Rom im Jahre 55 vor Christus: Dichter Catullus zermartert sich das Gehirn, denn er will das "perfekte Gedicht" schreiben. Als er die wahre Liebe gefunden zu haben glaubt, scheint sein Ziel in greifbare Nähe zu rücken. Die politischen Intrigen, die Rom in dieser Zeit kurz vor dem Ende der Republik bestimmen, ignoriert er dabei völlig - ein großer Fehler.
Hamburg im Jahre 2010 nach Christus: Leserin Muschelkalk zermartert sich das Gehirn, denn sie will eine ausgewogene Bewertung schreiben. Aber das ist gar nicht so einfach. Das Buch hat ihr gefallen - einerseits. Andererseits aber auch nicht.
Die Grundidee des "perfekten Gedichts" verbunden mit einer Catull-Biographie finde ich wunderbar. Dazu paßt die Erzähl-Perspektive - über Catulls Leben berichtet uns sein Freund, der Anwalt Calvus. Seine Stimme erzeugt mehr Nähe zum Leser als ein in der dritten Person geschriebener Roman und mehr Distanz zur Hauptperson als ein reiner Ich-Erzähler. Außerdem immer erfreulich bei einem Roman, der das Etikett "historisch" trägt: Man merkt, daß mit dem Autor Cornelius Hartz kein Hobby-Historiker schreibt, der sich mal dieses und jenes angelesen hat, sondern ein Mann vom Fach, der sich bei den alten Römern im allgemeinen und Catull im besonderen bestens auskennt. Das zeigt sich unter anderem in dem umfangreichen Anhang mit Zeittafel, Glossar, Personenverzeichnis und Landkarten.
Weniger gefallen hat mir der Umgang mit Sprache und Charakteren. Catull wird in drei verschiedenen Lebensphasen beschrieben: Seine Geburt und Jugend, als junger Mann auf einer denkwürdigen Mittelmeer-Reise und als etwa dreißigjähriger Dichter-König von Rom. Dabei scheint er aber keinen durchgehenden Charakterzug zu haben, als Kind ist er wehrlos und von seinem verbitterten Vater eingeschüchtert, als Dreißigjähriger willenlos und haltlos, und nur in dem spitzzüngigen, euphorischen jungen Mann, der über das Mittelmeer reist, blitzt tatsächlich der Dichter auf, dem man ebenso schöne Liebeserklärungen an seine Angebetete wie beißende Spottreime auf seine Mitmenschen zutraut.
Den älteren Catull möchte man schütteln, weil er sich so offensichtlich in die falsche Frau verliebt, aber genauso sehr möchte man seinen Biographen Calvus schütteln, in dessen Brust angeblich auch ein Dichterherz schlägt, der Catulls Leben aber so technisch sachlich und ohne jeden Anflug von Poesie oder gar Humor erzählt. Irgendwann wird es richtig spannend, und was folgt als nächstes? Eine mehrseitige Abhandlung über die Geschichte der Meeresfischzucht. Erstaunlicherweise hat dieser Exkurs tatsächlich einen Sinn, er wirkt aber, wie viele Stellen, an denen römische Geschichte und Gebräuche erklärt werden... nun, halt wie Erklärungen über römische Geschichte und Gebräuche aus dem Sachbuch, geschrieben für uns Menschen des 21. Jahrhunderts - und nicht wie die Erinnerungen eines römischen Bürgers.
Ein weiterer Punkt, den ich nur erwähne, weil der von-Zabern-Verlag offensichtlich mit Qualität aus der Masse der "historischen" Romane herausstechen will: Einige sprachliche Nachlässigkeiten scheinen vor der Veröffentlichung niemandem aufgefallen zu sein - man duzt sich oder spricht sich mit Euch und Euer an, dann heißt es aber plötzlich ganz modern: "Wo ist denn... Ihr Mann?" An einer anderen Stelle liest man, daß ein Sklave zu Boden fällt und "reglos liegen" bleibt- und im nächsten Satz heißt es, daß dieser Sklave "sich bereits nicht mehr regte."
Für mich ist dieses Buch eine wunderbare Ergänzung zu den Cicero-Romanen von Robert Harris, denn es schildert denselben Geschichtsabschnitt aus einem anderen Blickwinkel. Diverse vertraute Gestalten tauchen auf und wieder ab. Catulls fiktive Lebensgeschichte ist ebenso intelligent wie informativ. Dennoch schwanke ich zwischen drei und vier Sternen, denn aus meiner Sicht wird das Buch den hohen Ansprüchen, die sich sowohl Autor als auch Verlag augenscheinlich gesetzt haben, nicht ganz gerecht.