In /Expecting Someone Taller/ nimmt sich Tom Holt des Nibelungenmythos' an, auf seine uebliche Weise. Wirklich, Ingolf hatte jemand groesseren erwartet als Malcolm Fisher, einen bebrillten, schmalbruestigen Schreiberling aus England. Um den Stil zu wahren, haette der letzte der Riesen und Dieb des Ringes der Nibelungen und der Tarnkappe von einem muskelbepackten blonden Helden in einem heroischen Zweikampf besiegt werden muessen, so wird er lediglich, in der Gestalt eines Dachses, von Malcolm plattgefahren.
Wie wird nun der unfaehige Malcolm mit dem Ring der Weltherrschaft und der Tarnkappe fertig? Er ist nicht in Jahrtausenden Meister der Tarnung und des Verbergens geworden, wie Ingolf, und rasch wissen alle uebrig gebliebenen nordischen Sagengestalten Bescheid und versuchen, ihm die Wagnerschen Kleinodien zu stehlen, abzuschwatzen, oder ihn einfach zu ueberfallen und sie ihm wegzunehmen. Vor allem sind da die Rheintoechter zu nennen, die auf ihre betoerende Schoenheit bauen, und Wotan mit Alberich, seinem Zwerg fuer's Grobe. Aber es stellt sich heraus, dass Malcolm andere Mittel ergreift als die Flucht! Er ueberwindet seine anfaengliche Unwissenheit und beendet den Spuk mit einem Machtwort.
/Expecting Someone Taller/ ist ein Kabinettstueckchen aus Tom Holts wachsendem Fundus von eigenwilligen Interpretationen klassischer Opernstoffe. Trockener Humor gepaart mit ganz erstaunlichen Einfaellen und Einsichten in die Konsequenzen von Wagners Ring ergeben eine Erzaehlung, deren epische Breite immer wieder in der ironischen Tiefe des Konfliktes zwischen mystisch--mythischem und der Alltaeglichkeit der handelnden Personen ihre Grenzen findet. Das Englisch ist recht einfach, wenn auch die Ironie bisweilen die Saetze etwas in die Laenge zieht. Lesbar.