Es heißt, die Familie von Kubrick hätte sich sehr über dieses Buch geärgert, das kurz nach dem Tod des berühmten Regisseurs erschienen ist. Man mag dies nachvollziehen, denn das Bild das von Kubrick hier gezeichnet wird, entspricht nicht den schönen Worten, die man sonst beim Ableben eines Genies so in der Öffentlichkeit von sich gibt. Aber ein Nachruf soll dieses Buch ja auch nicht sein. Es ist weder eine Hommage (so der Klappentext) noch eine Demontage des Künstlers, von der wir hier lesen.
Überhaupt muss man bei der Beschreibung dieses Buches wohl erst einmal alles aufführen, was dieses Buch nicht sein soll. So ist es kein Charakterbild von Kubrick. Der Autor hat zwar über fast zwei Jahre eng mit Kubrick zusammengearbeitet, aber ihn dabei nicht besonders oft gesehen - wenn auch oft mit ihm telefoniert. Es ist auch kein Werk über die Entstehung des berühmten, aus meiner Sicht genialen, letzten Film von Kubrick, Eyes Wide Shut". Denn hier wird nur ein einziger Aspekt der Entstehung geschildert, nämlich ein Stück der Verfassung des Drehbuchs. Über die Dreharbeiten erfahren wir nichts, wir lesen nur einen Bericht aus zweiter Hand über das Casting der Hauptdarsteller Kidman und Cruise. Welcher Anteil des Drehbuchs im finalen Film von Kubrick und wie viel hier vom Buch- und Drehbuchautor Raphael stammt, selbst das bleibt in vielen Details offen. Auch liefert das Buch keine Interpretation des Films. Die vielen Rätsel, die der Film bewusst offen lässt, werden hier nicht geklärt.
Worum geht es hier dann? Primär ist dies ein Buch über den kreativen Prozess, in dem zwei intelligente und erfahrene Menschen versuchen, gemeinsam ein Konzept für einen Film und die Rohfassung des Drehbuchs zu entwickeln. Dabei geht es nicht um das Ergebnis, sondern um die Art, wie die beiden miteinander kommunizieren. Es geht auch um die Empfindungen auf Seiten des Drehbuchautors, der mit der größeren Macht des Produzenten und Regisseurs klar kommen muss. Machtspiele sind durchaus nicht selten im Buch. Schach wird als Metapher für dieses Verhalten verwendet. Zwei Menschen versuchen, ein kleines Stück Leben zu kontrollieren. Und da beide dabei eigene Ansichten haben, prallen die Gegensätze hier gelegentlich heftig aufeinander. Der Witz ist, dass sich beide trotzdem achten, vielleicht sogar bewundern.
Möglicherweise liegt das Problem zwischen beiden gerade in der fehlenden Kommunikation. Kubrik will den Entwurf des Drehbuchs am liebsten Seitenweise. Raphael will am liebsten allein und weit weg arbeiten, und dann mit dem fertigen Werk am Ende nur noch die Rechnung präsentieren. Auf der anderen Seite sitzt der Autor wir die Maus vor der Katze, wenn es darum geht, die Absichten von Kubrik in Bezug auf den Film zu verstehen. Es sieht so aus, als ob Kubrick hier einfach nicht mit der Sprache raus gerückt ist, was die Botschaft angeht. Zwei Egozentriker an der Arbeit. Raphael spekuliert viel über die Absichten und Motivationen von Kubrick, so überlegt er, welchen Beitrag hier der jüdische Background der beiden Beteiligten, aber auch des Autors der Romanvorlage hat. Denn auch Arthur Schnitzler und die Protagonisten des Romans sind jüdisch. Kubrick scheint dies aber kaum interessiert zu haben. So schafft sich Raphael hier selbst seine Rätsel und Probleme.
Geschrieben ist das ganze sehr kreativ als Mischung als Tagebuch, Erfahrungsbericht und Drehbuchdialog. Gerade letzteres ist beim Lesen erst einmal etwas gewöhnungsbedürftig. Aber warum eigentlich nicht? Passt jedenfalls zum Thema.
Leider lässt auch dieses Buch damit die Frage offen, welche der vielen Schönen im Film sich jetzt für den guten Bill opfert. Ob hier Ziegler in der in der Vorlage nicht enthaltenen Szene am Schluss die Wahrheit sagt, ist eine durchaus offene Frage.