Die Rezension bezieht sich auf die englische Originalausgabe, aber ist hoffentlich auch für Leser der deutschen Übersetzung interessant.
Fassungslos - das ist der Leser nach der Lektüre von "Extra Virginity". Fassungslos, dass er über ein so populäres Grundnahrungsmittel so wenig gewusst hat. Fassungslos, dass in keinem Land der Welt (außer offenbar in Australien) die Behörden ein Interesse daran haben, dafür zu sorgen, dass in einer Flasche Extra Vergine auch Extra Vergine drin ist. Am traurigsten ist vielleicht, dass es der Kunde vermutlich gar nicht anders will, weil er längst an das neutrale, langweilige und von allen Aromen und gesundheitsrelevanten Wirkstoffen befreite Produkt gewöhnt ist, das er unter diesem Namen im Supermarkt bekommt. Gutes Olivenöl ist nicht nur fruchtig, sondern auch bitter und scharf und kann schon mal Hustenreiz auslösen, Eigenschaften, die Otto Olivenölnormalverbraucher eher mit Qualitätsmängeln verbindet.
So stört es ihn dann leider nicht, dass sein Öl chemisch und physikalisch nachbehandelt wurde, um üble Gerüche und Geschmäcke zu entfernen, wobei alle wertvollen Bestandteile aber ebenfalls auf der Strecke blieben. Dass sein italienisches Olivenöl per Tankschiff aus Spanien oder Tunesien kam und in Italien nur noch abgefüllt wurde. Dass sein Extra Vergine mit Oliventresterextrakt, Sonnenblumenöl, Haselnussöl oder Schlimmerem verschnitten und, falls nötig, grün gefärbt wurde. Alles Methoden, die mangels richtiger Kontrollen flächendeckend verbreitet sind. Das überrascht aber auch nicht, wenn man weiß, dass die Kontrollgremien aus Vertretern der Ölindustrie zusammengesetzt sind und durch mangelnde Effizienz zum wirtschaftlichen Erfolg derselben beitragen. Der Radsport lässt grüßen.
Im Unterschied zum Wein ist es beim Olivenöl viel schwieriger, vom Etikett auf die Qualität des Inhalts zu schließen: Da ist alles Extra Vergine, also von allerhöchster Qualität. Das treibt die ehrlichen Produzenten, die ihre Kosten nicht durch die vorgenannten Methoden senken, aber trotzdem mit den Preisen der fröhlich mixenden Ölmultis konkurrieren müssen, zwangsläufig in den Ruin. Und wer sich im Supermarkt über Schnäppchenpreise von 5 Euro für einen Liter Extra Vergine freut, ist Opfer und Mittäter zugleich.
Tom Muellers mutige Ausführungen werden immer wieder durch Ausflüge in die Vergangenheit unterbrochen, in denen die wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung des Olivenöls von der Antike bis zur heutigen Zeit geschildert werden. Das hüpft bisweilen so munter hin und her, dass der Verdacht aufkommt, dass der Autor die Ausmerksamkeitsspanne seiner Leser vielleicht doch etwas unterschätzt hat.
Tom Muellers Ziel ist aber nicht nur, Missstände und kriminelle Aktivitäten rund um das Olivenöl aufzuzeigen, sondern es geht ihm auch darum, Begeisterung für diese kulinarische Kostbarkeit zu wecken. Deswegen ist ein nicht unwesentlicher Teil des Buches der Herstellung und dem Genuss des wahren Extra Vergine gewidmet, und dem Leser wird so richtig der Mund wässrig (bzw. ölig) gemacht. Hand aufs Herz: wer von uns hat schon mal einen Schluck Olivenöl genommen und wie Wein im Mund verteilt? Ich glaube gerne, dass man nur so der Wahrheit auf die Spur kommen kann, und kann es nicht abwarten, das möglichst bald selbst mit wirklich gutem Öl zu testen (die Versuche mit den heimischen Vorräten waren eher ernüchternd).
Hilfestellung hierfür findet man ganz am Ende. Als ich beim Glossar angekommen war (mit dem ein Buch ja üblicherweise schließt), hatte ich zunächst das Gefühl, mit dem Problem, in Deutschland gutes Olivenöl zu finden, allein gelassen worden zu sein. Dazu sind die konkreten Tipps im Hauptteil zu sehr auf Italien und Kalifornien bezogen. Doch dann kommt der Appendix "Choosing good oil", in dem es doch noch recht konkret wird, und hier findet man neben Tipps zur richtigen Auswahl auch etliche hilfreiche Links. Die Internetseite extravirginity.com (= truthinoliveoil.com) ist inzwischen teilweise deutschsprachig, und von dort kommt man schnell zu merum.info. Da habe ich dann gleich zwei Geschäfte in meiner Nachbarschaft gefunden (Zait in Grünstadt, Apero in Saarbrücken), wo man sich wegen der Ölqualität keine Sorgen machen muss. Da beide auch einen Onlinehandel betreiben, spielt die Geographie ohnehin keine große Rolle.