"Bei der Evolutionstheorie handelt es sich um eine Pseudowissenschaft mit unbewiesenen Hypothesen, begründet durch wissenschaftliche Fälschungen" (11).
Zwar ist Hans-Joachim Zillmer kein Biologe, sondern ein Ingenieur, fühlt sich aber trotzdem dazu berufen als tapferer Vorkämpfer gegen ein geradezu mafiöses evolutionäres Kartell anzuschreiben, welches seit knapp 150 Jahren die Wahrheit unterdrückt. Er wettert gegen die "evolutionäre Massenindoktrination" (10) oder "evolutionistische Intrigen" (69). Zillmer als Spinner abzutun scheint zwar verlockend, wäre aber wenig hilfreich, da er da sicherlich wieder die Evolutionsmafia am Werk sehen würde, die ihn, die Stimme der Vernunft, zum Schweigen bringen will. Außerdem scheinen einige meiner Vorrezensentin ja ziemlich begeistert vom Zillmers Darstellung zu sein: "Endlich mal einer, der sich traut, die Wahrheit zu sagen", lässt sich häufig zwischen den Zeilen ablesen. Das ist fatal, denn Zillmer ist nichts anderes als ein religiöser Fundamentalist der übelsten Sorte, der wissenschaftlichen Grundkonsens aus ideologischen Gründen ablehnt.
Was ist Zillmers These? Er behauptet, dass die Welt, so wie wir sie heute kennen, vor ca. 10.000 Jahren durch eine Sintflut entstanden ist und wir Menschen damals mit Dinosauriern zusammengelebt haben. Der Frage, wie die Menschheit entstanden ist, weicht Zillmer in "Die Evolutions-Lüge" aus. In seinem 1998 erschienenen Buch "Darwins Irrtum" entlarvte er sich allerdings bereits als das, was er ist: Ein ganz billiger Kreationist. Die Entstehungsgeschichte lasse sich ganz klar im Alten Testament ablesen. Gott, und nur Gott allein, sei für die Entstehung der Welt verantwortlich. Da er sich mit dieser Argumentation natürlich sofort der Lächerlichkeit preisgibt, sieht er nun von solchen Aussagen ab und konzentriert sich voll und ganz auf die Evolutionstheorie. Dazu stellt er zunächst einmal fest, dass der die Radiokarbonmethode, auch C14-Methode genannt, ablehnt. Begründung? Fehlanzeige.
Zillmers Methode wird besonders schön deutlich, wenn er zu widerlegen versucht, dass Lucy, die Urahnin der Menschheit, eben dieses unmöglich gewesen sein kann: "Nach 15-jährigem Studium der Fossilknochen kamen Zuckerman und sein Team zu dem Schluss, dass Australopithesus eine Affenart war und definitiv nicht als bipedal gelten konnte (Zuckerman, 1970, S. 75ff.). In Übereinstimmung damit gliederte Charles E. Oxnard die Knochenstruktur von Australopithesus in die gleiche Kategorie wie die eines modernen Orang-Utans ein ("Nature", Bd. 258, S. 389). Nach kinematischen Untersuchungen konnte Lucy nicht normal (statisch/stabil) gehen (Crompter et al. in: "Journal of Human Evolution", 1998, Bd. 36, S. 55-74)" (72). Wissenschaftliche Zitierweise und wissenschaftliches Vokabular schaffen eine Aura der Seriosität, um unbewiesenen Randmeinungen den Status zu verleihen, den sie gerne hätten.
Realsatirischen Charakter bekommt die Darstellung im abschließenden Kapitel: "Die Grausamkeit, die wir Terrorismus nennen, findet ihre Erklärung in der zweiten Absicht. Nehmen wir den Darwinismus weg, bleibt keine Philosophie des Konfliktes übrig [...] Aus diesem Grund ist die Wurzel des Terrorismus, der unsere Welt heimsucht, nicht in irgendeiner der monotheistischen Religionen, sondern im Darwinismus und Materialismus zu suchen" (300). Das ist, bei allem Respekt, so dämlich, dass es weh tut. Zillmer scheint der offensichtlichen Ansicht zu sein, dass die Welt vor 1859 ein Ort des Friedens und der Liebe gewesen zu sein scheint. Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, dass Kreuzzüge und Inquisition Grausamkeiten und Terror im Namen der Religion waren. Die These, dass der Darwinismus den Terror in die Welt gebracht hat, ist so blöd, dass einem die Worte fehlen.
Fazit: Lesen Sie dieses Buch! Es gibt erhellende Einblicke in die Argumentationsmethodik von Kreationisten, die auch in Europa mehr und mehr Zulauf gewinnen. Und wenn es nicht so ernst wäre, wäre es fast schon wieder lustig.