Musik besteht aus Noten. Noten, die einst mit einem Bleistift auf ein Blatt Papier gekritzelt wurden, um dann durch Instrumente in Musik umgesetzt zu werden. Aber was sich in den letzten Jahren alles für Faktoren entwickelt haben, die ein gutes Produkt oder Album ausmachen, ist unglaublich. Dazu zählen Produktion, Coverartwork, gute, sinnvolle Texte und natürlich die Gestaltungsmittel, die Musik ausmachen, wie beispielsweise die Fantasie, Geräusche oder Überraschungsmomente mit einzubringen. Diese Dinge sind im Progressive Rock besonders erforderlich und werden somit von Fans des Genres aufs Härteste kritisiert.
Nun könnte man meinen, dass einer wie Jem Godfrey, der ja aus der Pop-Branche kommt, von diesen Dingen herzlich wenig versteht. Wer das denkt - ja, der hat sich aber gewaltig geschnitten.
Die Produktion und den Klang eines Albums von einem eigentlichen Popguru in Frage zu stellen wäre eine Beleidigung für denselbigen, sei es im Bereich Prog oder Pop, selbst, wenn das Album einen etwas raueren und "fetteren" Sound hat als das Debut. Mich stört das allerdings nicht.
Das Coverartwork gefällt mir auch sehr gut - Dieses schlichte schwarze Cover, worauf man einzig und allein ein dem RHCP-Zeichen ähnelndes Logo sieht, hat irgendwas, selbst, wenn man auf der Special Edition, die es bei Amazon ebenfalls zu erwerben gibt, so gut wie garnichts sieht. Nein, wenn Godfrey jetzt auch noch wie in seinem Debut die Texte reingeschrieben hätte, wäre das Coverartwork perfekt geworden. Denn das hat Godfrey vielleicht noch nicht verstanden, nämlich, dass es beim Prog durchaus auch um den Text geht. Das soll keine Kritik an den Lyrics selbst sein, nein, ich denke einfach, dass Fans des Prog sich auch mit Texten beschäftigen wollen, ohne sie vorher aufwändig aus dem Internet gezogen zu haben.
Fantasie besitzt Godfrey aber zweifellos, beginnend bei dem Herzklopfen am Anfang des Openers und Titeltracks, das schon mal im Longtrack Milliotown aufgetreten ist, bis hin zu den verdammt teuflisch echt klingenden, aber doch mit Keyboard gemachten Streichern in der wundervollen Ballade Saline.
Das ganze Album hat einen wesentlich melancholischeren Klang als das Debut. Jem Godfrey baut hier wieder seine typischen Melodien ein, die ich sofort erkennen würde, auch, wenn es von ihm bis jetzt nur zwei Alben im Bereich Prog gibt. Ich kenne keine Band, mit der ich Frost* vergleichen könnte. Anders als bei beispielsweise den Flower Kings, die ich auch nicht mit einer Band vergleichen könnte, höre ich hier nicht 10 Einflüsse von Bands, die zu einem eigenen auf seine Art grandiosen Stil verarbeitet wurden, sondern einen WIRKLICH eigenen Stil, den keine Band bisher gemacht hat und so schnell auch nicht machen wird. Mit dazu gehört auch der Faktor, dass man hinter einem solchen Cover niemals ein solch geniales Album erwartet. Unauffällig von außen, aber unüberhörbar von innen, eben.
Trotz dem eigenen Stil bestehen auf Experiments In Mass Appeal doch grundlegende Unterschiede zum Debut, auch, wenn der beschriebene Stil zweifellos weitergeführt wurde.
Wie auf dem ersten Album gibt es auch bei Experiments In Mass Appeal diverse Überraschungsmomente, wie beispielsweise bei ca. 1:11 min oder 4:28 min bei Welcome To Nowhere oder 4:57 min beim Opener das plötzliche Einsetzen der gesamten Band folgend auf einen kurzen Ruhemoment, meist gespielt vom Klavier und manchmal mit Gesang unterlegt.
Tatsächlich kommen auch die ruhigen besinnlichen und nebenbei wunderschönen Ruhemomente zwischen all den Proggewittern nicht zu kurz. Verbunden wurden beide zum Beispiel im Ausklang von Experiments In Mass Appeal (Lied) indem sich die ruhige Melodie immer weiter zu einem Proggewitter heransteigert.
Ein Lob muss ich an Declan Burke aussprechen. Man hätte fast keinen besseren Sänger für die Band finden können. Er hat eine Stimme, die sich perfekt in die Musik von Frost* integriert. Unauffällig, aber doch unüberhörbar; und wenn sich Jem Godfrey und John Mitchell, die im vorangegangenen Album schon gesungen haben, auch noch mal ans Mikro trauen, ja dann entsteht auch mal ein schöner Satzgesang oder ein Frage-Antwort-Spiel.
Nach all den Loben muss es ja an dem Album auch noch einen Haken geben. Ein Haken , den es bei Milliontown nicht gab. Und zwar der Abschluss. Milliontown ist für mich noch immer der ungeschlagene Track von Frost. Dagegen finde ich Wonderland zwar auch schön, allerdings hätte man das letzte Stück, den namenlosen Secret Track separat auf die Platte bringen können. So erfuhr ich, wie ich zugeben muss, eine kleine Enttäuschung, nämlich, dass es sich bei dem 15 minütigen Wonderland nicht um ein weiteres geniales Epos handelt, sondern um zwei Lieder, die in einen Track gequetscht worden. Und ich finde, man hätte aus dem ersten und dem zweiten Teil durchaus auch ein Lied machen können. Musste nicht unbedingt sein, aber ein absolutes Megahighlight wie Milliontown vermisse ich hier irgendwie doch.
Fazit:
Das zweite Album nach einem Debut, das die Messlatte für einen Nachfolger recht hoch gelegt hat, ist bekanntlich das Schwierigste. Denn dann tritt immer wieder die Frage auf: Kann das zweite Album dem ersten stand halten? Und wenn man sich dieses Album hier anhört kommt auf Anhieb die Antwort: Aber sicher doch! Auch die beiden kleinen Schwachpunkte des Albums, nämlich das Fehlen der Texte im Booklet und eines Longtracks wie Milliontown, lassen dasselbe nicht davon ab, ein Superalbum zu sein, denn es lässt sich logischerweise nur beschreiben, kritisieren und loben, was wirklich auf dem Album ist, und nicht das, was nicht drauf ist.
Insgesamt legen Godfrey und sein Frostbeulen hier ein wirklich geniales Album vor, das dem Debut zwar in sehr wenigen Dingen nachsteht, allerdings doch Dinge hat, die bei Milliontown fehlen.
Weiter so, Jem!
Nun ja, Musik besteht aus Noten, sicherlich, doch auch, wenn dieses Album in wundervollen und hervorragenden Noten steht, sind die Faktoren, die heute ein gutes Album gerade auf diesem Album wichtig - und nicht nur, um das Debut zu übertreffen. Nein, Produktion, Cover Artwork, gute und sinnvolle Texte und natürlich auch die Gestaltungsmittel, die Musik ausmachen sind hier im Übermaß vertreten.
Und diese Dinge machen Expereiments In Mass Appeal zu einem Hammeralbum, das, wenn man es im Laden stehen sieht, durchaus unauffällig wirkt, allerdings unüberhörbar ist, wenn man erstmal auf Frost* aufmerksam geworden ist.
Friedrich Stenzel, 15