Zwischen Theatralik, Orient-Drive und Plasticpop – das Happening geht weiter. Bei 4AD sind sie jetzt gelandet, das exzentrische Kunst-Pop-Kollektiv aus New York. Bei dem Label also, das vormals durch ätherischen bis exzentrischen Kunstpop berühmt geworden ist, mit Namen wie Lydia Lunch, Pale Saints, Xmal Deutschland und natürlich den Cocteau Twins aufwarten konnte. Es gibt auch einige Dutzend etwas weniger spektakuläre Stilistiken in der Artistroster-Geschichte des legendären Labels. Aber in diese Erinnerungen passen sich Gang Gang Dance natürlich besonders gut ein, diese Skandalband mit den Toten und Hotelzimmer-Schießereien im Gepäck und den unberechenbaren musikalischen Exkursionen, die es eigentlich schwer machen, ihre Alben vorbehaltlos gut zu finden, zumindest aus einem eher popmusikalischen Blickwinkel. „Eye Contact“ scheint dieses – vielleicht – Vorurteil jetzt widerlegen zu wollen. Die bandeigene Exzentrik wurde deutlich zurückgeschraubt, oder besser: in den Dienst eines erstaunlich geschlossen wirkenden Albums gestellt. Das gibt sich – und da sind wir wieder bei den klassischen 4AD-Qualitäten – über weite Strecken ganz betont sphärisch; und wenn man sich ganz weit aus dem Fenster lehnen mag, könnte man einfach arg verkürzend sagen: wie Cocteau Twins auf orientalischem Acid. Es sind tatsächlich die orientalisch geprägten Soundmuster, die „Eye Contact“ durchweg prägen. Polyrhythmische Strukturen bringen gehörigen Drive in die Tracks, Lizzi Bougatso liefert schwebende, immer kurz vor dem Umkippen in die Hysterie agierende Vocals, sogar ein paar Synthie-Schalmeien machen Druck. Eingebettet ist das in eine Produktion, die die Erfahrungen der ja doch sehr disparaten Vorgänger-Alben hintergründig aber organisch einfließen lässt. Da gibt es mal ein gebremstes Grime-Zwischenspiel, den mit „Romance Layers“ auch noch todsicher benannten theatralischen Breitwand-Soundteppich oder die überdeutlich Plasticpop-affine Hit-Konstruktion „MindKilla“, die man sich so direkt auf dem neuesten Lady Gaga-Album wünschen würde. Zeit zum Ausruhen lässt „Eye Contact“ einem denn auch kaum, gerade mal ein kurzes Atemholen ist zwischendurch mal drin, dann geht es gleich weiter mit dem Hi-Energy-Konzept, das Gang Gang Dance auf ihrem fünften und wohl zugänglichsten Album perfektioniert haben. Für die gemeine Indie-Disco um die Ecke ist das immer noch nix. Aber live möchte man sich das Happening spätestens jetzt dann doch mal anschauen.
Kurzbeschreibung
Die künstlerische Herangehensweise von Gang Gang Dance und der daraus resultierende Sound werden begreifbar, wenn man sich die Entstehung und die wechselhafte Geschichte dieser Formation, die eher Kunstprojekt als Band ist, vor Augen hält. Angeschossene Bandmitglieder und verbranntes Equipment sind da noch die weniger dramatischen Ereignisse... Die gemeinsame Biographie beginnt bereits 1996, als Tim DeWit und Brian DeGraw von der Band Cranium aus Washington DC zusammen mit Russia aus Manhattan in einem Kellerclub in Brooklyn spielen. Nachdem die Band so bereits einige Zeit als loses Kollektiv existiert, ist Halloween 2001 der eigentliche Geburtstag von Gang Gang Dance. Colin de Land, Besitzer der American Fine Arts Gallery, bittet die ihm freundschaftlich verbundenen Musiker, bei einer Tribut-Show zu spielen, auf der Songs seiner im Jahr zuvor verstorbenen Frau, der bedeutenden Kunsthändlerin Pat Hearn, performt werden sollen. Der eindrucksvolle Auftritt führt zu dem Entschluss, Gang Gang Dance zu einer festen Institution im Leben der Bandmitglieder werden zu lassen. Sänger Nathan Maddox und Josh Diamond, ein Veranstalter von Improvisations-Shows, komplettieren das Line-Up.
Von Beginn an bleibt es ein grundlegendes Prinzip der Band, weite Teile ihrer Shows und Aufnahmen frei zu spielen. Gerade die unberechenbaren Live-Shows machen die Band schnell im New Yorker Underground bekannt. 2002 erscheint ihr Debütalbum, dessen Release Nathan Haddox nicht mehr miterleben wird. Im Frühjahr desselben Jahres wird er auf dem Dach seines Appartements vom Blitz getroffen, nachdem er sich „wie üblich dem Himmel dargeboten hatte“ (Brian DeGraw) und stirbt. Betroffen von diesem Ereignis versprechen sich die übrigen Bandmitglieder, Nathan in ihrer Musik weiterleben zu lassen. Seither ist seine Stimme auf jedem Release der Band zu hören.
Mit dem Nachfolger “God’s Money” definieren Gang Gang Dance ihren Sound aus. Exotische Tonleitern, Einflüsse aus Dub, Grime und Noise sowie Lizzi Bougatsos eigenwilliger Gesangsstil sind seither unverkennbare Merkmale des intellektuell und emotional fordernden Sounds der Band. Weiteren Alben und EPs folgen unter anderem auf Warp, und die Formation baut ihren avantgardistischen Ruf und ihre Bekanntheit international aus. Zum Teil verbindet sie ihren extravaganten Klangkosmos mit etwas, das man Popmusik nennen könnte. So haben sie mittlerweile prominente Bewunderer in der Musikszene gewonnen. Florence Welch (Florence and The Machine) etwa zitiert den Sound der Band auf ‚Raise it Up’ so ausführlich, dass sie dafür später Teile ihrer Einnahmen an die Band weitergibt. Im Mai 2011 wird die Band auf Einladung von Animal Collective beim All Tomorrow Parties Festival spielen.Im selben Monat erscheint auch ihr neues, fünftes Album „Eye Contact“. Wieder entwerfen Gang Gang Dance einen Sound, der ihr bisheriges Spektrum erweitert. Treibender als zuvor gestaltet der neue Schlagzeuger Jesse Lee, der den ausgestiegenen Tim DeWit ersetzt, den polyrhythmischen Unterbau der neuen Stücke, und Lizzi Bougatsos graziler Gesang fügt sich nahtlos in den akribisch ausproduzierten Entwurf ihrer enigmatischen Klangsphären ein. Gang Gang Dance sind ein Ereignis.