© Tonio, filmkritik99.jimdo.com
Nein, einfach macht es sich und uns dieser Film nicht. "Exodus" behandelt Ereignisse um die Entstehung des Staates Israel, und der (übrigens jüdische) Regisseur Otto Preminger ist sehr um Ausgewogenheit bemüht. Das kann schrecklich danebengehen, wenn das filmische Gutmenschentum zu sehr den Akzent auf den Dialog legt und ein Film zum dozierenden Thesenfilm wird. Preminger vermeidet dies weitgehend. Zwar gibt es zu Beginn einen britischen Offizier, Major Caldwell, der reichlich borniert und eindeutig antisemitisch ist und den der Film regelrecht vorführt ("Ich kann einen Juden schon an seinen Augen erkennen." "Oh, ich hab was im Auge, würden Sie mal nachsehen", sagt darauf der von Paul Newman gespielte Jude Ari Ben Kanaan, der gerade inkognito verkehrt...). Aber selbst diese Figur, die sich durch ihren Text permanent selbst entlarvt, hat das Drehbuch klug konstruiert. Es sind nicht nur die Dinge, die Caldwell sagt. Es ist die Art, in der er sie sagt, und die Art, in der das Drehbuch das immer weiter steigert, zunächst fast unmerklich. Erst hören wir nur einen bedauerlichen, aber 1947 wohl weit verbreiteten latenten Antisemitismus heraus, dann spricht der Mann von "Rasse", und schließlich heißt es, sein Vorgesetzter, der den Juden wohlgesinnte General Sutherland, sei auch nicht ganz "arisch". Aus der Witzfigur wird jemand, bei dem einem das Lachen im Halse steckenbleibt.
Außerdem ist es genau dieser, im weiteren Verlauf des Filmes aus der Handlung verschwindende Mann, der den ersten Stein eines wichtigen Anstoßes zum Fortgang des Plots gibt. Der Anfang des Filmes spielt auf Zypern, wo die Briten Auffanglager für Juden errichten, die niemand in der Welt haben will. Die US-amerikanische (christliche) Krankenschwester Kitty (Eva Marie Saint), die sich zunächst fremd in dem Konflikt fühlt und sich heraushalten möchte, wird sich gerade wegen einer Bemerkung Caldwells entschließen, in einem Lager als Krankenschwester zu arbeiten. Damit beginnt eine weitverzweigte Geschichte, in der Kitty immer mehr in den Konflikt hereingezogen wird und sowohl Muttergefühle für die vierzehnjährige Jüdin Karen als auch Frau-Gefühle für Ari entwickelt. Ari ist eine politische Führerfigur der Hagana, einer Untergrundorganisation, die den titelgebenden Exodus von über 600 Flüchtlingen nach Palästina organisiert und für die Gründung des Staates Israel kämpft. Dabei ist er mitunter nicht zimperlich, versucht aber, sich von der Irgun abzugrenzen, einer terroristischen Hagana-Abspaltung. Was nicht immer einfach ist, denn sein Onkel ist Anführer der Terroristen, sein Vater pflegt hingegen freund-, fast bruderschaftliche Beziehungen zu Arabern (selbstverständlich führt dies seinerseits zu einem tiefen Bruderzwist).
Die gesamten Haupt- und Nebenhandlungen des knapp dreieinhalbstündigen Filmes mit sämtlichen wichtigen Personen hier wiederzugeben, sprengte den Rahmen einer Rezension. Jedenfalls gelingen Preminger zwei Dinge: 1. Einfache Wahrheiten gibt es nicht; 2. Die Verknüpfung des Privaten mit dem Politischen (auch dies kann furchtbar verkitscht werden). Paul Newman spielt eher den Hawks'schen Professional, für den die verwickelten familiären Verhältnisse zwar gewisse Irritationen, aber ihn nicht ab von seinem Weg bringen. Eva Marie Saint als Kitty ist mir fast die heimliche Hauptrolle. Sie ist es, die zwischen allen Stühlen steht. Sie ist aber auch die positive Identifikationsfigur für die These, dass man nicht unbedingt (kleine aktuelle Anspielung, die nicht antisemitisch gemeint ist) jüdische Gene haben muss, um sich für die jüdische Sache einzusetzen. "Kannst Du nicht mal eine Minute vergessen, dass Du Jude bist?", fragt sie Ari. Und küsst ihn. Wohlgemerkt: sie ihn, nicht er sie, und das ist immerhin Paul Newman. Hier und in vielen anderen Szenen erweist sich die nach außen immer distinguierte und perfekt gestylte wie frisierte Saint als wahre Schauspielerin. Sie überschreitet den Rubikon und macht damit eine Mischung aus wahrhaftiger Liebeserklärung und wichtigem politischem Statement. Sie lernt das jüdische Gemeinschaftsleben kennen; gleichwohl hat sie widersprüchliche Gefühle und taucht nur zögerlich in es ein. Wie der eingangs erwähnte General Sutherland (der eben doch kein Jude ist, wie gewisse Leute immer munkeln) steht Kitty dafür, dass man die freie Wahl hat, wessen Interessen man unterstützt. Leicht fällt es Kitty dennoch nicht, aber gerade dies macht sie so interessant und zeigt gleichzeitig, wie verfahren der Konflikt war und noch immer ist. Sie hat echte Empathie, ist aber gleichzeitig befremdet von dem Kibbuz-Leben, in dem schon Kinder und Jugendliche auf fast militärische Treue, Heldenverehrung und Opferbereitschaft eingeschworen werden. Paul Newmans Charakter Ari scheint mir ein bißchen weniger zerrissen und ambivalent zu sein.
Aber der Film, der ist auf jeden Fall ambivalent. Preminger hatte gewisse Befürchtungen, dass die Terroristen zu gut wegkämen, und dann musste er sich von gewissen Kreisen auch noch anhören, sie seien nicht gut genug weggekommen. Das liegt wohl daran, dass hier jeder sehen kann, was er sehen will. Es heißt zwar einmal, die Araber seien "fanatisch", und der Film rückt mehr jüdische als arabische Einzelschicksale in den Vordergrund. Aber Aris Onkel zeigt uns auch die hässliche Seite des Terroristenhandwerks. Ein Siebzehnjähriger namens Dov, der bei den Terroristen aufgenommen werden will, muss zuvor eine beispiellose Selbstentblößung und Demütigung hinnehmen, bevor er Treue bis in den Tod schwören darf. Hier haben wir in einer großartig gespielten und sinister ausgeleuchteten Szene zwar alle Empathie der Welt für Dov, aber vergessen wir nicht: Das ist genau die Methode sämtlicher Warlords, die zunächst einmal ihre Rekruten genauso tief demütigen, wie diese später anderen Leid zufügen sollen. Für mich wenigstens bekommt der Terrorismus hier eine besonders hässliche Fratze.
Letztlich darf auch nicht übersehen werden, dass Ari mit der Befreiung gerade dieses seines Onkels aus britischer Haft den Konflikt eskalieren lässt - von der Freundschaft zu den Arabern, auf der das gezeigten Kibbuz von Aris Vater gegründet war und mit der es lange Jahre geradezu vorbildlich lebte, ist bald nur noch wenig übrig. Wer nun jedoch denkt, dieser Film sei geradezu einseitig pro-arabisch, der irrt. Man darf ja nicht der naiven Vorstellung anhängen, nach dem 8.5.1945 seien für die Juden alle Probleme aus der Welt geschaffen! Niemand wollte sie aufnehmen, unter Stalins Ostblockreich drohte ihnen immer noch die Vernichtung, und der Holocaust war noch ungleich stärker präsent als heute. Preminger lässt auch dies in seinem Film zu Wort kommen, mal im direkten Dialog, oft aber auch anhand von Kleinigkeiten am Rande, was den Film umso wirkungsvoller macht. Beispielsweise wird einmal Karen wie selbstverständlich gefragt, ob ihre Eltern beide jüdisch WAREN. Man kommt gar nicht auf den Gedanken, dass sie noch leben könnten; es war schon der Normalfall, dass ein Jude ein Waise war. Preminger und sein Drehbuchautor Dalton Trumbo betonen das überhaupt nicht weiter. Nur einmal Imperfekt statt Präsens, das war's. So kann man maximale Wirkung mit minimalen Mitteln erzielen - und die scheinbar falsche Zeitform lässt uns erstmal schlucken...
Überhaupt, bei allem, was diesen Film ganz klar als Großproduktion ausweist, geht Preminger doch oftmals mit der ihm typischen Dezenz vor. Viele halbnahe Einstellungen mit zwei bis vier Personen im Bild, wobei seltener als bei anderen geschnitten wird, zeigen, dass er Kameramätzchen kaum nötig hat, um seine Aussage zu transportieren. Die Geschichte wirkt aus sich heraus. Und wenn sie von der Bildgestaltung unterstützt wird, geschieht das eher unterschwellig - aber keinesfalls beiläufig, wie mir scheint. Hier macht der Film auch eine Entwicklung durch, die die Entwicklung der Protagonisten und die Zuspitzung des Konfliktes widerspiegelt. Zu Beginn gibt es wie gesagt noch den rassistischen Offizier Caldwell als Witzfigur, desweiteren viel Dialog und eine eher ruhige Erzählweise. Später, wenn der Film in Palästina spielt, wird der Dialog zurückgefahren (spektakuläre Kampfaktionen werden in minutenlanger Präzisionsuhrwerkvorbereitung fast ganz ohne Dialog gezeigt). Die Ausleuchtung wird mitunter auffällig finsterer, beengender auch durch entsprechende Möbel im Bild, bei dem nur ins Zentrum noch schwaches Licht durchdringt. Neben der erwähnten Szene mit Dov sieht man das z.B. auch, kurz bevor die Gruppe um Dov von den Briten geschnappt wird. Und in einer ebenfalls sehr dunkel ausgeleuchteten Szene, in der man fast nur halb ausgeleuchtete Gesichter in der Nacht sieht, prallen die durchweg pointierter gewordenen Gegensätze ziemlich brutal aufeinander. Dov hat gerade einen Araber erschossen (es spricht für den auffällig unauffälligen Preminger, dass er die Leiche nicht zeigt), da kommt Karen zu ihm und gesteht ihm seine Liebe. Kann mann einen unpassenderen Moment und Ort finden, ein paar Meter weiter unten auf dem Hügel eine Leiche liegend? Liebe, Zärtlichkeit und Gewalt: Warum die stets von Versöhnungsgedanken beseelte Karen eigentlich den aggressiven (aber auch traumatisierten) Dov liebt, wird nie so ganz klar.
Lesen Sie weiter... ›