Atran definiert Religion als "kostspielige und schwer zu fälschende Bindung einer Gemeinschaft an eine faktenwidrige und kontraintuitive Welt übernatürlicher Akteure, welche die existentiellen Bedrängnisse der Menschen, etwa Tod und Täuschung, bewältigen." Somit handelt es sich um den Versuch, der Religion die Funktion einer Wirklichkeitsbewältigungsinstitution zuzuweisen. Der Ansatz ist naturalistisch. Demzufolge ging der Mensch aus einer evolutionären Landschaft hervor, die Art und Umfang seiner religiösen Ausdrucksweisen zwar kanalisiert, aber keinesfalls bestimmt hat. Dieselbe Landschaft war auch für die Entstehung affektiver 'Programme' (primäre und sekundäre Emotionen) sowie sozialer Interaktionsschemata - Raubtiere entdecken, Schutz suchen, Reziprozität im Handeln, Submission und Dominanz - und beim Menschen: Volksmechanik, -biologie, -psychologie, -soziologie verantwortlich, die sich in einem modularen Geist entwickelt haben.
Die Entdeckung von Urheberschaft und Intentionalität folgt interaktiven Ereignisstrukturen wie Jäger-Beute und Freund-Feind. Gerade bei chaotischen und zufälligen, unsicheren oder zukünftigen Ereignissen (Geburt, Pubertät, Alter, Krankheit, Tod) werden übernatürliche Verursacher angerufen. Die Kontinuität des Selbst über lange Zeiträume hat das Todesbewußtsein und damit die "Tragödie der Erkenntnis" hervorgebracht, die erst durch die Einführung übernatürlicher Akteure gelöst wird. Übernatürliche Phänomene sind immer in spezifische Kontexte eingebunden. Gute Mythen erlauben die Integration persönlicher Erfahrungen, indem die gewöhnlichen Relevanzkriterien außer Kraft gesetzt werden. Demnach haben religiöse Lehren keinen Autor, sind zeitlos und wahr. Ihre Widerlegung ist unmöglich. Religiöse Glaubensvorstellungen verletzen ontologische Kategorien (wodurch sie kontraintuitiv werden) und bleiben dennoch an alltägliche Überzeugungen und Schlußfolgerungen gebunden. In dieser Kombination fesseln sie die Aufmerksamkeit, können nicht vollständig verarbeitet werden, ermöglichen sie mehr Schlüsse, sind emotional herausfordernder und können leichter erinnert und weitergegeben werden.
Die menschliche Fähigkeit zu Metarepräsentationen (Vorstellungen über Vorstellungen) erlaubt die Erfahrung von Vergangenheit und Zukunft, die kritische Reflexion von Ideen, geistigen Austausch mit anderen, die Erfindung übernatürlicher Ursachen und Wesen, aber leider auch Täuschung, Betrug und Abtrünnigkeit. Hierfür gibt es drei Lösungsansätze: (1) Übernatürliche Akteure überwachen die Verläßlichkeit der Gläubigen; (2) Metarepräsentationen erzeugen Hoffnung durch Erschaffung kontraintuitiver aber wertrationaler Gegenwirklichkeiten; (3) Zurschaustellung von Loyalitätsgefühlen in öffentlichen Ritualen.
Atran entwickelt die komplexen Hintergründe der Ritualdynamik, problematisiert die kühnen Thesen der "Neurotheologie" und des anthropologischen Funktionalismus, hinterfragt kritisch Richard Dawkins' "Mem-Theorie" und analysiert abschließend die grundlegenden Unterschiede zwischen Religion und Wissenschaft. Auch wenn Religion keine evolutionäre Funktion per se hat, so stellen doch moralische Gefühle und existentielle Ängste evolutionär entstandene unentrinnbare Elemente der conditio humana dar, mit denen Religion routiniert und umfassend umgeht. Nie wird sie durch Wissenschaft oder Ideologie ersetzt werden. Spiritualität ist das voraussehbare Schicksal der Menschheit.
Das Werk ist sprachlich sehr viel schwerer zugänglich als Pascal Boyers "Und Mensch schuf Gott". Dennoch sollte es unbedingt als Ergänzung zu diesem Buch gelesen werden, zumal die von Boyer eingeführten Problemstellungen aus etwas anderer Perspektive beleuchtet werden und auch neue Aspekte zur Sprache kommen.