Was für ein Wirklichkeitsverständnis bleibt übrig, wenn folgende drei Sichtweisen ausgeschlossen werden:
1. Gott erschafft den Kosmos und die Lebewesen direkt durch sein Wort (klassischer Kreationismus),
2. Gott lenkt oder programmiert zielgerichtet die Evolution (Ansatz des "Intelligent Design"),
3. Evolution verläuft ohne jede Zielorientierung als rein natürlicher, gesetzmäßig beschreibbarer Prozess.
Gegen alle drei Sichtweisen wendet sich Hans Kessler. Was er selber vertritt, beschreibt er zwar wortreich, inhaltlich aber diffus. Kessler beginnt sein Buch mit "Missdeutungen" des Schöpfungsgedankens durch Kreationisten und Naturalisten und distanziert sich dabei auch vom Ansatz des "Intelligent Design". Es folgt ein Kapitel über die Aussageabsicht der biblischen Schöpfungstexte, dann eine kritische Auseinandersetzung mit dem "harten, weltanschaulichen Naturalismus". Zwei weitere Kapitel befassen sich mit dem christlichen Verständnis von Gott, Schöpfung und Evolution und mit der "Evolution im Rahmen des Schöpfungsglaubens".
Eine Botschaft dieses Buches lautet, dass Schöpfung und Evolution problemlos miteinander harmonieren würden. Evolution lasse sich nicht nur zwanglos vom christlichen Schöpfungsglauben her verstehen, sondern bekomme in seinem Rahmen "sogar eine besondere Plausibilität" (S. 146, 160; weshalb das so sein soll, bleibt allerdings unklar). Das "kreationistische Schöpfungsverständnis" sei eine Perversion des biblischen Schöpfungsglaubens. Gott greife nicht ins Geschehen ein. Die Evolution sei ein "fortwährendes vermitteltes Schöpferwirken Gottes" (S. 152).
Das Verständnis einer Schöpfung, die sich in der Evolution irgendwie vollzieht, leidet nun aber daran, dass völlig unklar ist, was Gott eigentlich als Schöpfer tut. Aussagen darüber sind verschwommen. Kessler sagt auf ein und derselben Seite (S. 153), Gott mache, "dass die Dinge sich selber machen" (Teilhard de Chardin), dass die Evolution dabei aber auch ihre eigenen Wege gehe, auch "Umwege und Abwege". Was tut Gott also? Er sei der Urgrund alles Seins, aus dem alles hervorgeht (S. 125), er sei in allem "ganz tief verborgen als das, was allem Sein verleiht" (S. 127). Es gibt nach Kessler zwar eine Interaktion, aber worin besteht sie? Was ist Gottes Rolle? Einerseits wird eine rein natürliche Evolution bejaht, andererseits soll sich darin auch Gottes Schöpfung zeigen - ein Spagat, der nicht gelingt, was in einem späten Eingeständnis ehrlicherweise auch gesagt wird: "Wie das Zusammenspiel zwischen dem transzendent-immanenten Gott und den Geschöpfen ... zu denken sein könnte, weiß ich auch nicht" (S. 162). Das ist in der Tat der Eindruck, der sich dem Leser über viele Seiten hinweg aufdrängt.
Viele Behauptungen zu den biblischen Schöpfungsaussagen erscheinen ebenfalls wenig begründet, so zum Beispiel die Auffassung, der erste Satz der Bibel spreche von einem "mitgehenden Anfang, der dauernd anwesend ist" (S. 147). Textlich wird dies vom Autor nicht weiter begründet, es scheint eher eine existentiale Interpretation zu sein. Der erste Satz der Bibel sei Ergebnis eines Lern- und Denkprozesses (S. 56ff.). Von göttlicher Offenbarung ist dagegen bei Kessler nicht die Rede. Gen 1 habe nicht die Funktion zu erklären, wie die Dinge entstanden sind (S. 61), die Erwähnung der Arten solle nur das Gewolltsein der Vielfalt zum Ausdruck bringen (S. 62); die ursprünglich rein pflanzliche Nahrung wird als "Sehnsuchtstraum" bezeichnet (entgegen der Wendung "und es geschah so" in Gen 1,30) - das sind willkürliche Behauptungen des Autors, für die er keine exegetischen Begründungen gibt. Wenn aber Gott der Schöpfer ist, hat alles einen Bezug zu Gott, auch die Wissenschaft. Die Entflechtungsthese, ein schiedlich-friedlicher Trennungsversuch von Glauben und Wissen, funktioniert nicht.
Kritisch anzumerken ist auch, dass Wichtiges fehlt, das in einer Zusammenschau von Evolution und Schöpfung berücksichtigt werden muss: Viele konkrete biblische Aussagen über Gottes Schöpfungshandeln (im AT und im NT) werden nicht bedacht. Natürlich ist es einerseits richtig, dass Gott beständig die Schöpfung erhält und in der Schöpfung wirkt, aber andererseits sehen wir auch Gottes Eingreifen in die Schöpfung, nicht zuletzt und gerade in Jesus Christus. Gott ist zwar in der Schöpfung verborgen, er hat sich aber auch in unserer Welt mit konkreten Taten offenbart. Und daraus ergibt sich ein wichtiger Schlüssel zum biblischen Schöpfungsverständnis. In Kesslers Buch ist das kein Thema.
Ein zweiter fundamental wichtiger Aspekt des christlichen Glaubens wird ebenfalls übergangen; nämlich, dass der Mensch Sünder (also von Gott getrennt) und daher verloren ist; deshalb benötigt er einen Retter: Jesus Christus, der "gekommen ist, um zu suchen und zu retten, was verloren ist" (Lk 19,10). Davon leben Christen! Warum aber wurde Gottes Sohn Mensch, litt für uns und starb am Kreuz? Diese Frage wird nicht einmal gestellt, und sie stellt sich auch nicht, wenn Evolution wahr ist. Denn der Mensch ist in diesem Fall lediglich deshalb "Sünder", weil er auf evolutivem Wege dazu wurde (wenn man überhaupt noch von "Sünde" sprechen will). Jesus als Retter hat dann keinen Platz mehr, und er kommt als solcher auch in Kesslers Buch nicht vor. Die vermeintliche Harmonisierung von Schöpfung und Evolution hat also einen hohen Preis: Zentrale biblische Aussagen über Gott als Schöpfer und Jesus Christus als Retter gehen verloren.
Man kann in diesem Buch eine typische "moderne" Sicht von "Schöpfung" kennenlernen - wer das möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Wirklich neu ist diese Sicht aber nicht, und sie läuft darauf hinaus, dass "Schöpfung" nur noch das 5. Rad am Wagen eines evolutionistischen Wirklichkeitsverständnisses ist.