Nachrichtengewinnung und Aufklärung sind seit je her für die eigene Operationsführung von entscheidender Bedeutung. Bis heute stellen sie eine der Schlüsselfähigkeiten von Streitkräften dar.
Fernspäher sind hochspezialisierte Kräfte der Nachrichtengewinnung und Aufklärung. Oculus Exercitus - lateinisch für Auge des Heeres" aber auch geübtes Auge" - lautet der Wappenspruch der Fernspähtruppe der Bundeswehr, der Christin-Désirée Rudolph ein eigenes Buch gewidmet hat.
Man merkt der Autorin ihre Begeisterung für diese exklusive Truppengattung in jeder Zeile an, dabei geht die journalistische Distanz allerdings etwas verloren. Dem von ihr zitierten Wunsch eines Fernspähers (Bitte mystifizieren Sie uns nicht, wir sind keine Helden; wir machen das, weil das genau der Job ist, den wir wollten."; S. 45) kommt sie teilweise nicht nach.
Die kurze historische Abhandlung über Späher allgemein gehört zu den schwächeren Passagen des Buches. Auch fragt man sich, warum in einem Werk über die Fernspäher der Bundeswehr, die - wie mehrfach betont wird - für die Erhaltung des Friedens und der Demokratie der Völker" ihr Leben riskieren, die NVA Fern- und Spezialaufklärer abgehandelt werden und dabei nahezu unkommentiert NVA-Propaganda zitiert wird (S.17 ff.). An Stelle dieses entbehrlichen Exkurses hätte man sich vielmehr etwas über die längst aufgelösten Kompanien 100 und 300 gewünscht.
Der Ausblick am Ende des Buches ist eher ein Rückblick in die Geschichte seit dem Ende des Kalten Krieges. Hier hätte eher die an den Einsatzerfahrungen orientierte Aufstellung der Heeresaufklärungstruppe behandelt werden müssen, die dem Grundsatz Aufklärung aus einer Hand" folgt: Die ehemaligen Panzeraufklärer, Feldnachrichtenkräfte, Kräfte der Drohnenaufklärung sowie die Fernspähtruppe verschmelzen zur Heeresaufklärungstruppe", deren Aufstellungsappell im übrigen am 6. März 2008 erfolgte und nicht - wie die Autorin behauptet - am 16. November 2007.
Und dennoch ist das Buch durchaus empfehlenswert. Die schwächeren Passagen werden durch die - bisher nicht gekannte - faktenreiche Darstellung der heutigen Fernspähtruppe mehr als ausgeglichen. Positiv ist ebenfalls hervorzuheben, daß auch einige Fernspäher oder sonstige Mitglieder der Community" zu dem Buch beigetragen haben, beispielsweise in einem Kapitel über das Ausbildungszentrum Spezielle Operationen".
In den lebendig geschilderten und umfangreichen Einblicken in die Fernspähtruppe von heute liegen eindeutig die Stärken des Buches: Ausbildung und Verband, Eignungsvoraussetzungen, Ausrüstung, Einsatz in der Tiefe, Mission Planning, Verbringungs- und Rückführungsmöglichkeiten werden ebenso behandelt, wie Taktische Verwundetenversorgung durch Spezialkräfte (TCCC) und die Lehrgänge am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen und demnächst an der Heeresaufklärungsschule. Das ganze wird durch die reichhaltige Bebilderung mit attraktiven Fotos ergänzt. Zu viel verraten (OPSEC, PERSEC) wird freilich auch nicht, aber das ist ja auch in Ordnung.
Fazit: Ein Buch mit Stärken und Schwächen, in der Summe aber als umfassender, aktueller Einblick in die Welt der Fernspäher empfehlenswert.