Im Gegensatz zu "Aus Licht und Schatten" beschäftigt sich dieses Buch von Isolde Ohlbaum nicht primär mit Engelskulpturen. Es kommen natürlich welche vor, doch der Schwerpunkt dieser Fotografien liegt auf erotischen Figuren auf diversen europäischen Friedhöfen- ein heikles Thema, und eins, das auf den ersten Blick so gar nicht zusammenzupassen scheint.
Fakt ist aber, dass gerade in südlichen Ländern üppige Grabdenkmale entstanden sind, die in einmaliger Weise Trauer, Schmerz, Lust und Liebe miteinander vereinen. Seien dies nun bronzene Liebespaare oder halbnackt dahingestreckte Engel, diese Figuren strahlen eine Schönheit und gleichzeitig etwas Düsteres aus, das sie faszinierend macht. Ich war selbst erstaunt, wieviele - und vor allem überaus kreative - Beispiele es gibt. Da wurde z.B. eine Marmorfigur eines jungen Mädchens so gekonnt in die umgebende Natur integriert, dass diese mit zum Bestandteil des Grabdenkmmals wird.
Meist sind es die tragischen Fälle, die solch herausragende Denkmäler bekommen: Jung verstorbene Geliebte, aus dem Leben gerissene Paare - Isolde Ohlbaum vermag diese Stimmungen um Liebe, Leidenschaft und Tod perfekt in ihren Fotos einzufangen. Starke Hell/Dunkel-Kontraste, Lichtspiele und Farbfilter unterstreichen diese Stimmungen und heben besondere Züge hervor, ohne dass die Fotos aber durch zuviel Nachbearbeitung verfälscht wirken würden.
Die wahre Meisterschaft der Fotografin zeigt sich in Detailaufnahmen: Eine Hand mit einer Rose oder zarte, in Stein gehauene Spitze auf einem Schleier werden so lebensecht eingefangen, dass man jeden Moment eine Regung erwarten möchte. Wie immer sind die Bilder stimmungsvoll hinterfangen von Gedichten und Versen, wobei ein Satz von Nietzsche hier dem Buch auch seinen - äußerst passenden - Namen verliehen hat.
Meiner Meinung nach ist "Denn alle Lust will Ewigkeit" sogar noch einen Tick besser als "Aus Licht und Schatten", doch sechs Sterne gibt es leider nicht zu vergeben.
Dieses Buch ist sicherlich nicht für jedermann was, doch wenn man sich erstmal auf das Thema eingelassen hat, wird man viel (Augen)freude haben und in Zukunft vielleicht auch mit ein wenig wacherem Blick über europäische Friedhöfe und durch Parks gehen.