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Robert Brandoms philosophisches Projekt
Ein Jahrhundertwerk, welches den grossen Graben zwischen kontinentalem und analytischem Denken überspannt und gleichzeitig die Sprachpragmatik erstmals auf das Niveau einer systematischen theoretischen Philosophie hebt: so etwa der Ton der ersten Reaktionen auf Robert B. Brandoms «Making It Explicit», erschienen 1994. Und das Interesse hat seitdem kaum nachgelassen (vgl. NZZ vom 31. 10. 98). Wer sich bis dato noch nicht zur Lektüre dieses umfangreichen Buches entschliessen konnte, hat seit kurzem zwei Möglichkeiten: Es liegt unter dem Titel «Expressive Vernunft» eine deutsche Übersetzung vor, zu der man greifen kann; das Werk bleibt dabei natürlich mastodontisch 1014 für Suhrkamp-Verhältnisse eng bedruckte Seiten. Oder man liest Brandoms «Articulating Reasons»: eine konzentrierte Einführung in seine Philosophie, laut Klappentext gar ein «easy entry» auch für Nichtphilosophen (ein Versprechen, welches nur jenen Nichtphilosophen gegenüber eingelöst wird, die sich auch von längeren schwierigen Passagen z. B. den Ausführungen zur Begriffsschrift Gottlob Freges nicht abschrecken lassen).
Das neue Buch geht auf Vortragsreihen zurück, mit denen Brandom in den letzten Jahren beidseits des Atlantiks in Sachen seines «Inferentialism» genannten philosophischen Programms unterwegs war. Er führt es über eine Reihe von hilfreichen Abgrenzungen ein. Dass es primär um Sprache geht (und nicht um Bewusstsein), ist eine geläufige Grundentscheidung; dass unter den vielen Sprachfunktionen näherhin der tatsachenorientierte Weltbezug die Aussage als Grundfunktion ausgemacht wird, gibt dem Ansatz eine fast schon traditionelle Prägung. Hauptaufgabe der theoretischen Philosophie sei es, zu erklären, «was man tut, wenn man sagt, dass etwas so und so ist». Nun komme es aber ganz darauf an, von welcher Seite her man die Sache aufzäumt.
Mit dem späten Wittgenstein und dem Pragmatismus hält Brandom es für verkehrt, die Aussage primär als begriffliches Einfangen von Weltdingen, sekundär als Synthetisieren des Begriffenen zu Urteilen und erst tertiär als Verlautbarung dieser Urteile im intersubjektiven Verkehr zu verstehen. Der Vorrang komme der Intersubjektivität zu. Man darf dennoch vermuten, dass «Zuerst Denken, dann Reden» eine auch unter Brandomianern akzeptable Konversationsmaxime bleibt; und Brandom sieht wohl, dass nicht einmal Smalltalk möglich wäre, wenn es von Seiten der Welt keinen «input» gäbe. Das Entscheidende sei aber, dass die weltkundigen «knowers», die wir sind, von vornherein als «discoursive creatures» begriffen werden müssen: Wer unser Weltverhältnis verstehen will, muss die impliziten, sprachlichen Regeln unserer kulturellen Wechselverhältnisse begreifen. Während sich ein grosser Teil der analytischen Philosophie oft im Blick auf die Methode naturwissenschaftlicher Forschung «frontal» mit der Repräsentation von Welt in der Sprache beschäftigt hat, findet Brandom seinen Stand eher in der kontinentalen Philosophie, der man eine geisteswissenschaftlich-kulturalistische Orientierung nachsagt. Freilich ist es ausgerechnet das amerikanische Baseball-Spiel, welches Brandom (in Anschluss an David Lewis) als Bild für das intersubjektive Wechselverhältnis wählt.
Dieses interpretative Verhältnis von Sprechern beschreibt Brandom als «scorekeeping attitude». Wie im Baseball der nach verschiedenen Parametern erfasste Spielstand festlegt, was als Nächstes möglich ist, führen wir im Diskurs sozusagen Buch über einander. Wird «scorekeeping» als «Kontoführung» übersetzt, verliert Brandoms Verstehensbegriff zwar etwas vom sportlichen Flair des Originals. Aber die Struktur, auf die es ankommt, kommt der Unterscheidung von Soll und Haben sowieso näher als der komplexen Zählung von runs, strikes, balls und outs.
Eine Aussage zu verstehen, bedeutet danach zu wissen, worauf sich der Sprecher festlegt und zu welchen anderen Aussagen er dadurch berechtigt ist. Von ihrem eigenen Standpunkt (bzw. Punktestand) aus können nun die anderen Sprecher daran anknüpfen, indem sie etwa daraus die Berechtigung zu eigenen Festlegungen ziehen. Dies heisst nicht, dass nicht mehr die Welt, sondern unsere Sprachpraxis darüber entscheidet, ob unsere Aussagen wahr oder falsch sind; es heisst also nicht, dass sich Sprache nur noch auf Sprache bezieht. Vielmehr ist es gerade die Kontoführungspraxis, die erklärt, weshalb wir unterscheiden, was einer sagt und worauf er sich dabei tatsächlich bezieht: weil wir verstehen können, was einer meint, ohne uns selbst darauf festzulegen. Dass wir uns dabei in einer gemeinsamen Welt bewegen, ist mithin an den impliziten Spielregeln unserer Sprachpraxis ablesbar.
Das Neue an Brandoms Philosophie ist, dass er erstmals in einem systematischen Zusammenhang die klassischen Themen der sprachanalytischen Philosophie aus dem interpretativen Wechselverhältnis von Sprechern zu entwickeln vermag. Mag die Grundthese auch «kontinental» sein, der Bezugsrahmen der Diskussion ist doch die analytische Philosophie. Indem Brandom sich sachlich auf einen «kontinentalen» Standpunkt stellt, gewinnt er sozusagen für das transatlantische Spielbein seines Unternehmens umso mehr Bewegungsfreiheit.
Hans Bernhard Schmid -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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