Politisch völlig unkorrekt. Es geht um medizische Forschungsreisen in die deutschen Kolonien, um Malaria, Frambösie, Pest, Speischlangen, Cholera, Flussblindheit, Kuru, um Robert Koch, Friedrich Fülleborn, Bernhard Nocht, Albert Neisser, Ludwig Külz und wie sie alle hießen. Um jene, die getrieben von Ehrgeiz und Neugier, hinauszogen in die Savannen Deutsch Ostafrikas und die Urwälder Neuguineas. Damals zur Zeit der deutschen Kolonien (1884-1918) war das ein Himmelfahrtskommando. Als ich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts auf einer Reise durch Ostafrika nach Bagamoyo kam, den ehemaligen Sitz des deutschen Governeurs, fiel mir unter den Resten der deutschen Kolonialzeit der ausgedehnte Friedhof auf. Auf den Grabsteinen war neben dem Geburts- und Sterbedatum auch die Ankunft in Bagamoyo verzeichnet. Daraus ließ sich entnehmen: Die meisten der deutschen Einwanderer waren innerhalb eines Jahres nach der Ankunft gestorben: An Dysenterie, Malaria, Typhus, Hitzschlag. Reisen war eine Tortur. Ziehen Sie einmal mit dem Esel und dem Rucksack durch die Savanne. Jeder Schritt eine Qual, die Zunge aus Pappe, die Beine aus Blei, der Wille aus Gummi, der Himmel aus Feuer. Wenn die Sonne verschwindet, kommen die Schnaken. Ein von Dünnpfiff gebeutelter Darm macht solch eine Wanderung zur Höllenfahrt. In den Kolonien kam noch die Angst dazu. Einige Forschungsreisende starben durch Überfälle, manche endeten gar auf den Bratrosten der Papuas. Der Witz vom Missionar im Kochtopf, im Neuguinea des 19. Jahrhunderts war es keiner. Die Autoren haben gründlich ermittelt. Die Geschichte Herrmann Detzners, der sich von 1914 bis 1918 durch den Dschungel Neuguineas geschlagen hat, fehlt ebenso wenig wie der Massenmord in der Missionsstation des Paters Rascher (keine mir bekannte Verbindung zum KZ-Arzt Sigmund Rascher) oder die Geschichte des Zivilisationsflüchtlings Engelhardt. Der gründete 1902 auf der Südseeinsel Kabakon den Sonnenorden. Engelhardt lehrte, sich ausschließlich von Kokosnüssen zu ernähren (Kokovorismus nicht zu verwechseln mit Kokolores). Diese Frucht wüchse der Sonne am nächsten, eine Kokosnussdiät mache daher unsterblich. Selbstverständlich fand der Kokovorismus Anhänger. Doch setzte die Tatsache, dass diese schnell nach ihrer Ankunft auf der Insel starben, dem kokovoristischen Missionswerk Grenzen. Kannibalische Kochrezepte. Da wir gerade von Diät reden: In keinem Buch habe ich eine bessere Dokumentation des Kannibalismus gefunden. Es zeigt nicht nur Bilder, es liefert auch Rezepte: Oft wurden die Gefangenen, die verspeist werden sollten, zu Tode gemartert. Die Folterer versprachen sich dadurch eine Verbesserung der Fleischqualität. Üblicherweise wickelte man die Leichenteile in Pflanzenblätter, um sie anschließend auf heißen Steinen zu rösten. Noch detaillierter liest sich ein anderer Fall von Menschenfresserei, der 1907 in Neuguinea vorfiel. "Das darfst Du nicht mit westlichem Hochmut betrachten", ruft mir Öko-Ehrenfried zu. Recht hat er. Auch bei den Kelten soll es rituellen Kannibalismus gegeben haben. Gut, das ist schon eine Weile her. Aber ist nicht das Bestatten der Leichen in den Mägen ihrer Verwandten eine sinnvolle und sparsame Methode der Kadaverbeseitigung? Das Anliegen der Autoren ist ein anderes. Sie wollen zeigen, dass manche Auswirkungen des Kolonialismus segensreich für die Kolonialisierten waren. In der Tat: Was immer die Motive der Forscher und der, die sie ausschickten, gewesen waren, die Expeditionen von Koch & Co. kamen auch der einheimischen Bevölkerung zugute. Sie haben maßgeblich zu der Bevölkerungsvermehrung in den Kolonien beigetragen. Bezahlt wurden die Expeditionen in der Regel vom Reichskolonialamt oder vom Gesundheitsamt, also letztlich vom deutschen Steuerzahler. Für den waren die Kolonien ein Verlustgeschäft. Es floss an Beamtengehältern und Material bedeutend mehr in die Kolonien als über deren Steuern wieder zurückkam, von den Menschenverlusten ganz zu schweigen. Zudem machte sich Deutschland mit seinen Kolonien bei den Kolonialmächten England und Frankreich unbeliebt, was mit zum 1. Weltkrieg geführt hat. Die Kolonien waren eher ein Klotz am Bein der europäischen Mächte, ein Klotz, den sie sich allerdings selber geschmiedet hatten. Die Autoren von "Im Reich der Seuchen" haben selber an medizinischen Expeditionen in die Tropen teilgenommen. Das erklärt die Liebe mit der dieses Buch geschrieben ist, die Detailfreudigkeit. Gelegentlich zwar schießt die Lust am Erzählen übers Ziel hinaus, eine gute Anekdote können Mehlhorn und Grüntzig nicht auslassen, auch wenn sie nichts mit medizinischen Expeditionen zu tun hat. Damit zusammenhängend: Der Aufbau ist etwas verwirrend. Gelegentlich gibt es auch Flüchtigkeitsfehler. So steht auf Seite 184, dass Krokodile gigantische Mengen an Trypanosomen hätten, eine Seite weiter, dass Krokodils-Trypanosomen gigantisch wären. Sei's drum: Das Buch ist sein Geld wert.