Eine Zeitreise zurück ins frühe Mittelalter, ein packendes Abenteuer im offenen Drachenboot, die experimentelle Entdeckung Amerikas wie 500 Jahre vor Kolumbus - der gelernte Seemann, Lehrer und Weltumsegler Burghard Pieske schildert eine seiner schwierigsten Reisen: In einem original nachgebauten Wikingerschiff segelt er 1991/92 über den Nordatlantik die historische Amerika-Route des Wikingers Leif Erikson nach. Den existenziellen Höhepunkt dieser Spurensuche stellt Pieske dem hervorragend erzählten Bericht voran: 'Wir haben überlebt!'. Die Beschreibung der 60-stündigen Sturmfahrt durch die Dänemarkstraße ist denn auch der dramaturgische Höhepunkt des Buches.
Der Leser wird mitgenommen in die zweijährige Entstehungsgeschichte der Expedition. Von der ersten Begegnung mit Grönland auf einer früheren Reise, die Beschäftigung mit den Wikingern und der Faszination ihrer Schiffe bis zur endgültigen Entscheidung für das große historische Abenteuer. Die gründlichen und schwierigen Vorbereitungen werden höchst genau und anschaulich erzählt; die Werftzeit, das Ringen um möglichst originalgetreue Anfertigungen. Aber auch die notwendigen Sicherheits-Kompromisse werden nicht verschwiegen - selbstverständlich gehörten Funkanlage, Sig-nalmunition, batteriebetriebene Positionslampe und aufblasbare Rettungsinseln zur Ausrüstung der 'Wiking Saga'. Pieske ist zwar wagemutiger Abenteurer, aber nicht lebensmüde und er trägt Ver-antwortung für die kleine Crew. Als Kompromiss an die Zivilisation und zur Sicherung, ohne welche die Männer die Fahrt nicht durchgestanden hätten, wurde gemeinsam mit der 'Shangri-La', dem Katamaran von Pieskes voriger langjährigen Weltreise, als Begleitschiff gesegelt.
Zuvor jedoch musste mit der 'Wiking Saga' Segeln ganz neu gelernt und schiffspezifische Segelerfah-rungen gesammelt werden. Denn aus der Wikingerzeit haben zwar einige Schiffsrümpfe die Zeiten überdauert, doch es gibt keinerlei Segelanweisungen oder konkrete Hinweise auf Segel und Takelage. Speziell in diesem Part bricht die Begeisterung für die Fähigkeiten und Segeleigenschaften des Bootes immer wieder hervor.
Man spürt das Zusammenwachsen der beiden kleinen Crews, die sich auch erst Zusammenraufen müssen, obwohl ihre Grundpfeiler des Zusammenlebens an Bord - handwerkliches Geschick, Toleranz, Rücksichtnahme, Humor und Hilfsbereitschaft ' von Anfang an gegeben sind.
Eingeflochten in die packende Erzählung Pieskes werden Tagebuchaufzeichnungen eines Mitseglers, die den Bordalltag auf der 'Wiking Saga' untermalen: Tagelang Nässe, Nässe, Nässe, Kälte und Müdigkeit; kein warmes Essen, dafür ständiger Hunger. Immer wieder schwingen die Emotionen zwischen der Faszination des gefährlich-einfachen 'Wikinger-Lebens' und der stillen Sehnsucht nach den Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation. Aber alle aufkommenden Zweifel an der Expedition werden gebändigt durch den magischen Zauber, der von dem 14m langen hölzernen Boot ausgeht. Nüchterne Darstellungen der Tage langweiligen Wartens an verregneten Orten auf richtigen Wind und Wetter für die nächste Etappe wechseln ab mit eindrucksvollen Natur-, Wetter- und Seebe-schreibungen.
Die zweite Etappe der Reise nach der Winterpause ist insgesamt kürzer gefasst: Neben der kurzen Schilderung der Ankunft in New York steht die Hochzeit Pieskes auf Grönland im Mittelpunkt.
Die persönlichen Eindrücke und abenteuerlichen Erlebnisse der modernen Wikingerforscher werden verwoben mit der Geschichte des Wikinger Leif und dem Leben von Nordeuropas ältestem Seefah-rervolk - und so gekonnt in historische Zusammenhänge gestellt.
Burghard Pieske ist ein glänzender Erzähler, der seine Leser zu fesseln versteht. Und wären da nicht die mitgebrachten Fotoaufnahmen, die in die Jetztzeit zurückholenden Bilder, könnte die Phantasie sich tatsächlich in einer alten Wikingersaga wähnen.