Dies war 1975 das letzte reguläre George Harrison-Album, das auf "Apple" erschien; alle weiteren veröffentlichte er dann auf seinem eigenen Dark Horse-Label. Zwei Kriterien unterscheiden diese Platte angenehm von all ihren Vorgängern und Nachfolgern: zum einen sind die Inhalte seiner Songs hier ungewohnt irdisch, allenfalls philosophisch, aber nicht religiöser oder spiritueller Natur (Harrison läßt auf seinen übrigen Platten oft ein bißchen den "Prediger" raushängen); und zum anderen bleibt festzuhalten, dass er nie vorher und nie wieder danach durchgehend derart (für seine Verhältnisse) erdig "gerockt" hat wie hier (seine Alben nach der Trennung der Beatles haben häufig einen Hang zum "Süßlichen").
Er ist (im Gegensatz zu "Dark Horse" ein Jahr zuvor) bei bester Stimme, singt fast alles selbst (vieles erstaunlich hoch, fast so, als wolle er der Welt zeigen, dass er es doch kann, nachdem er bei seiner '74er Dark Horse-Tour fast keine Stimme mehr hatte) und spielt auch fast alle Gitarren alleine ein. Zudem spielt er hier und da etwas Piano, Moog und Bass Synthesizer. Seine Mitmusiker sind wie gewohnt erste Liga und spielen sehr songdienlich. Die Streicherarrangements unterstützen die Songs geschmackvoll. Die Platte klingt warm und voll und vereint in ihrer Stimmung gekonnt einen melancholischen Unterton mit fröhlicher Zuversicht.
Wie schon Try some, buy some (auf "Living in the Material World" ('73)) stammt auch You aus 1971er Sessions für Ronnie Spector, die beide Songs dann aber ablehnte, so dass George sie selber einsang, was die ungewöhnlich hohe Tonlage, in der George You singt, erklärt.
Bis auf das etwas einfallslose Ooh Baby (You know that I love you) (seine Hommage an Smokey Robinson) beinhaltet die erste Plattenseite ganz klar die inspirierteren Kompositionen; aber auch auf der zweiten Seite (die als A Bit more of You mit dem Sax-Soloteil von You eingeleitet wird) finden sich starke Nummern.
Die Höhepunkte sind die beiden Singles You und This Guitar (Can't keep from crying), ergänzt durch World of Stone und meinen persönlichen Favoriten The Answer's at the End (in dem George leise Isn't it a Pity zitiert). This Guitar lehnt sich augenzwinkernd und sehr gekonnt musikalisch bei While my Guitar gently weeps an!
Leider hat man bei Grey Cloudy Lies die ganze leise Hochblende während der letzten Sekunden (auf Vinyl hörbar) bei der CD-Überspielung gekappt. Im CD-Zeitalter hätte man noch den Single-Edit von This Guitar anfügen können. Eigentlich ist DIES das wirkliche "Dark Horse" unter Georges Soloalben, und es wird zu Unrecht oft übersehen. Bleibt zu hoffen, dass all dem mit der fälligen Wiederveröffentlichung als remasterte CD Abhilfe geschaffen wird.