Das Buch geht auf Beiträge zurück, die auf dem 8. Kolloquim der Stiftung "Forum für Verantwortung" vom 27.3. - 1.4.2009 gehalten wurden. Darin befinden sich u. a. die folgenden Artikel (als Auswahl):
- Ernst Peter Fischer: "Licht wird fallen auf den Menschen und seine Geschichte"
Rubrik Sozialstruktruen:
- Eckart Voland: Die biologische Evolution reproduktiver Strategien. Von natürlicher Fruchtbarkeit zum Zölibat.
- Carel van Schaik/Karin Isler: Gehirne, Lebensläufe und die Evolution des Menschen.
Rubrik Kulturelles:
- Karl Eibl: Survival of the Happiest. Über den Nutzen des ästhetischen Vergnügens.
- Winfried Menninghaus: Biologie nach der Mode. Charles Darwins Ornament-Ästhetik
- Robin Dunbar: Warum die Menschen völlig anders wurden
Rubrik Besonderheiten:
- Manfred Milinski: Egoismus schafft Gemeinsinn. Das Problem des Altruismus
- Hans Mohr: Evolution der Moral und Entstehung des Rechts
- Doris Bischöf-Kübler: Von Natur aus anders. Zur Entstehung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern
Gleich zu Beginn macht Ernst Peter Fischer in seinem Artikel deutlich, wie stark Darwins Evolutionsgedanke mit der Bevölkerungslehre von Thomas Robert Malthus und der damaligen Gesellschaftstheorie verwoben ist. Eine seiner Thesen lautet: Der gleichfalls weit gereiste Alexander von Humboldt konnte nicht auf den evolutiven Gedanken kommen, weil ihm der gesellschaftliche Begriff fehlte. Fischer folgert (19): "Wenn man diese Zeitbedingtheit des Verstehens einer evolutionären Natur ernst nimmt und akzeptiert, dann folgt daraus nicht zuletzt, dass das heutige Verstehen von Evolution anders gelingt, als im 19. Jahrhundert. (...) Die Einsicht in die Evolution unterliegt selbst dem Wandel."
Die Frage, die sich hier aufdrängt, ist allerdings: Müsste dann nicht eigentlich auch die Evolutionstheorie selbst einem Wandel unterliegen? Genau das behaupten seit einiger Zeit Vertreter der Systemischen Evolutionstheorie, da insbesondere die Demografie, aus der Darwin noch seinen Malthus nahm, eben jenen Malthus längst als nicht mehr als zeitgemäß empfindet, weswegen dort nun ganz andere Theorien präferiert werden, auf die sich u.a. die Systemische Evolutionstheorie stützt. Doch das wiederum scheint den Biologen nicht zu gefallen, da für sie Darwin den Status eines Dogmas besitzt. All das erwähnt Fischer leider nicht. Ich bin jedenfalls davon überzeugt, dass man das Thema des Buches auf der Basis der Darwinschen Evolutionstheorie nicht einmal ansatzweise diskutieren kann, und das ist dann auch schon seine eigentliche Schwachstelle.
In "Die biologische Evolution reproduktiver Strategien" bemüht sich Eckart Voland redlich (am Beispiel der Krummhörner Marschbauern aus dem 18. Jahrhundert), die niedrigen Kinderzahlen moderner Menschen (und insbesondere den demographischen Übergang) doch mit Darwin und Dawkins (Theorie der egoistischen Gene) in Einklang zu bringen, was meiner Meinung nach gründlich daneben geht. Problematisch am Text scheint mir bereits die Verwendung des Wortes "natürliche Selektion" zu sein: Wenn überhaupt, dann sind hier Strategien, Lebensentscheidungen und soziale Bedingungen (z. B. Opportunitätskosten von Kindern) am Werk, die überhaupt nichts mit der auf Genen beruhenden natürlichen Selektion (und mit egoistischen Genen sowieso nichts) zu tun haben, sondern aus sozialen Gründen getroffen werden. Ferner vermisste ich klare Zahlen. Zwar erfährt man manches über die etwas höhere männliche Säuglingssterblichkeit bei den Bauern, dagegen praktisch nichts über deren Fertilität insgesamt. Sonderbar auch manche Folgerungen. Beispielsweise heißt es auf S. 119: "Danach wäre eine Quantität/Qualität-Regulation am Werk, die berücksichtigt, dass Reproduktionserfolg auch davon abhängt, wie erfolgreich man in extra-somatische Ressourcen (wie Bildung und Besitz) investiert. Genau das ist heute definitiv nicht der Fall, da gilt nämlich für beide Geschlechter: Je mehr in die Bildung investiert wird, desto niedriger der wahrscheinliche Reproduktionserfolg. Aus gen-egoistischer Sicht müsste deshalb verstärkt in Unbildung investiert werden.
Carel van Schaik und Karin Isler zeigen auf, dass die (162) "extreme Gehirnvergrößerung des Menschen auch von gravierenden Änderungen unseres Lebenslaufs begleitet wurde." Unter anderem (162) "passen unsere für Menschenauffen sehr hohe Geburtenrate und die Existenz der Menopause nicht ins Bild". Ihre Kernaussage (bzw. die Sarah Blaffer-Hrdys) (163): "Aber weshalb hatte Homo ergaster/erectus ein vergrößertes Gehirn? Die in diesen Tagen am plausibelsten erscheinende Hypothese besagt, dass diese Hominiden als erste ihre Kinder gemeinschaftlich versorgt und aufgezogen haben."
Das ist politisch so korrekt, dass es schon fast weh tut. Es fällt genau in das, was Ernst Peter Fischer eingangs ausführte: das jeweilige Verständnis von Evolution entspricht nicht der Natur, sondern dem Status der Gesellschaft.
Robin Dunbar zeigt in seiner Arbeit, dass die fortlaufende Zunahme der Gruppengröße einen erheblichen Selektionsdruck auf den Frühmenschen ausgeübt haben dürfte.
Manfred Milinski widmet sich in seinem Artikel vor allem dem Tragic-of-the-Commons-Problem gemäß Hardy. Auf eine solche Problematik wiesen indirekt auch Fischer und Wiegandt in ihrem Vorwort hin, als sie Hoimar von Ditfurth mit den Worten zitierten, dass "die Bereitschaft des Menschen zur Vermeidung zukünftiger Nachteile auf aktuelle Vorteile zu verzichten (...) in fataler Weise unterentwickelt [ist]." Offenbar war dies nie oder zu selten eine evolutionäre Notwendigkeit gewesen.
Man kann die Problematik auch an der heutigen Familiendebatte erkennen. Der Punkt, um den es Hoimar von Ditfurth ging, läuft unter dem Namen Generationengerechtigkeit. Aktuell bietet eine gesellschaftliche Organisation, bei der die Menschen mit den höchsten Kompetenzen arbeiten gehen und dann nur sehr wenig in die Zukunft investieren (d.h. nur wenige Nachkommen haben), für sie die größten Vorteile. Für die nächste Generation dürfte aber genau das (und zwar auch gemäß Darwin) eine Katastrophe sein, weil viele Kompetenzen der vorherigen Generation dann nicht mehr bei ihnen ankommen. D.h.: Die Generationengerechtigkeit würde verletzt. Mindestens 90% aller Soziologen (und die meisten Soziobiologien vermutlich auch) sind jedoch aktuell der Auffassung, dass eine solche gesellschaftliche Organisation die gerechteste sei. Für die aktuelle Generation mag das ja auch durchaus richtig sein, nicht jedoch für die nächste. Hier greift genau das, was Hoimar von Ditfurth in seinem Satz reklamierte.
Eine Lösung für das Tragic-of-the-Commons-Problem sieht Milinski in der Erlangung von Reputation, z. B. durch altruistische Vorleistungen: Wer gibt, dem wird gegeben. Seine These lautet (276): "Reputation hilft, die tragedy of the commons zu vermeiden." Dies alles wendet er dann auf das Problem des Klimawandels an. Seine Empfehlung ist: Der Erfolg dürfte bei kleiner Verhandlungsgruppengröße (mit wenigen Staaten) und hohem gegenseitigen Informationsstand am größten sein.
Hans Mohr setzt bei seiner Analyse zur Entstehung des Rechts auf der Memetik auf. Ich habe den Artikel dann nicht mehr zu Ende gelesen, da ich die Mem-Theorie, zu der Bunge/Mahner in
Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft immerhin meinen, sie sei konzeptuell so unklar, dass sie an Sinnlosigkeit grenze, für absolut unwissenschaftlich halte. Wäre sie von mir, würde sie bestenfalls für ein paar Schenkelklopfer reichen. Weil sie jedoch von Richard Dawkins ist, wird sie von vielen klugen Menschen ernst genommen, da es in den Wissenschaften nicht so sehr auf die Richtigkeit einer Theorie ankommt, sondern von wem sie ist.