Charles Darwin erklärte in
Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl den Ursprung der Arten mittels einer einfachen Evolutionstheorie bestehend aus drei Prinzipien: Variation, Vererbung, Selektion. Mersch zeigt mit seinem Buch, dass auf der Erde praktisch alles durch Evolution entsteht, allerdings gemäß etwas anderen Prinzipien als die von Darwin vermuteten.
Peter Atkins schreibt in seinem Buch
Schöpfung ohne Schöpfer. Was war vor dem Urknall sinngemäß, dass die auf der Erde vorherrschenden energetischen Verhältnisse irgendwann zufällig Elefanten und erhabene Ideen hervorbringen werden. Das mag sein. Auch vor Darwin vermutete man bereits, dass die Arten nicht statisch sind und sich aus gemeinsamen Urformen entwickeln. Allerdings wusste man noch nicht wie. Eine plausible Erklärung gelang erstmalig Charles Darwin.
Mersch legt nach meiner Kenntnis nun das erste plausible Modell vor, mit dem sich nicht nur die biologische Evolution, sondern alle anderen eigendynamischen Evolutionen (Technik, Kultur, Wissenschaften, Gesellschaften, Sport,...) ebenfalls erklären lassen. Ähnlich wie Darwin benötigt er dafür nur drei Evolutionsprinzipien, die ich sogar für einfacher halte. Auch kann er sowohl die natürliche als auch die sexuelle Selektion auf die gleichen Evolutionsprinzipien zurückführen, was mir ein wichtiger Durchbruch zu sein scheint.
Die aktuelle vierte Auflage von "Evolution, Zivilisation und Verschwendung" widmet sich - über die Ausführungen der bisherigen Auflagen hinaus - u. a. zwei fundamentalen biologischen Fragestellungen:
- Wozu gibt es Sexualität?
- Was ist Leben?
Zumindest die erste Frage ("The Queen of Problems in Evolutionary Biology") scheint mir damit sehr weit beantwortet zu sein. Aber auch sein Beitrag zum Lebensbegriff ist sehr interessant: Nicht Mutagenität, Metabolismus und Fortpflanzungsfähigkeit (siehe etwa Manfred Eigen
Stufen zum Leben) sind für ihn die zentralen Lebenseigenschaften, sondern die Fähigkeit, Eigeninteressen zu entwickeln (insbesondere das Interesse, sich selbstzuerhalten und zu reproduzieren). Lebewesen erhalten sich also gemäß Mersch nicht einfach nur selbst, sondern sie sind bestrebt, sich selbstzuerhalten (sie "wollen" sich selbsterhalten). Interessanterweise charakterisiert Mersch also Leben über genau die gleichen Eigenschaften, die laut ihm auch Evolution bewirken. Ähnlich wie Heschl (
Das intelligente Genom), der entsprechend der Formel L=E Leben mit Erkenntnis gleichsetzt, gilt für Mersch L=E im Sinne von Leben=Evolution. Eine bemerkenswerte Folgerung aus der von ihm vorgelegten Theorie.
Was Mersch in seinem Buch vermittelt ist nicht weniger als ein neues Weltbild. Aus seiner Theorie leiten sich Erklärungen und schwerwiegende Folgerungen für das Geschlechterverhältnis, den demographischen Wandel, die Zukunft der Zivilisation und die Menschheit insgesamt ab.
Wer sich mit den aktuellen globalen Problemen beschäftigt, sollte das Buch gelesen und verstanden haben. Ich halte es für eine Pflichtlektüre für Wissenschaftler, Philosophen, Politiker und Manager.
Mersch bemüht sich redlich um eine verständliche Sprache. Und dennoch: Was er vermittelt ist nicht einfach, setzt eine hohe Bereitschaft zu abstraktem und systemischem Denken voraus. Auch sollte man sich tunlichst von eingefahrenen Denkmustern trennen, denn Mersch ist ein Querdenker, der zahlreiche Fachgebiete überblickt und miteinander verknüpft. Wer sich als Atheist und Anhänger Richard Dawkins an das Buch heranmacht, dürfte überrascht sein: Mersch lässt keinen Zweifel daran, dass er ebenfalls Atheist ist, was ihn aber nicht daran hindert, die Denkgebäuden der egoistischen Gene und der Memetik (siehe:
Das egoistische Gen: Jubiläumsausgabe) rigoros einzureißen. Der Autor scheint einem simplen Grundgedanken zu folgen: "Freunde und Verwandte kenne ich nicht. Ist ein Argument schlecht, dann wird es angezweifelt, egal von wem es ist." Was für ihn sogar für einige seiner eigenen Argumente in seinen anderen Büchern gilt.
Auch ist das Buch recht umfangreich, immerhin liest man sich durch fast 400 Seiten. Mersch wägt seine Argumente sehr genau ab, lässt andere Autoren durch längere Zitate immer wieder eingehend zu Wort kommen. Am Ende stellte sich dann aber für mich ein sehr intensives Gefühl ein: Zum ersten Mal schien mir jemand nachvollziehbar erklären zu können, wie diese ganze Welt "aus sich selbst heraus" entsteht und funktioniert.