Meinhard Miegel zieht eine pessimistische Bilanz des Zustands der Gesellschaft. Wachstum und Wohlstand, die Paradigmen unserer sozialen Marktwirtschaft, werden einer ausführlichen und kritischen Prüfung unterzogen. Er kommt zu dem Schluß, dass unser Wohlstand weit niedriger zu bewerten ist als gemein hin angenommen und dies gerade wegen unserer Fixiertheit auf das ewige Wachstum. Das Wachstum hat durch die nicht mehr umkehrbare Zerstörung sämtlicher Arten von Ressourcen inzwischen einen negativen Einfluß auf unseren Wohlstand. Die Folgen führen unseren Staat geradewegs in den finanziellen Notstand. Meinhard Miegel rechnet mit dem unmittelbar bevorstehenden Crash unserer Umverteilungssysteme.
Nur durch eine Rückbesinnung auf Werte wie Handeln nach ethisches Grundsätzen, Übernahme von Verantwortung als Privatperson und zukünftig auch wieder als Familienverband kann der Verfall des Wohlstandes zwar nicht mehr umgekehrt aber doch zumindest gemildert werden. Der Verzicht aller Beteiligten auf sicher geglaubte Pfründe ist dabei unumgänglich.
So weit so gut und nachzulesen in vielen begeisterten Rezensionen hier bei Amazon. Warum aber nur drei Sterne? Das Buch macht keine gute Laune, was aber weniger am stark pessimistischen Grundtenor liegt, als vielmehr daran, dass zu viele wichtige Aspekte einfach ausgeblendet werden:
Der Sozialstaat wird in erster Linie als Kostenfaktor betrachtet, der jeden Bürger im Durchschnitt 9.000 Euro im Jahr kostet (S.201). Punkt. Kaum ein Wort davon, was mit diesem "Sozialaufwand" eigentlich gemeint ist. Kein Wort davon, dass zum Sozialstaat auch beispielsweise der medizinische Fortschritt gehört, der die Lebenserwartung mehr als verdoppelt hat und Krankheiten wie selbst Krebs sogar immer besser heilbar macht. Kein differenzierter Blick auf das Gesundheitssystem in dem es neben den Patienten auch Profiteure wie die Pharmaindustrie, einige wenige Ärzte oder die kassenärztlichen Vereinigungen gibt. Kein Wort darüber, was hier mehr Effizienz und eine Neuausrichtung auf den Nutzen für die Menschen als Patienten (und nicht nur als Gewerbetreibende) für Wohlstand und Wachstum erzeugen könnte.
Kein Wort über das Wachstum bei regenerativen Energien, welches durch höhere Energiekosten sicher nicht gebremst werden wird. Kein Wort über neue Werkstoffe, über neue Technologien, die die klassische Ressourcenabhängigkeit immer weiter entspannen werden. Keine posiven Aspekte beim Wachstum, die es aber zweifelsohne gibt.
Es ist keine zwingende Eigenschaft des Wachstums, dass es sich irgendwann in ein Wuchern verwandeln und schließlich in der Katastrophe enden muss. Wachstum kann sich positiv wandeln. Zum Problem wird Wachstum insbesondere dann, wenn es zu den Zwecken einiger weniger und zum Nachteil der Mehrheit betreiben wird. Das Gesundheitssytem als Teil des Sozialstaats ist ein exzellentes Beispiel dafür. Ein weiteres Beispiel ist die Globalisierung. Während der freie Handel in Europa den EU-Mitgliedern überwiegend nutzt, führt ein freier Welthandel in Afrika zu Terrorregimen, Ausbeutung und Unterdrückung. In einem Fall wird ein Wachstum im Interesse aller gefördert, im anderen die Katastrophe durch die gnadenlose Ausbeutung für die Interessen einiger weniger Individuen betrieben.
Noch so ein blinder Fleck: Meinhard Miegel nimmt die Wohlhabenden aus der Schusslinie. Wenn man ihr Vermögen auf die gesamte Weltbevölkerung aufteile, bleibe ein verschwindender Betrag für jeden einzelnen. Außerdem zeige die Krise gerade, dass das Eigentum der Wohlhabenden sinke. Folglich sei Reichtum kein Problem. Hier begeht er einen schweren volkswirtschaftlichen Denkfehler, denn die Guthaben der einen sind auch immer die Verpflichtungen der anderen. So funktionieren weltweit die Geldsysteme nun mal. Die Schulden hält Meinhard Miegel sehr wohl für ein Problem und zwar zurecht, noch dazu werden sie in der Krise nicht weniger.
Die Staatsschulden sind dabei noch nicht mal das Schlimmste, denn die Unternehmen in Deutschland sind mehr als doppelt so hoch verschuldet wie die öffentliche Hand. Die Zinsen zahlt der Privathaushalt. Seine eigenen sowieso, die des Staates über die Steuern und die der Unternehmen über die Verbraucherpreise, denn den Unternehmen bleibt nichts anderes übrig, als die Zinsenverpflichtungen in die Produktpreise mit einfließen zu lassen. Auch hier kann man einen Durchschnitt berechnen, den jeder Deutsche jedes Jahr an Zinsen zahlt: 9.500 Euro (Quelle: Helmut-Creutz.de). Das ist sogar mehr als uns der Sozialstaat nach der Logik von Meinhard Miegel kostet.
Natürlich bekommt der Privathaushalt auch Zinszahlungen für seine Ersparnisse und zwar hier ebenfalls: 9.500 Euro. Blöderweise sind diese Zinsen aber nicht sehr gleichmäßig verteilt. Wer bekommt schon 9.500 Euro Zinsen im Jahr? Tatsächlich sind 80% der Deutschen Nettozinszahler, 10% bekommen soviel wie sie zahlen und die verbleibenden 10% sind Nettoempfänger. Folglich wird durch die Verschuldung von den ärmsten 80% der Bevölkerung zu den reichsten 10% umverteilt. Tendenz steigend (Quelle: Helmut-Creutz.de). Man sollte sie nicht zu Alleinschuldigen erklären, aber man sollte die Wohlhabenden auch nicht pauschal von Kritik ausnehmen: Gerade hier findet besonders ungesundes und schädliches Wachstum statt. Schon in Deutschland sieht der Istzustand deprimierend aus. Mit welchem Superlativ man jetzt die Verhältnisse in einem Entwicklungsland beschreiben könnte, tja, da muss ich passen.
Diese dramatischen Zustände sind der Grund dafür, warum es mit Meinhard Miegels Appellen zu mehr Verantwortung und ethischem Handeln nicht getan sein wird. Schulden, Guthaben und Zinsen sind ein zentraler Bestandteil der weltweiten Währungssysteme. Sie sind ethisch anerkannt und werden von keinem vernünftigen und einflussreichen Menschen in Frage gestellt. Lediglich das Christentum kannte mal ein Zinsverbot und der Islam kennt es heute noch. In diesen beiden uralten Wertesystemen ist die Weisheit gespeichert, das jedes Geldsystem, in dem Zinsen eine zentrale Rolle spielten, der Menschheit früher oder später um die Ohren geflogen ist. Eine Rückbesinnung auf echte Werte wird im Kollaps und danach tröstlich sein. Rechtzeitiges und beherztes Eingreifen könnte aber auch die schnöden materiellen Werte retten und eine demokratischere Verteilung könnte vor Existenzängsten und nackter Angst ums Überleben schützen.
Also: Wohlstand und Wachstum zu hinterfragen sind ein guter Ansatz und das leistet Meinhard Miegels Buch in vorbildlicher Weise. Jedoch muss insbesondere der Wachstumsaspekt differenzierter betrachtet werden. Die Gründe für erstrebenswertes auf der einen und schädliches Wachstum auf der anderen Seite sind der Schlüssel. Die Menschheit in ihrer überwiegenden Mehrheit muss man nicht über Ethik und Verantwortung belehren. Mal ehrlich: Was werden gut gemeinte Appelle hier ausrichten? "Pflichtlektüre für Politiker!!!" (Jaja, is' scho' recht...)
Aber: Wie wär's den damit, den Menschen zur Abwechslung mal die Möglichkeit zur Übernahme von echter Verantwortung zu geben? Es gibt noch genügend Strukturen, die demokratisiert werden sprich in die Verantwortung aller überführt werden könnten: Unternehmen, Geldsysteme, Parteien, Staaten - alle die, die heute von entartetem Wachstum profitieren. Wohlgemerkt: Die Verantwortung muss sozialisiert werden, nicht in erster Linie die materiellen Werte. Mehr Verantwortung und weniger ohnmächtig im Hamsterrad kann auch ein Heilmittel für die "unmündige", "gedopte", "hilflose" und "überforderte Gesellschaft" sein. Hier wäre noch Potential für 300 Seiten gewesen - ein prima Thema für ein Denkwerk Zukunft.