Obwohl ich "Exciter" natürlich bereits seit dem Veröffentlichungstag besitze - Depeche Mode-Fans wissen warum: der Sprung auf Platz 1 der LP-Charts ist Ehrensache -, schreibe ich diese Rezension bewusst erst jetzt. Ein DM-Album ist nach einmaligem Anhören nicht zu bewerten. Ich erinnere mich noch genau an das erstmalige Anhören von "Violator", das nicht nur unter Fans als das glatteste und poppigste Werk von DM gilt (und deshalb auch das bis heute kommerziell erfolgreichste ist!):"Was für ein langweiliges, musikalisch eintöniges Geplätscher. "Music for the masses" war um Längen besser!" Vier Wochen später liebte ich es! Nachdem ich vor drei Wochen das erste mal "Exciter" gehört hatte, dachte ich: "Sperrige Melodien ohne Hitqualitäten, uninspiriert und kraftlos. Kurz: Enttäuschend!" Nach den oben geschilderten Erfahrungen mit "Violator" ein hervorragendes Zeichen. Folgerichtig sage ich heute: "Ein reifes, experimentierfreudiges Werk, das in seiner Stimmung zwischen leicht und locker, emotional und optimistisch pendelt und soundtechnisch extrem modern klingt. Kurz: Ein Spitzenalbum, weit besser als das spartanische und düstere "Ultra" oder das teilweise doch recht überladene und zu rocklastige "Songs of faith and devotion". Viele Fans tauern den alten Singlehits nach. Aber wollen wir wirklich Ableger von "Everything counts", "Strangelove" oder "Enjoy the silence" hören? Ich bin sicher, das wäre für Martin Gore eine der leichtesten Übungen. Aber das wäre Stillstand. Und Stillstand ist auch in der Musik gleichbedeutend mit Rückschritt. DM sind allerdings glücklicherweise dafür bekannt, stets neue Wege einzuschlagen, nach neuen musikalischen Herausforderungen zu suchen und v.a. sich nicht selbst zu kopieren (das überlassen sie getrost deutschen Ablegern wie DE/Vision). Ohnenhin ist der Vorwurf fehlender Hits völlig unberechtigt. Neben "Dream on" besitzen vor allem "Shine", "I feel loved" und "Freelove" absolute Single-Qualitäten, die beiden letztgenannten m.E. durchaus auch Hitpotential! "Freelove" sollte allerdings gegenüber der LP-Version etwas aufgepeppt werden. Producer Mark Bell (die Arbeit mit Björk ist m.E. keineswegs ein Gütesiegel) verschleppt den Song zu sehr und bremst die tolle Melodie mit unnötigen Soundeffekten ein. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen! Eine Bearbeitung durch Altmeister Flood wäre bei "Freelove" jedenfalls mehr als interessant. Die heimlichen Highlights auf "Exciter" sind schließlich die wunderschönen Balladen "When the body speaks" und "Goodnight lovers". Diesmal hervorragend produziert von Mark Bell faszinieren sie nicht nur durch eine Gänsehautstimmung (die glücklicherweise nie in Kitsch abdriftet), sondern offenbaren vor allem ungeahnte Gesangsqualitäten Dave Gahans. Das an "Surrender" (Rückseite von "Only when I lose myself") erinnernde countryeske "Sweetest condition" ist ein weiterer Höhepunkt dessen Vielschichtigkeit erst nach wiederholtem Anhören zum Vorschein kommt. Einzig das von Martin Gore intonierte "Comatose" finde ich etwas enttäuschend, erinnert es doch (zu) sehr an ähnliche Stücke aus den 80er Jahren. "Exciter" ist alles in allem ein DM-typisches "untypisches" Album, das in 10 Jahren nicht nur unter Fans der englischen Kultband ein Klassiker sein wird. "So go buy it and get excited!"