilinie. Zwar vergehen bis zum Höhepunkt des Terrors der Stalinzeit noch fünf Jahre, aber die Richtung der Kulturpolitik ist klar vorgegeben. Wie Daniil Charms das Lachen immer mehr vergeht und das blanke Entsetzen siegt, lässt sich in dem Band «Fälle» verfolgen, den die Friedenauer Presse nun wieder verlegt hat und der die Prosa von Charms wieder zugänglich macht. Immer stärker verdichten sich die Humoresken zu grotesken Kürzestgeschichten, in denen die Gewalt in den Vordergrund tritt; immer abstruser werden die Rechtfertigungen für diese Gewalt, und je selbstverständlicher Brutalität und Zynismus der Angriffe, desto mehr schwindet jeder Ansatz von Gegenwehr.
Dabei steigert Charms den Eindruck, indem er jede Einfühlung mit dem Opfer verweigert. Die eigentliche Zumutung ist die provozierende Teilnahmslosigkeit des Textes. Wo Gewalt keine individuelle Rache, Wut oder Passion ist, sondern ein Automatismus, da verliert auch das Opfer sein Gesicht und wird zur Manövriermasse der Geschichte. Und doch hält Daniil Charms nicht nur der Stalinzeit den Spiegel vor. Indem er den Mechanismus der Gewaltausübung ohne alle Sentimentalität blosslegt und literarisch zuspitzt, giesst Charms den Albtraum menschlicher Allmacht in eine Form, die auf die menschliche Natur per se, unabhängig vom Zeitenwandel, zielt. In diesem Sinne ist Charms durchaus auch als Wegbereiter von Autoren wie Imre Kertész und Aleksandar Tima zu sehen.
Birgit Veit
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Pappbilderbuch
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 06.02.2003
Ganz verzückt ist Martin Mosebach von Daniil Charms neu edierten Prosastücken. Diese kleinen Grotesken haben zwar das Format von Anekdoten und Witzen, erklärt Mosebach, doch ihre Komik beruhe auf ihrer "schwebenden Pointenlosigkeit, oft auch Pointenverweigerung, gelegentlich sogar Pointenvernichtung". Oft nur einige Sätze lang, erzählen die Geschichten Grausames und Gewalttätiges, schwelgen in "rätselhaft unmotivierten Bluttaten", und doch, schwärmt Mosebach, findet all diese fürchterliche Verwirrung in einem "Geist voll ästhetischer Unschuld" statt. Gelegentlich schiebe sich auch der Geist des Chaos zwischen erzähltes Ereignis und literarische Wiedergabe. Das alles sei - zumindest in der Übersetzung von Peter Urban - in einer glockenklaren Sprache geschrieben, deren poetische Einfachheit an Robert Walser erinnere.
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Pappbilderbuch
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