Von der Durchsetzung eines guten Kapitalismus bis zur Abschaffung des Kapitalismus, von analytischen bis zu pragmatischen, von ökonomischen bis zu politischen Aufsätzen reichen die 24 Beiträge aus den "Blättern für deutsche und internationale Politik" aus den Jahren 2009 - 2011 des Sammelbandes. Aus einigen sei etwas wiedergegeben.
Bode/Pink schildern, wie der Staat zum ausführenden Arm der Finanzbranche wurde. Die Selbstentmachtung des Staates muss durch ein neues Staatsverständnis, das zu einer Stärkung der Demokratie führt, ersetzt werden.
Harald Schumann gibt einen Überblick über den Handel mit Rohstoffen wie Öl und Edelmetallen, aber auch Getreide, Zucker, Milch. Die Preise für Weizen, Mais und Reis haben seit 2000 um 150% zugelegt. Es gibt bereits Hungerrevolten (etwa in Uganda und Burkina Faso), weil die Bevölkerung sich Nahrung nicht mehr kaufen kann. Zwar verteuert auch steigende Nachfrage, schlechte Ernten oder nachlassende Ölförderung die Nahrung, aber Rohstoffspekulation wird zum wichtigsten Faktor für die Preissteigerung.
Tim Jackson führt aus, dass zum Wohlergehen nicht nur Essen und Obdach, sondern auch gesellschaftliche Teilhabe gehört. Letztere wurde mehr und mehr materialisiert. Liebe, Suche nach Sinn und Inhalt des Lebens, Träume und Wünsche werden in der Sprache der Güter ausgedrückt. Wir haben uns im Labyrinth des Überflusses verlaufen. Das muss geändert werden hin zu öffentlichen, gemeinschaftlichen Gütern. Statt Wachstum muss Gedeihen der Wirtschaft Ziel werden. Für Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch müssen klare Grenzen festgelegt werden. Das Bruttoinlandsprodukt ist nur ein Maß für "Geschäftigkeit", es ist Zeit für eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung als solides Maß für die Wirtschaftsleistung. Den Menschen müssen gangbare Alternativen zum Lebensstil als Konsumenten angeboten werden.
Birgit Mahnkopf kritisiert grundlegende Ideen des Neoliberalismus. So sollten Gemeinschaftsgüter wie Wasser, Gesundheit, Grundnahrungsmittel, Bildung, aber auch bezahlbarer Wohnraum. gute Verkehrsinfrastruktur, Energie nicht oder weniger dem Wirken von Angebot und Nachfrage überlassen bleiben. Liberalismus des Handels ist kein Wert an sich - manchmal ist Protektionismus besser. Auch am Fetisch "Wachstum" übt Mahnkopf nicht nur aus ökologischen Gründen Kritik.
Klaus Lederer von den Linken führt aus, was sich seit Marx an der Arbeiterklasse geändert hat: es gibt sie so nicht mehr und damit das historische Subjekt, auf dem das linke Zukunftsvertrauen beruht. Auch Friedensbewegung, Umweltbewegung und Frauenbewegung der 80er Jahre sind keine Massenbewegung mehr. So mancher ideologische Kompass der Vergangeheit gehört verschrottet. Dazu gehören große Erzählungen, objektivistischer Einschlag, fatalistische Konditionierung, "religiöse" Weltabgewandtheit, Gewissheitsmantra, Realitätsverdrängung, Selbstbezogenheit, Selbstgenügsamkeit, Denkfaulheit. Erforderlich sind Eigensinn, Neugier, Kreativität, Extravaganz, Individualität, Entdeckerfreude. Ohne Dissidenz, Zweifel, Eigensinn, Widerspruch kann es "die Linke" nicht geben.
Allespach, Demirovic und Wentzel geben gewerkschaftliche Sicht der Freiheit wieder: politische Freiheit soll in sozialer Freiheit abgesichert werden und ihre Grundlage finden. Die radikale marktwirtschaftliche Freiheit der Neoliberalen fand gerade bei jüngeren Arbeitnehmern und -innen Anklang: die Selbstverwirklichungswünsche wurden auf den Konsum gelenkt. Extrem individualistische Autonomie ist hochproblematisch, der reflektierte seiner gesellschaftlichen Voraussetzungen bewusste Wunsch nach Autonomie dagegen Kernbestandteil gewerkschaftlicher politischer Programmatik. Der Freiheitsbegriff muss den marktradikalen Akteuren streitig gemacht werden und seiner Verkrüppelung entgegengetreten werden. Der liberale Freiheitsbegriff führt Freiheit zwar im Schilde, will sie aber nicht wirklich, sondern die Unterwerfung unter die abstrakten Gesetze des Marktes und seiner Zwänge. Die Gewerkschaften müssen für positive Freiheit eintreten: soziale, ökologische und demokratische Nachhaltigkeit sowie das "gute Leben".
Claus Leggewie und Harald Welzer weisen darauf hin, dass bald der Klimagipfel von Rio sich zum 20. Mal jährt. Die Zwei-Grad-Marke als Grenze maximaler Erwärmung, die zwischenzeitlich als Ziel festgelegt wurde, ist nicht mehr realistisch. Lässt das an Demokratie zweifeln? Mehr Demokratie, eine kulturelle Revolution ist erforderlich. Mitglieder von Bürgerinitiativen, Umweltverbänden und Gruppen haben Problemen wie Ressourcenverschwendung, umweltschädliche Technik oder bedenkenlosem Konsum Gewicht verschafft. Menschen gehen für Klimaschutz und Atomausstieg, gegen die Macht der Banken auf die Straße. Hilfe dabei gibt das Internet. Gibt es Chancen für eine neue Außerparlamentarische Opposition, eine APO 2.0? Da sind auch die Eliten gefordert. Die APO 2.0 holt die Gruppen der Veränderungsbereiten aus dem toten Winkel heraus. Finden wir dazu!