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Extrem laut und unglaublich nah
 
 
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Extrem laut und unglaublich nah [Gebundene Ausgabe]

Jonathan Safran Foer
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (105 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Oskar Schell ist „Erfinder, Goldschmied, Amateur-Entomologe, Frankophiler, Veganer, Origamist, Computer-Spezialist, Sammler“ und noch vieles mehr. So jedenfalls steht es auf seiner Visitenkarte, die allerdings zwei seiner größten Talente verschweigt. Denn Oskar ist ein Kind, ein neunjähriges Kind, um genau zu sein. Und Oskar ist traurig, grenzenlos traurig. Bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 hat er seinen Vater verloren. Letzteres spornt ihn an, sich auf die Suche zu machen. Ersteres schenkt den Lesern von Jonathan Safran Foers Roman Extrem laut und unglaublich nah einen der interessantesten, klügsten, spektakulärsten und bezauberndsten Ich-Erzähler der letzten Zeit.

Beim Durchwühlen des Nachlasses seines Vaters findet Oskar einen Schlüssel. Fortan jagt er durch ein merkwürdig fremdes, fast surreal wirkendes New York auf der Suche nach der Tür, zu welcher der Schlüssel passen könnte. Anlass für Foer, seinen Helden mit skurrilen und bisweilen seltsam märchenhaft wirkenden Gestalten und deren Biografien zu konfrontieren. Und mit seinem eigenen Großvater, der wegen der Pressemeldungen vom Terroranschlag und der Mitteilung vom Tod des Sohnes plötzlich in der Wohnung der Großmutter steht -- und der durch sein bloßes Dasein den Kampf der Kulturen mit einem Krieg aus vergangenen Zeiten in Beziehung setzt: zur Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg nämlich, dessen Grauen Foer leider weniger hell wie den Rest seiner Geschichte erstrahlen lässt. Tatsächlich bleiben die Passagen über die Zerstörung Deutschlands seltsam farblos, ganz im Gegensatz zum Rest.

In Extrem laut und unglaublich nah verfolgt Foer dieselbe Erzählstrategie, die schon seinen Debütroman Alles ist erleuchtet bestimmte. Hier wie dort macht sich der Ich-Erzähler auf die Reise in die Vergangenheit, auf der Suche nach seinen Vorfahren (und damit seinen Wurzeln). Und hier wie dort macht er eine zweite Handlung auf, die den Leser tief hineinführt in die Vergangenheit. Was schon in Alles ist erleuchtet gelang, geht auch in i>Extrem laut und unglaublich nah wieder blendend auf, trotz kleiner Schwächen und einiger etwas allzu kitschig geratener Sequenzen. Deshalb: unbedingt lesen! --Isa Gerck

Amazon.de Audiobook-Rezension

Ein extrem guter und für sein jugendliches Alter unglaublich souveräner Erzähler ist dieser Jonathan Safran Foer. Das bewies er mit seinem genial Debütroman Alles ist erleuchtet, einer tragikomischen Spurensuche nach Familienwurzeln in der Ukraine, die lebenssprühenden Humor mit der Schicksalsschwere des Holocaust zu verquicken vermochte. Auch in seinem zweiten Roman versucht sich der Shootingstar der amerikanischen Literatur an einer Gratwanderung ähnlicher Schwierigkeit.

Extrem laut und unglaublich nah erzählt die Geschichte einer zweifachen Vater-Sohn-Tragödie. Da ist zum einen der Großvater, ein Maler, der vom 2. Weltkrieg traumatisiert nach Amerika kommt. Er hat in der Bombardierung Dresdens seine Verlobte verloren und spricht seither kein Wort mehr. In New York trifft er deren Schwester und heiratet sie. Als sie ein Kind von ihm erwartet, verschwindet er, schreibt aber über Jahrzehnte Briefe an seinen nie gekannten Sohn, die er aber nicht abschickt. Dieser Sohn, Thomas Schell, stirbt im zusammenstürzenden World Trade Center und hinterlässt ein neunjähriges Kind, Oskar, der Ich-Erzähler des Romans. Mit überbordender Fantasie versucht Oskar mit dem Tod des Vaters fertig zu werden. Und er irrt durch New York auf der Suche nach dem Schloss für den Schlüssel, den er im Arbeitszimmer seines Vaters gefunden hat.

Der Roman prunkt mit hinreißenden Passagen, dann wieder versinkt die Geschichte in einem Tümpel aus Sentimentalität und Gefühlskitsch. Mit geringerem als Großkatastrophen gibt sich Safran Foer anscheinend nicht ab -- neben Dresdner Bombensturm und Terroranschlag baut er auch noch die Atombombe von Hiroshima ein. Was mag da im nächsten Roman noch kommen? Mit Alles ist erleuchtet kann sein zweiter Roman jedenfalls nicht ganz mithalten. Weniger wäre mehr gewesen.

Bei der Interpretation Alexander Khuons verhält es sich umgekehrt. Stimme und Darbietung des Jungschauspielers: unauffällig. Was bei diesem überbordenden Text aber eher wohltuend wirkt. --Christian Stahl

Spieldauer: ca. 451 Minuten, 6 CDs, gekürzte Lesung -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

kulturnews.de

Was eigentlich kitschig und pathetisch klingt, erzählt Jonathan Safran Foer in seinem zweiten Roman mit großem Einfühlungsvermögen und viel Tiefsinn: Der neunjährige Oskar verliert seinen Vater bei den Anschlägen auf das World Trade Center. Als der altkluge Junge in den Sachen des Vaters einen rätselhaften Schlüssel findet, streift er durch die Stadt, um das Geheimnis zu ergründen und begegnet dabei New Yorkern mit ganz unterschiedlichen Schicksalen. Grandios verschränkt der 28-jährige Autor die Trauerarbeit seines kleinen Protagonisten mit dem Schicksal von Oskars Großeltern beim Bombenangriff auf Dresden im 2. Weltkrieg - ohne dabei politischen Fragwürdigkeiten und verharmlosenden Analogien zu verfallen. Verbindendes Element ist einzig das menschliche Leid, die Schicksale der Opfer, die Foer abstrahiert, mit psychologischer Tiefenschärfe und nie ohne Humor beleuchtet. Dabei nutzt er die Wucht verschiedener Erzähltraditionen, kombiniert Elemente von Schelmenroman, Großstadtporträt und Familienepos mit postmodernem Design inklusive Grafiken und Daumenkino. Doch es sind vor allem Foers leise Worte, die ungewöhnlichen, anrührenden Bilder, die „Extrem laut und unglaublich nah" zum Besten machen, was man 2005 lesen kann. (cs)

Kurzbeschreibung

Wie wunderbar er erzählen kann, hat Jonathan Safran Foer schon in seinem ersten Roman »Alles ist erleuchtet« bewiesen. Mit der unvergesslichen Geschichte des kleinen Oskar Schell, der am 11. September den Vater verloren hat, zeigt Foer erneut sein literarisches Können. Ein mutiges Buch, gefühlsstark, traurig und komisch zugleich. Oskar Schell ist neun Jahre alt. Wie er auf seiner Visitenkarte mitteilt, ist er Pazifist, Erfinder, Schmuckdesigner, Tamburinspieler. Vor allem aber ist er tief traurig und verstört über den Tod seines Vaters. Mit dem Tamburin läuft Oskar durch New York, auf der Suche nach einem Türschloss, in das ein geheimnisvoller Schlüssel aus den Hinterlassenschaften des Vaters passen könnte. Auf dieser Odyssee begegnet Oskar, der den Grund für den sinnlosen Tod des Vaters herausfinden will, vielen ungewöhnlichen Menschen und gerät in aberwitzige Abenteuer. Verbunden mit Oskars Geschichte ist die seiner deutschen Großeltern, die nach der Bombardierung Dresdens, gezeichnet von Trauer und Verlust, nach New York geflüchtet sind. Drei Schicksale, drei Stimmen. Foer gelingt es, das bewegende Schicksal einer Familie darzustellen und zu zeigen, dass Schmerz und Komik, Sprachlosigkeit und Absurdität unglaublich nah beieinander liegen. Der Text ist durchzogen von Bildern, die Oskars Vorstellungen illustrieren und vertiefen. »Extrem laut und unglaublich nah« ist ein literarisches Ereignis, das in über 12 Ländern erscheint.

Stimmen zum Buch:
"Jonathan Safran Foers zweiter Roman erfüllt all unsere Erwartungen. Er ist ehrgeizig, brillant, geheimnisvoll und vor allem in der Schilderung des verwaisten Oskar zutiefst bewegend. Eine ungewöhnliche Leistung." Salman Rushdie

"Jonathan Safran Foer ist eine ungewöhnliche neue Stimme – virtuos, visionär, naiv, urkomisch und herzzerreißend." The Village Voice

"Temperamentvoll, eindringlich und wunderbar unterhaltsam bringt Foer den Leser dazu, die Welt mit all ihrem Grauen und all ihren Möglichkeiten aus der Perspektive eines Kindes neu zu sehen." National Post

Der Verlag über das Buch

Extrem gut und unglaublich gelungen – der neue Roman von Jonathan Safran Foer

Über den Autor

Jonathan Safran Foer, geboren 1977, studierte in Princeton Philosophie. Er lebt und arbeitet in New York. Sein erster Roman »Alles ist erleuchtet« machte ihn mit einem Schlag bekannt.

Im September 2005 wird nach einem Libretto von Jonathan Safran Foer die Oper »Seven Attempted Escapes from Silence« in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin uraufgeführt. Die Verfilmung von »Alles ist erleuchtet« (Regie: Liev Schreiber) kommt mit Elijah Wood in der Hauptrolle im August 2005 in den USA in die Kinos.

Auszug aus Extrem laut und unglaublich nah von Jonathan Safran Foer, Jonathan Safran Foer, Henning Ahrens. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

WAS ZUM?
Wie wäre es mit einem Teekessel? Wie wäre es, wenn die Tülle beim Austreten des Wasserdampfs wie ein Mund auf- und zuklappte und hübsche Melodien pfiffe, Shakespeare aufsagte oder einfach mit mir ablachte? Ich könnte auch einen Teekessel erfinden, der mir zum Einschlafen mit Dads Stimme etwas vorliest, vielleicht auch einen ganzen Haufen Kessel, die im Chor den Refrain von »Yellow Submarine« singen, einen Song der Beatles, die ich wahnsinnig gern mag, denn die Entomologie ist eine meiner raisons d’être, und das ist eine französische Redewendung, die ich gelernt habe. Eine super Idee wäre auch, meinem Hintern beizubringen, beim Furzen zu sprechen. Ganz besonders komisch wäre es, ihm beizubringen,
dass er jedes Mal »Das war ich nicht!« sagt,wenn ich einen unglaublich fiesen Furz loslasse. Und wenn ich je einen unglaublich fiesen Furz im Spiegelsaal loslassen sollte, der in Versailles
ist, das bei Paris ist, das in Frankreich ist, versteht sich von selbst, würde mein Hintern sagen: »Ce n’était pas moi!«
Oder kleine Mikrophone etwa. Wie wäre es, wenn jeder eins schlucken würde und wenn sie über kleine Lautsprecher, die in den Taschen unserer Overalls steckten, unseren Herzschlag übertragen würden? Wenn man dann nachts mit dem Skateboard durch die Straßen fährt, könnte man den Herzschlag aller anderen Menschen hören, und sie könnten unseren hören, ähnlich wie mit einem Echolot. Ich frage mich allerdings, ob dann alle Herzen gleichzeitig zu schlagen begännen, denn Frauen, die zusammenleben, bekommen ja auch zur gleichen Zeit die Regel, darüber weiß ich Bescheid, obwohl ich es lieber nicht wüsste. Das wäre wirklich krass, nur die Station im Krankenhaus, wo die Babys auf die Welt kommen, die klänge wie ein Kronleuchter auf einem Hausboot, weil die Babys noch keine Zeit hatten, ihren Herzschlag aufeinander abzustimmen. Und beim Zieleinlauf des New York City Marathon wäre ein Krach wie im Krieg.
Außerdem gibt es ziemlich viele Situationen, in denen man sofort die Flucht ergreifen muss, aber Menschen haben keine Flügel, jedenfalls noch nicht, wie wäre es also mit einem Vogelfutter-Hemd?
Wie auch immer.

Vor dreieinhalb Monaten hatte ich meine erste Ju-Jutsu-Stunde. Aus nahe liegenden Gründen war ich sehr an Selbstverteidigung interessiert, und Mom war der Meinung, dass mir eine weitere körperliche Betätigung außer Tamburin-Spielen gut täte, also hatte ich vor dreieinhalb Monaten meine erste Ju-Jutsu-Stunde. Wir waren vierzehn Kinder im Kurs, und wir trugen alle blütenweiße Gewänder. Wir übten die Verbeugung, und dann setzten wir uns hin, indianermäßig, und Sensei Mark bat mich, zu ihm zu kommen. »Tritt mir in
die Eier«, sagte er zu mir. Das ließ mich aufhorchen. »Excusezmoi?«, sagte ich. Er spreizte die Beine und sagte zu mir: »Ich möchte, dass du mir mit voller Wucht in die Eier trittst.«
Er legte sich die Hände auf die Hüften, holte Luft und schloss die Augen, und ich kapierte, dass es ihm Ernst war. »Hammerhart«, sagte ich, dachte aber: Was zum? Er sagte zu mir: »Na los, Junge. Zertritt mir die Eier.« »Ihnen die Eier zertreten?«
Er lachte laut auf, die Augen immer noch geschlossen, und sagte: »Selbst wenn du wolltest, könntest du mir die Eier nicht zertreten. Ich will dir nur zeigen, dass ein durchtrainierter Körper jeden Schlag wegstecken kann. Und jetzt tritt mir in die Eier.« Ich erwiderte: »Ich bin Pazifist«, und da die meisten Kinder in meinem Alter noch nicht wissen, was das ist, drehte ich mich um und erklärte es den anderen: »Ich finde es falsch, jemand anderem die Eier zu zertreten, ganz grundsätzlich.«
Sensei Mark sagte: »Darf ich dich etwas fragen?« Ich drehte mich wieder zu ihm um und sagte: »›Darf ich dich etwas fragen?‹ ist doch schon eine Frage.« Er sagte: »Träumst du davon, ein Ju-Jutsu-Meister zu werden?« »Nein«, erwiderte ich, obwohl ich eigentlich auch nicht mehr davon träume, später den Juwelierladen unserer Familie zu übernehmen. Er sagte: »Möchtest du wissen, wie ein Ju-Jutsu-Schüler zum Ju-Jutsu-Meister wird?« »Ich will alles wissen«, sagte ich zu ihm, aber auch das stimmte nicht mehr. Er sagte zu mir: »Ein Ju-Jutsu-Schüler wird zum Ju-Jutsu-Meister, indem er seinem Meister die Eier zertritt.« Ich erwiderte: »Wirklich faszinierend.« Vor dreieinhalb Monaten hatte ich meine letzte Ju-Jutsu-Stunde.

Ich hätte jetzt so gern mein Tamburin dabei, weil ich trotz allem immer noch Bleifüße habe, und manchmal hilft mir das beim Spielen. Das schwierigste Stück, das ich auf meinem Tamburin spielen kann, ist »Der Hummelflug« von Nikolai Rimski-Korsakow, und das ist auch der Klingelton, den ich mir aufs Handy heruntergeladen habe, das ich nach Dads Tod bekam. Dass ich den »Hummelflug« kann, ist eigentlich ein Wunder, denn streckenweise muss man sehr schnell spielen, und das fällt mir ziemlich schwer, weil meine Handgelenke noch nicht kräftig genug sind.
Ron wollte mir ein fünfteiliges Drum-Set kaufen. Money can’t buy me love, versteht sich von
selbst, aber ich habe ihn doch gefragt, ob auch ein Becken-Set von Zildjian dabei wäre. Er sagte: »Was immer du willst«, und dann nahm er sich mein Jo-Jo vom Schreibtisch und tat so, als
führte er einen Hund aus. Er meinte es einfach nur nett, aber ich war unglaublich genervt. »Jo-Jo moi!«, habe ich gesagt und riss ihm das Ding aus der Hand. In Wahrheit wollte ich sagen: »Du bist nicht mein Dad, und du wirst es nie sein.«

Ist doch krass, dass die Toten immer mehr werden, obwohl die Erde gleich groß bleibt und es irgendwann keinen Platz mehr gibt, um die Toten zu begraben, oder? Letztes Jahr hat mir Oma zu meinem neunten Geburtstag ein Abo für National
Geographic geschenkt. Sie nennt die Zeitschrift immer »die National Geographic«. Und weil ich nur Weiß trage, hat sie mir außerdem einen weißen Blazer geschenkt, der mir viel zu groß ist, er bleibt mir also noch lange erhalten. Sie hat mir
auch Großvaters Kamera geschenkt, die ich aus zwei Gründen besonders gern mochte. Ich fragte sie, warum Großvater die Kamera nicht mitgenommen habe, als er sie verlassen hat. Sie sagte: »Vielleicht wollte er, dass du sie bekommst.« Ich sagte: »Aber da war ich doch minus dreißig Jahre alt.« Sie sagte: »Trotzdem.« Wie auch immer – faszinierend fand ich, dass laut National Geographic die Zahl der heute lebenden Menschen die Zahl all derer übertrifft, die im Laufe der Menschheitsgeschichte gestorben sind. Anders gesagt: Wenn alle Menschen zur selben Zeit Hamlet spielen wollten, ginge das nicht, weil es nicht genug Schädel gibt!

Wie wäre es mit unterirdischen Wolkenkratzern für die Toten? Sie befänden sich unter den Wolkenkratzern der Lebenden, die auf der Oberfläche stehen. Man könnte die Menschen hundert Stockwerke tief in der Erde begraben, und unter der Welt der Lebenden gäbe es eine Welt der Toten. Ich fände es auch krass, wenn der Fahrstuhl am Platz bleiben und stattdessen der Wolkenkratzer auf und ab fahren würde. Um ins 95. Stockwerk zu gelangen, müsste man einfach die Taste mit der Fünfundneunzig drücken, und dann würde das Stockwerk zu einem kommen. Das könnte unter Umständen ziemlich hilfreich sein, denn wenn man sich im fünfundneunzigsten Stockwerk befindet und unter einem ein Flugzeug einschlägt, könnte einen das Gebäude ins Erdgeschoss fahren, und dann wären alle in Sicherheit, selbst wenn man ausgerechnet an dem Tag sein Vogelfutter-Hemd zu Hause gelassen hätte.

Bisher bin ich nur zwei Mal mit einer Limousine gefahren. Beim ersten Mal war es schrecklich, obwohl die Limousine große Klasse war. Ich darf weder zu Hause noch in einer Limousine
Fernsehen gucken, aber ich fand es trotzdem super,
dass ein Fernseher im Auto war. Ich wäre total gern an der Schule vorbeigefahren,damit mich Toothpaste und The Minch in einer Limousine gesehen hätten, aber Mom meinte, die Schule läge nicht auf dem Weg, und wir dürften nicht zu spät
zum Friedhof kommen. »Warum nicht?«, fragte ich, und das hielt ich für eine klasse Frage, denn wenn man genauer darüber nachdenkt, warum nicht? Inzwischen ist es anders, aber früher war ich Atheist, und das bedeutet, dass ich nur an Dinge
geglaubt habe, die ich auch sehen konnte. Ich habe geglaubt, wenn man tot ist, ist man tot und fühlt nichts mehr und träumt auch nichts mehr. Es ist auch nicht so, dass ich jetzt an etwas glauben würde, das ich nicht sehen kann, bestimmt
nicht. Inzwischen glaube ich eher, dass alles unglaublich kompliziert ist. Und im Übrigen haben wir Dad auch gar nicht wirklich beerdigt.
Obwohl ich mich ziemlich zusammenriss, fand ich es nervig, dass Oma mich immer wieder betatschte,und deshalb kletterte ich auf den Beifahrersitz und tippte dem Fahrer auf die Schulter, bis er endlich auf mich aufmerksam wurde. »Wie. Lautet. Ihre. Benennung«, fragte ich mit meiner Stephen-Hawking-Stimme. »Wie bitte?« »Er möchte wissen, wie Sie heißen«, sagte
Oma von hinten. Er gab mir seine Karte.

GERALD THOMPSON
Sunshine Limousine
In allen fünf Bezirken
(212) 570–7249

Ich gab ihm meine Karte und sagte: »Sei.Gegrüßt. Gerald. Ich. Bin. Oskar.« Er fragte mich,warum ich so rede. Ich erwiderte: »Oskars CPU ist ein Neural Net Processor. Ein lernfähiger Computer. Je mehr Kontakt er mit Menschen hat, desto mehr lernt er.« Gerald sagte: »O«, und dann sagte er: »K.« Weil ich nicht genau wusste, ob er mich mochte, sagte ich: »Ihre Sonnenbrille ist große Klasse.« Er sagte:»ZweiteWahl, glaube ich.«
»Kennen Sie viele Schimpfwörter?« »Ein paar schon.« »Ich darf keine Schimpfwörter benutzen.« »Ist ja die Härte.« »Was bedeutet ›Ist ja die Härte‹?« »Nichts Gutes.« »Kennen Sie ›Scheiße‹?«
»Auch ein Schimpfwort, oder?« »Nicht, wenn Sie stattdessen ›Scheibenkleister‹ sagen.« »Dann wohl nicht.« »Schleckopeck mich doch am Balzacarsch,du Scheibenkleister.« Gerald schüttelte den Kopf und lachte, aber nicht auf die fiese Art, das heißt,
er lachtemich nicht aus. »Ich darf nicht einmal ›Muschi‹ sagen«, erzählte ich ihm,»es sei denn,ichmeinemeine Katze. Sie haben coole Autohandschuhe.« »Danke.« Dann fiel mir etwas ein, und ich musste es sofort loswerden: »Wenn Limousinen superlang wären, bräuchten sie überhaupt keinen Fahrer. Man könnte einfach hinten einsteigen,durch die Limousine gehen und vorne aussteigen, und dann wäre man am Ziel. Was in diesem Fall heißen würde, dass der Fahrersitz auf dem Friedhof wäre.«
»Und ich jetzt das Spiel gucken könnte.« Ich klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Wenn Sie im Wörterbuch ›urkomisch‹ nachschlagen, finden Sie da ein Bild von sich.«

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