"Runaway Train" sollte man gesehen haben, möchte man irgendwann von sich behaupten, alle herausragenden Thriller zu kennen. Zu seiner Zeit war dem Film kein nennenswerter Kinoerfolg beschieden, er mauserte sich erst durch die aufkommenden Videotheken zum Leih-Tipp unter Genre-Fans. Die Story ist eigentlich schnell erzählt, die Zahl der Akteure ist ebenso begrenzt wie der Raum der Handlung (Zug) und die Kulisse drumherum ist eigentlich fast nur ein einziges, undefinierbares Winterweiß. Und deshalb darf "Runaway Train" eigentlich - ähnlich wie das ebenfalls in einem Zug spielende "Mord im Orient Express" - zu den Kammerspielen gezählt werden. Und wie das eben bei solchen ist, wird alles unwichtige Drumherum auf ein Minimum reduziert, konzentriert sich alles auf die Geschichte und die Darsteller - beides muss herausragend sein, damit ein Kammerspiel funktioniert. Genau diese Kunst ist den Machern hier perfekt gelungen! Die Zahl der Schauspieler ist klein, aber ihr Spiel ist großartig - allen voran John Voigt, der den Manny mit unglaublicher Authentizität und Eindringlichkeit spielt. Seine Dialoge mit Kumpel Buck oder Gefängnisdirektor Frank sind teils wirklich unter die Haut gehend und schildern die schwierigen Lebenserfahrungen eines unbeugsamen Geistes, den das Leben manchen Dreck schlucken ließ und der sich deshalb heute keinem Herren mehr beugen will. Sein Kumpel Buck ist der jugendliche Heißsporn, dem diese Lebenserfahrung noch fehlt und der die gemeinsame Flucht mit Manny eher als Abenteuer sieht und als Möglichkeit, einen draufzumachen. Der Gefängnisdirektor wiederum ähnelt sehr Manny, nur dass er auf der anderen Seite des Gesetzes steht. Auch ihn hat das Leben hart, illusionslos und entschieden werden lassen - sein Ziel Manny zu schnappen verfolgt er ebenso kompromisslos und zielgerichtet wie Manny das seine, lieber frei zu sterben als sich nochmals zu beugen. Nach vielen spannenden Zwischenstationen der Story endet die rasende Fahrt im führerlosen Zug schließlich mit dem Showdown der beiden alten Wölfe im Inneren der von eingekeilten Stahlteilen bizarr-grotesk verunstalteten Diesellok. Doch diesmal ist es Manny, der der Gegenseite ein Schicksal aufzwingt und sie seinem Willen unterwirft, als er den Direktor in der auf totem Gleis dahinrasenden Lok festkettet, während er wie ein antiker Titan auf dem stählernen Ungeheuer reitet, dem nahen Tod entgegen sehend, der am Prellbock wartet. Der durch den Schnee stiebende Stahlkoloss, darauf der mit Frost überzogene Manny, der sich gegen den eisigen Fahrtwind stemmt und das Wissen um den Ausgang der Höllenfahrt: Das bleibt die letzte Einstellung des Films - sie ist von ungeheurer Wucht und wirkt doch unglaublich kunstvoll. Für mich eine Ikone der Filmgeschichte.
Ein Vorrezensent hat übrigens bereits den Bezug zu Kapitän Ahab angesprochen. Auch ich finde, dass sich in "Runaway Train" unübersehbar einige Motive von Moby Dick wiederfinden. Manny und auch der Direktor ähneln in ihrer übersteigert zielfixierten Art, ihrem sie selbst verschlingenden Fanatismus sehr dem Kapitän Ahab. Der dahin rasende Zug trägt die Spuren vorangegangener Kämpfe (Kollissionen) wie Moby Dick die Harpunen einstiger Jäger trägt. Und natürlich auch der finale Ritt des Ahab auf dem Wal findet hier eine entsprechende Umsetzung.
Fazit: Ein Thriller der absoluten Extraklasse, mit hervorragenden Schauspielern, einem sogartigen Spannungsbogen, gutem Soundtrack, beeindruckenden Bildern und einem unvergesslichen Showdown!